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Predigt am Palmsonntag

Dassow, den 5. April 2020


10.00 Uhr




Wochenspruch


Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. (Joh 3, 14b.15)



Psalm 69
2 Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.3 Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen. 4 Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott. 8 Denn um deinetwillen trage ich Schmach, mein Angesicht ist voller Schande. 9 Ich bin fremd geworden meinen Brüdern und unbekannt den Kindern meiner Mutter; 10 denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen, und die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen. 14 Ich aber bete, HERR, zu dir zur Zeit der Gnade; Gott, nach deiner großen Güte erhöre mich mit deiner treuen Hilfe. 21 Die Schmach bricht mir mein Herz und macht mich krank. Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand, und auf Tröster, aber ich finde keine. 22 Sie geben mir Galle zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst. 30 Ich aber bin elend und voller Schmerzen. Gott, deine Hilfe schütze mich!

Epistel Philipperbrief 2,5-11

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Evangelium: Johannes 12, 12-19

12Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, 13nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel! 14Jesus aber fand einen jungen Esel und ritt darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15«Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.» 16Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte. 17Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. 18Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

Predigt


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus.  Amen.


Liebe Gemeinde!

Einige Werbesprüche:



„Gönn Dir ist einfach!“ (Sparkasse)



„Lassen Sie sich verführen“ (Danone)



„Gönnt euch was“ (Niederegger)



„Wir geben den Menschen das Beste aus der Frucht für ein gesundes und genussvolles Leben.“ (Granini)



„#gönndir diesen Monat mal so richtig! Denn nur mit Lidl wird der Januar zum #Gönnuar und du musst auf nichts verzichten!“



"Gönn dir like nobody is watching" (Burgerking)



“Das Beste für mich” (Advanta)



„Genussvolle Tee-Momente“ (Meßmer)



„Konfitüren die verführen“  (Maintal)



Liebe Gemeinde,


der Konsumismus ist die neue Weltreligion! Das behauptet jedenfalls Yuval Noah Harari in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ (, das ich zu Weihnachten geschenkt bekommen und mit Freuden konsumiert habe). Und wenn wir uns umschauen, so müssen wir ihm Recht geben. Die Gebote dieser Religion sind denkbar einfach: „Kauft, so werdet ihr glücklich!“  Darauf sind die ganzen Slogans oben ausgerichtet. Ich kann mein individuelles Glück durch Konsum erreichen. Und ich muss kein schlechtes Gewissen haben; vielmehr ist es das Gebot der Stunde, sich „etwas zu gönnen“. Denn das ist ja ein quasi-religiöses Gebot.



Und dieses Gebot gilt für alle und jeden mit Ausnahme einer kleinen Oberschicht, für die ein anderes Gebot gilt: „investiert, investiert, investiert, damit der Kuchen immer größer wird“. Denn wenn der Kuchen immer weiter wächst, gibt es mehr zu verteilen. Dann würden zwar die Reichen immer reicher, aber auch die Armen würden immer mehr bekommen.



Ich will mich jetzt nicht in wirtschaftswissenschaftliche Diskussionen einlassen. Doch die Beobachtung, dass der Hang zum Konsum eine die ganze Welt umspannende Haltung ist, ist nicht von der Hand zu weisen.



Dazu noch ein Werbeslogan, diesmal etwas älter und aus der DDR:



„Konsum ist immer gut“ (Konsum-Gaststätten)



Das heißt doch, dass dieses Phänomen schon älter ist und keine ideologischen Grenzen kennt!



Doch was bedeuten für uns Christen diese allgegenwärtigen Aufforderungen „gönn dir mal was Gutes“, „du hast es dir verdient“ „jetzt bin ich mal dran“?



Dazu unser heutiger Predigttext aus Markusevangelium (Mk 14, 3-9):



3 Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.



Liebe Gemeinde,


Jesus als Anhänger des Konsumismus, der sich auch mal etwas gönnt. So könnte man diese Szene lesen. Aber wer genauer schaut, erkennt etwas komplett anderes.



Aber lasst uns den Text von Anfang an betrachten. Da fällt auf, das der Gastgeber sehr genau benannt wird: Simon, der Aussätzige.



Simon bietet sein Haus als Schlafstelle an für die Zeit des Passahfestes im nahen Jerusalem. Und da es mehrere gibt, die Simon heißen, markiert ihn der Evangelist Markus mit dem ortsbekannten Zusatz: „Simon, der Aussätzige“. Seine Lepra-Erkrankung dürfte abgeheilt sein; nun liegt Jesus in seinem Haus entspannt zu Tisch. Er tafelt nicht allein, auch für die Anderen ist es ein mutiger Schritt zurück in die Normalität. Das finde ich bemerkenswert in Zeiten, in denen wir alle wie Aussätzige voneinander Abstand halten. Wie wird es uns gelingen, irgendwann wieder aufeinander zuzugehen? Ich stelle mir vor, dass es bei Simon auch nach seiner Heilung weiterhin Menschen gab, die sich lieber von ihm fernhielten. Man weiß ja nie… Ich hoffe, dass wir uns in Zukunft nicht von solchen Ängsten leiten lassen.



Und dann kommt eine Frau in das Haus und salbt Jesus mit Nardenöl. Das ist etwas ganz besonderes. Es entstammt der Nardenpflanze, die im Himalaya wächst. Sie im Hochgebirge zu ernten und ihr das wenige Öl zu entziehen, machen das Parfüm so wertvoll. Und deswegen wird es in kleinen Alabaster-Flacons aufbewahrt. Die Frau ehrt den Rabbi Jesus nicht wie üblich mit kalt gepresstem Olivenöl, sondern mit dem überschwänglichen Mehrwert des Nardenöls.



Viele haben über diese Frau spekuliert. Mal erschien sie ihnen als Sklavin, die vor Jesus kniete, seine Füße einölte und mit ihrer Lockenpracht trocknete. Wahlweise auch als Luxus-Prostituierte, denn „man“ weiß ja, wie „so eine“ an ein Parfüm gelangt im Wert eines Jahresgehalts. Übrigens: Im Musical „Jesus Christ Superstar“  beschwichtigt sie ihn als singende Aroma-Therapeutin mit dem Refrain: „Everything‘s alright“. Alles ist gut, alles wird gut. Für mich klingt das schon fast wie die Werbeslogans oben.



Doch Markus selbst verzichtet auf jedes Klischee, umso mehr kommt es auf ihr Handeln an.



Und Jesus? Er lässt sie gewähren; ob er ihre Verehrung schweigend genießt oder es eher unangenehm oder peinlich findet, bleibt offen. Erst die Aggressionen der Männer veranlassen ihn, Position zu beziehen. Und Jesus überrascht (mal wieder)! Er geht auf die Sachlage zunächst nicht ein, sondern nimmt die Frau in Schutz. Was bekümmert ihr sie? ist seine Frage. Es geht Jesus nicht um sein eigenes Wohlbefinden , seine eigene „Wellness“; es geht nicht darum, sich etwas zu gönnen, sondern jemand anderem. Und darin unterscheidet sich Jesus radikal von jedem Konsumismus. Nicht was mir gut tut, steht im Mittelpunkt, sondern die Sorge um meinen Nächsten.



Und das schwingt auch mit in dem bitter-wahren Satz: ihr habt allezeit Arme bei euch!



Keine leeren Versprechungen kommen hier wie „wenn ihr alle schön viel kauft, dann geht es allen gut“, aber auch nicht „wenn alle an mich glauben, wird keiner mehr arm sein“. Jesus stellt einfach die Tatsache fest, dass es schon immer Arme gab und immer Arme geben wird. Dass wir Christen damit aber nicht fatalistisch umgehen (dann ist das eben so), sondern aktiv versuchen, das Leid so weit wie möglich zu lindern, das haben auch die Jünger verstanden. Deshalb bedauern sie ja die verpasste Chance. Aber sie müssen auch lernen, dass kein Ideal es rechtfertigt, über Leichen zu gehen. Auch nicht nur bildlich gesprochen, denn die Jünger trachteten der Frau ja nicht nach dem Leben, haben aber ihre Gefühle verletzt.



Natürlich fragen wir Protestanten uns, wozu Salböl oder Weihrauch gut sein sollen, Glöckchen und prachtvolle Messgewänder sind uns fremd. Aber auch wir hängen an unnötigem Luxus. So leisten wir uns den Luxus, eine fast 800 Jahre alte Kirche zu unterhalten, obwohl es sehr viel preiswertere Versammlungsstätten gäbe. Und was man mit dem gesparten Geld alles machen könnte…



Doch Jesus wehrt sich gegen jeden Dogmatismus. Er gönnt der Frau ihre eigene Frömmigkeit, ihre eigene Form, ihre Zuneigung zu zeigen.



Und er interpretiert diese Geste neu, weil er weiß, was kommen wird:  „Sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.“ Die Frau hatte mit ihrem Parfüm nur ihre überragende Wertschätzung für Jesus überfließen lassen. Doch Jesus legt es anders aus, nimmt ihr Parfüm spontan als Salböl für die letzten Handgriffe bei seiner bevorstehenden Grablegung. Als dazu mehrere Frauen am Ostermorgen mit Salböl zu seinem Leichnam kamen, war er bereits auferstanden. Ohne ihm ein „Gutes Werk“ antun zu können, gingen sie nach Hause. Seine Salbung war bereits getan – durch die Frau in Bethanien.



In wenigen Sekunden ändert sich der Sinn des Parfüms erheblich. Was können wir daraus lernen? Vielleicht das: Wir haben andere Ressourcen, die wir eventuell als schlicht einschätzen. Aber beim Verschenken entwickeln sie eine unvermutete Wirkung. Gottes Gegenwart macht unsere einfachen Gesten so segensreich. Das ist wunderbar. Gerade in der heutigen Zeit.



Und der Friede Gottes, die höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.



Amen.




Abkündigungen

Da wir uns nach wie vor nicht versammeln können, ist für die Karwoche folgendes geplant:

Jeden Tag läuten um 18 Uhr die Glocken und laden zum Gebet ein. Ab Karfreitag schweigen die Glocken.

Gründonnerstag wird die Kirche von 10 bis 18 Uhr offen sein. Wer mag kommt vorbei und betrachtet den frisch renovierten und vergoldeten Wetterhahn, den wir in der Kirche ausstellen.

Karfreitag gibt es wieder eine Predigt im Internet

Karsamstag werden wir auf dem Friedhof das traditionelle Osterfeuer entzünden, wenn auch ohne Publikum. Per Whatsapp wird es Teile einer Andacht geben

Ostersonntag wird die Predigt als Sonderausgabe des St.-Nikolai-Boten in alle Haushalte geliefert

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