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Predigt am Sonntag am 5. Sonntag nach Trinitatis

Wochenspruch

Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben,
und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
 (Epheser 2,8)



Psalm 73

Gott ist dennoch Israels Trost
für alle, die reinen Herzens sind.
Ich aber wäre fast gestrauchelt mit meinen Füßen;
 mein Tritt wäre beinahe geglitten.
Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen,
da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging.
Sie höhnen und reden böse,
sie reden und lästern hoch her.
Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden.
Darum läuft ihnen der Pöbel zu
und schlürft ihr Wasser in vollen Zügen.
Dennoch bleibe ich stets an dir;
denn du hältst mich bei meiner rechten Hand,
du leitest mich nach deinem Rat
und nimmst mich am Ende mit Ehren an.
Wenn ich nur dich habe,
so frage ich nichts nach Himmel und Erde.
Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet,
so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost
und mein Teil.

Evangelium: Lukas 5, 1-11

Es begab sich aber, als sich die Menge zu Jesus ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und awerft eure Netze zum Fang aus! 5Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. 7Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken. 8Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! bIch bin ein sündiger Mensch. 9Denn ein Schrecken hatte ihn erfaßt und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.


Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.
Amen.

Liebe Gemeinde!
Eigentlich ist das ja eine unkomplizierte Geschichte, die Karl-Heinz uns gerade vorgelesen hat. Jesus kommt zum See Genezareth, er trifft auf ein paar Fischer, die womöglich schon von ihm gehört haben, was ja anzunehmen ist, weil schon gleich am Anfang erzählt wird, dass eine große Menschenmenge ihn hören will. Damit er besser zu ihnen reden kann, bittet er die Fischer, ein Stück auf den See hinauszufahren. Das tun sie, und danach sollen sie ihre Netze auswerfen. Die Fischer sagen, sie hätten die ganze Nacht gefischt aber nichts gefangen. Anscheinend kann man mit einfachen Mitteln nur in der Nacht fangen. Sie tun es aber trotzdem und fangen eine große Menge an Fischen. Natürlich kann man sich darüber wundern, dass ihr vermutlich größter Fang zugleich auch ihr letzter ist und dass sie nachher den Beruf an den Nagel hängen und Jesus nachfolgen, aber das ist wohl der Überwältigung geschuldet. Nicht nur Misserfolg kann ein Leben verändern. Erfolg kann das offenbar auch.
So weit, so einfach. Und weil es so einfach wirkt, war ich beim ersten Lesen des Predigttextes auch etwas ratlos. Donnerstagabend aus dem Urlaub zurückgekommen, sitze ich am Freitagmorgen mit Bärbel und Werner zusammen und sage ihnen genau dies: ein einfacher Predigttext, so einfach, dass ich nicht recht weiß, was ich sagen soll.
Dann nehme ich meine Bibel zur Hand und schaue mir die Parallelstellen bei Matthäus und Lukas an  und sehe, dass dort anders als bei Lukas nicht von einem Wunder erzählt wird, sondern dass Jesus den Fischern einfach sagt „Folge mir nach“ und dann gehen sie tatsächlich mit ihm.
Das finde ich eigenartig. So als ob Lukas, anders als die anderen beiden, der Wirkung Jesu nicht völlig traut? Ob er deshalb meint, noch ein Wunder hinzufügen zu müssen? Nun kann ich nicht sagen, dass das Wunder mich groß stören würde; es ist nicht so spektakulär wie die Speisung der Fünftausend oder der Gang auf dem See. Ja, man muss es vielleicht nicht einmal als Wunder auffassen.
Aber wie auch immer. Wichtig ist eigentlich nicht so sehr, was Lukas gemeint haben könnte. Viel wichtiger ist, was diese Geschichte uns zu sagen hat. Um das herauszubekommen, möchte ich diese eine Geschichte mit einer anderen Geschichte konfrontieren, die aus unserer Zeit stammt und ebenfalls von einem Fischzug handelt.
„Er war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einen Fisch zu fangen. In den ersten vierzig Tagen hatte er einen Jungen bei sich gehabt. Aber nach vierzig fischlosen Tagen hatten die Eltern des Jungen ihm gesagt, dass der alte Mann jetzt bestimmt für immer salao sei, was die schlimmste Form von Pechhaben ist, und der Junge war auf ihr Geheiß in einem anderen Boot mitgefahren, das in der ersten Woche drei gute Fische gefangen hatte.“ Mit diesen Worten beginnt Ernest Hemingways letzte und wahrscheinlich auch berühmteste Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Santiago, der aber eigentlich immer nur „der alte Mann“ genannt wird, ist schon mit diesen ersten Sätzen meisterhaft beschrieben: ein alter Mann, dessen große Zeit vorüber ist, abgeschrieben von den anderen Fischern, ein Mann im Unglück, der aber nichtsdestoweniger dem Schicksal die Stirn bietet. Als er jung war, haben sie ihn den Champion genannt. Einen Tag und eine Nacht lang hatte er mit einem Schwarzen, dem stärksten Mann aus dem Dorf, einen Wettkampf ausgefochten. Jeder hatte versucht, den Arm des anderen auf die Tischplatte zu drücken. Nach zwanzig Stunden waren die Zuschauer müde geworden und hatten ein Unentschieden verlangt, nicht zuletzt, weil sie schon bald wieder zur Arbeit mussten. Aber Santiago hatte schließlich den stärkeren Willen gehabt, und er hatte es geschafft, die Hand des Schwarzen auf die Tischplatte zu drücken, noch bevor es Morgen wird.
Jetzt jedoch ist er alt und ein Mann im Unglück. „Salao“ eben. Jeder andere, so steht zu vermuten, hätte sich in sein Schicksal gefügt. Der alte Mann jedoch steigt auch am 85. Tag in sein kleines Boot und fährt aufs Meer hinaus, in der Hoffnung, diesmal den Fisch seines Lebens zu fangen. An diesem Tag scheint er endlich Glück zu haben: tatsächlich zieht etwas an seiner Angel. An der Kraft, mit der die Leine ins Meer gezogen wird, merkt der alte Mann, dass dies tatsächlich ein großer Fisch sein muss: eine Beute, die seine ganze Kraft und Aufmerksamkeit fordern wird. Fast spielerisch zieht er den alten Mann in seinem kleinen Boot ins Meer hinaus. Zwischen dem Fisch, der länger ist als Santiagos Boot und dem alten Mann beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Drei Tage und drei Nächte dauert dieser Kampf, doch der alte Mann gibt nicht auf. Er hat so gut wie nichts zu essen, nur eine Wasserflasche zu trinken, seine linke Hand verkrampft sich so sehr, dass er sie für Stunden nicht mehr gebrauchen kann, aber am Ende schafft er es, den Fisch so nahe an sein Boot heranzuziehen, dass er ihn mit seiner Harpune töten kann. Sechs Meter lang ist er; der größte Fisch, den der alte Mann in seinem Leben gefangen hat. Ein Jahr lang wird er vom Verkauf seiner Beute leben können.
Doch dann kommen die Haie. Auf den ersten schießt er seine Harpune ab, die nächsten bekämpft er mit seinem Messer; als die Klinge abbricht, schlägt er mit der Ruderpinne nach ihnen. Aber sie sind zu zahlreich, als dass er – ein Einzelner – seine Beute gegen sie verteidigen kann. Stück für Stück fressen sie den Fisch des alten Mannes, ohne dass der sie daran hindern könnte.
Gegen Ende der Erzählung kommt Santiago wieder in seinem Heimathafen an: „Er nahm den Mast heraus und schlug das Segel drum und band es fest. Dann schulterte er den Mast und begann hinaufzuklettern …  Er blieb einen Augenblick stehen und blickte zurück und sah in der Spiegelung der Straßenlaterne den großen Schwanz des Fisches hoch über das Heck des Bootes ragen. Er sah die nackte weiße Linie seines Rückgrats und die dunkle Masse des Kopfes mit dem hervorstehenden Schnabel und all die Nacktheit dazwischen.“ Gleich wird er nach Hause gehen und sich schlafen legen. Was er tun konnte, hat er getan.
Eine wunderbare Geschichte, liebe Gemeinde. Womöglich passt sie ja nicht mehr in unsere Zeit, die alles Schwere verdrängt und nur im hier und jetzt leben will. Passt nicht mit ihrer Botschaft von der Vergeblichkeit und dass man dagegen ankämpfen muss, egal wie viel es kostet, in einer Zeit, in der es eher um Oberflächlichkeiten, Genuss und Wellness zu gehen scheint. Diese Geschichte ist ebenso die Lebensgeschichte des alternden Ernest Hemingway, der erleben muss, wie seine Attraktivität bei den Frauen nachlässt, wie seine Kräfte schwinden, und wie die Worte sich ihm nicht mehr fügen, wie es auch eine exemplarische Geschichte menschlichen Lebens ist. So kann man das Leben sehen. Als einen einzigen großen Kampf, und am Ende steht unausweichlich die letzte Niederlage: der Tod. Aber alles kommt darauf an, sich nicht unterkriegen zu lassen. Dem Schicksal die Stirn zu bieten.
Ich denke, es steckt viel Lebensklugheit hinter dieser Haltung. Und auch Tapferkeit. Aber die Frage ist doch, ob es nicht auch noch eine andere Möglichkeit gibt, das Leben zu sehen.
Womit ich also nun wieder bei der Geschichte wäre, von der ich meinen Ausgang genommen habe. Als erstes sieht man wohl, dass diese beiden Geschichten völlig unterschiedlich ausgehen. Der alte Mann erleidet die schlimmste Niederlage seines Lebens; die Fischer vom See Genezareth machen einen unerwartet großen Fang. Nun könnte man, wenn man den Schluss nicht kennen würde, denken, dass sie diesen großen Fang möglichst bald zu Geld machen und sich womöglich größere Boote kaufen. Boote, mit denen sie mehr fangen können. So würden wir diese Geschichte wohl fortsetzen, aber die Geschichte selbst verläuft anders. Die Fischer verlassen alles, was sie haben und folgen Jesus auf seinem Weg ins Ungewisse. Und daran merkt man nun, dass es in dieser Geschichte nicht um materielle Reichtümer geht. Sondern es geht um die Fülle des Lebens in der Begegnung mit Jesus.
Und dann macht man noch eine weitere Entdeckung. Nämlich, dass es sich hier zwar um eine Wundergeschichte handelt, aber dass das Wunder eigentlich woanders liegt als im Materiellen. Die Fische, die sie fangen sind eigentlich nur ein Symbol. Und alleine würden sie es wohl tatsächlich nicht schaffen. Sie brauchen einen, der ihnen dabei hilft.
Und das ist dann wohl der entscheidende Unterschied zu Hemingways Novelle vom alten Mann und dem Meer. In Hemingways Novelle ist der alte Mann allein. Er hat niemanden, der ihm hilft. Die Geschichte bewundert seine Einsamkeit und seine Größe. „Ein Mann kann besiegt werden, aber er gibt nicht auf“, das ist die Botschaft, die ganz explizit in dieser Geschichte vorkommt.
Genau hier liegt nun auch der Unterschied. In der Geschichte vom Fischzug sind die Jünger die Empfangenden. Sie selbst können nichts tun. Nichts außer Jesus zu gehorchen. Und dann machen sie den Fang ihres Lebens.
Und nun glaube ich, dass diese Geschichte genauso exemplarisch ist wie die vom alten Mann und dem Meer. Beide versuchen auf ihre jeweils eigene Weise ihrem Leser oder Hörer eine Botschaft zu übermitteln. Hemingways Novelle sagt, dass das Leben ein Kampf mit der Natur und dem eigenen Schicksal ist und dass einem nichts geschenkt wird. Die Geschichte vom wunderbaren Fischfang sagt genau das Gegenteil: Alles, was wichtig ist im Leben wird dir von Gott geschenkt.
Vielleicht erleben wir es nicht ganz so exemplarisch wie in der Geschichte vom wunderbaren Fischfang. Aber wir können es in unserem Leben erfahren. Alles, was wichtig ist, können wir uns nicht erarbeiten. Es wird uns geschenkt. Die Liebe eines anderen Menschen, die Tatsache, dass wir uns selbst annehmen können. All das ist wichtig, aber wir können es uns nicht verdienen. Wir müssen darum kämpfen, immer wieder, auch lange und schwere Kämpfe durchstehen, aber im entscheidenden Moment können wir uns nur beschenken lassen.
Ich denke, das ist ein zentrales Element der Botschaft Jesu. Gott ist unser Schöpfer; er schenkt uns alles, was zu unserem Leben wichtig ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Fürbitte

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
Wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
Sondern erlöse uns von dem Bösen. -
Denn dein ist das Reich und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.






Segen



Der HERR segne dich und  behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten
über dir und sei dir gnädig;
der HERR erhebe sein Angesicht auf dich
und gebe dir Frieden.




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