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Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schönberg

Predigt zum Predigttext – Apostelgeschichte 2,1-21 vom 31.05.20

Zeit für das Wort und ein Wort für die Zeit


Liebe Gemeinde,
den Predigttext für den Pfingstsonntag finden wir in der Apostelgeschichte im 2. Kapitel. Lukas überliefert und das sog. Pfingst- und Sprachenwunder – den Text zu lesen, ist – wegen der vielen Ortsnamen – auch eine sprachliche Herausforderung, an der ich mich versuche:


1 Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie (die Jüngerinnen und Jünger) alle beieinander an einem Ort.
2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen,
4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel.
6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer?
8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?
9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia,
10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen,
11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden?
13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.
14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!
15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages;
16 sondern das ist's, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist
17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben;
18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen.
19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf;
20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt.
21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«
Gott, segne dies Wort an uns allen. Amen


Dieser lange Text, erzählt vom ersten öffentlichen Auftreten der Jesus-Freunde nach Jesu Tod und Auferstehung. Bis dahin hatten sie getrauert und wohl auch Angst gehabt. Wie sollte es weiter gehen? Petrus und andere waren ja von Haus aus Fischer – sollten sie vielleicht wieder zu ihren Booten gehen und weiter machen wie vor der Begegnung mit Jesus?


An diesem Pfingsttag in Jerusalem wurde klar: wir machen weiter und zwar mit dem, was Jesus mit uns angefangen, denn Jesus lebt.


Pfingsten ist das jüdische Wochenfest, das 50 Tage nach dem Erntefest  Passah gefeiert wird. Im übertragenen Sinne wird für die Jünger und Jüngerinnen jetzt Pfingsten zu einem geistlichen, himmlischen Erntefest – sie empfangen den Heiligen Geist. Sturm und Feuer – Naturkräfte, die sonst die Ernte zerstören und Menschen in Angst und Not stürzen, werden zu Bildern des Heiligen Geistes, der das Leben mit neuem Sinn füllt. Ja, es müssen schon starke Kräfte benannt werden, um zu beschreiben, wie der Heilige Geist die Jünger ergreift.


Lukas, der die Apostelgeschichte einige Jahrzehnte nach Jesu Kreuzigung verfasst, kann gar nicht anders, als den Anfang der Kirche mit kraftvollen Worten und als Wunder zu beschreiben.


Das Wunder ist, dass die Rede der Jünger von allen, die bei dem Fest zufällig anwesend sind, verstanden wird. Lukas erzählt uns gar nicht so genau, was die Jünger eigentlich sagen. Es geht um Gottes große Taten – der genaue Inhalt der Rede ist nebensächlich, denn die Tatsache, dass jeder sie in seiner Sprache hört, dass also die Verständigungsprobleme aufgehoben sind, spricht für sich und für den Geist des Verstehens.


Am Ende spricht Petrus erklärend und deutend zu allen. Er zitiert den Propheten Joel (3,1-5), dessen Wort sich nun erfüllt: Gott gießt seinen Geist aus.


Wie das historisch genau abgelaufen ist, ob Lukas das Prophetenwort zuerst gekannt und mit dem ersten Auftreten der Jünger verbunden hat oder ob Petrus tatsächlich die Propheten zitieren konnte, bleibt ein Geheimnis. Das offensichtliche Wunder für mich aber ist, dass es die christliche Kirche bis heute gibt. Dass der Geist der Wahrheit, des Trostes, der Liebe und des Heiligen, den Jesus seinen Freunden versprochen hat, tatsächlich die Jünger erfüllt hat und sie von Jesus und Gott erzählt haben.


Wäre es nach den Herrschenden damals gegangen, dann wäre die Geschichte von Jesus mit der Kreuzigung zu Ende gewesen. Das gehört mit zum Wunder von Pfingsten: Die Erzählung von Gott, die Jesus begonnen hat, war und ist nicht zu Ende.


Wir erzählen uns bis heute: Gott ist Mensch geworden. Gott kennt die Tiefen des Lebens, Krankheit, Schmerz und Tod nicht nur, Gott hat sie ausgehalten. Gott ist Mensch geworden und hat die Höhen des Lebens – Freude, Glück, Heilung und Liebe gelebt und weitergegeben. Der Gott, von dem Jesus erzählt, ist kein gewaltiger Herrscher, der auf Kosten anderer seinen Willen durchsetzt. Gott ist kein Kriegsgott, der mit Menschen gegen Menschen kämpft. Jesus hat Gott als Gott des Friedens offenbart : Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen. Der Gott Jesu geht zu den Armen und Kranken und heilt sie.


Er schenkt den einfachen Fischern und Zolleintreibern seinen Geist.


Nicht weil sie ihn verdient haben, sondern aus Gnade. Dieser Geist teilt sich anderen Menschen mit – im Pfingstwunder durch ein Sprachenwunder.


Dass wir Menschen uns sprachlich ausdrücken, dass wir Laute mit Sinn verknüpfen und zur Kommunikation fähig sind, ist allein schon erstaunlich, dass es weltweit ungefähr (laut wikipedia) 6500 Sprachen gibt, die vom Klang ganz verschieden, im Geist aber ähnlich sind, ist für mich ein Wunder.


Beim biblischen Großprojekt: Turmbau zu Babel, wird Gott dies Wunder als Sprachenverwirrung - oder wie ich finde richtiger: Sprachenvielfalt - zugeschrieben. Pfingsten hingegen ist die Erzählung davon, dass Gott Verständigung durch den Geist gibt und die Menschen eint – was für die Hörenden nicht minder verwirrend ist.


Manche Zukunftsromane erzählen von Hilfsmitteln, die es ermöglichen, jede Sprache zu übersetzen. Aber würden wir uns dann besser verstehen?


Selbst wenn Menschen die gleiche Sprache sprechen, fehlt oft der Geist des Verstehens. Der Geist der die anderen als Mitmenschen mit Sehnsucht nach Leben und Liebe, nach Wärme und Trost versteht. So erinnert mich die Pfingstgeschichte daran: Einander verstehen ist keine Gabe der Ohren, sondern eine Fähigkeit des Herzens bzw. der Seele. Wenn Menschen sich verstehen, wenn sie sich überhaupt verstehen und dem Leben von Neuem Sinn geben, dann ist das ein Grund zum Feiern und dem Heiligen Geist dankbar zu sein. Amen


Pastorin Wilma Schlaberg
Ev.-Luth. Kirchengemeinde Schönberg St. Laurentius





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