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09.07.2012 ǀ Greifswald. Die Frau Pastor ist oft eng mit der Gemeinde ihres Mannes verwoben. Aber was passiert, wenn ihre Ehe zerbricht und das Geflecht aus Beruf und Privatleben zerreißt? Eine Betroffene aus Mecklenburg- Vorpommern erzählt:
Wir sind die, die keiner sehen will: geschiedene Pfarrfrauen. Wenn wir auf Veranstaltungen wie dem Kirchentag stehen, um über unsere Situation und über Hilfsangebote für betroffene Frauen zu informieren, gucken die meisten Leute an uns vorbei, und manchmal werden wir sogar beschimpft. Ich glaube, mit unserer bloßen Existenz erinnern wir die Menschen daran, dass sich die Gesellschaft geändert hat, dass heute nicht einmal mehr die Pfarrehen halten. Wir sind eine Bedrohung für die anderen. Deshalb habe ich Angst, meine Geschichte und die der anderen Frauen zu erzählen. Aber es muss vielleicht sein, damit sich endlich etwas ändert, damit endlich jemand hinguckt. Dieses tiefe Loch, in das man nach einer Scheidung fällt, ist bei einer Pfarrfrau – und vermutlich auch bei Pfarrmännern – ja oft noch tiefer. Sie verliert nicht nur den Partner, sondern auch ihr ganzes Zuhause, die Gemeinde, das Dorf, oft sogar die Freunde. Der Pfarrer bleibt häufig nach der Scheidung in der Gemeinde und damit auch im Pfarrhaus und in der gewohnten Umgebung. Seine Frau dagegen muss ausziehen.
„Jahrelang habe ich mich für die Kirche engagiert, und jetzt hilft mir niemand“
In Mecklenburg-Vorpommern sind viele Pfarrfrauen nicht bei der Gemeinde angestellt, arbeiten aber selbstverständlich mit. Sie haben die Schlüssel, spielen Orgel oder führen seelsorgerliche Gespräche, wenn ihr Partner gerade unterwegs ist, meist ehrenamtlich, ohne jede Bezahlung. Ich möchte diese Arbeit nicht schlechtreden. Vor allem die ältere Generation von Pfarrfrauen hat das ja so gewollt, es entspricht ihrem Selbstverständnis. Aber wenn die Ehe dann auseinanderbricht, merkt die Pfarrfrau: Ich habe jahrelang Zeit und Energie eingebracht. Und jetzt hilft mir niemand! Oder sie sieht, wie ersetzbar sie ist, wenn eine neue Frau ihre Rolle einnimmt. Wenn der Pfarrer in der Gemeinde bleibt, nehmen das die Gemeindeglieder oft einfach so hin, weil sie Angst haben, sonst vielleicht gar keinen Pfarrer mehr zu bekommen. Ich selbst habe es noch gut. Mein Mann hatte keine klassische Dorfpfarrstelle, und ich habe früher ein paar Stunden pro Woche unterrichtet, einfach, weil es mir Spaß gemacht hat. Das konnte ich nach der Scheidung ausbauen. Aber ich weiß, dass das eine Ausnahme ist. Ich kenne viele Pfarrfrauen, die mit 40, 50 plötzlich zum Arbeitsamt müssen, weil ihr Mann sie verlassen hat, und da stehen sie dann und können keine Berufserfahrung vorweisen. Vier, fünf Kinder haben sie großgezogen, Christenlehre gemacht, Gemeindeglieder besucht... aber alles ohne den Nachweis einer beruflichen Tätigkeit! Das Pfarrfrauenbild ist natürlich im Wandel, das weiß ich. Viele der jüngeren Pfarrfrauen sind heute in einem Bereich berufstätig, der zur Gemeinde keinen Bezug hat. Sie sind unabhängiger. Aber das macht das Zusammenleben nicht unbedingt leichter. Oft ist da das Gefühl: Mein Mann hat noch eine andere Frau – die Gemeinde. Wenn er zum Beispiel geplant hat, am Hochzeitstag mit seiner Frau wegzufahren, und dann jemand aus der Gemeinde stirbt, bleibt er selbstverständlich zu Hause, um die Beerdigung zu halten. Gemeinde geht vor. Natürlich fühlen sich viele Pfarrfrauen auch sehr geschätzt. Aber wenn ihre Ehe dann kaputt ist, bleibt ihnen davon nichts.
„Oft bekommt auch das Gottesbild durch die Trennung einen Riss“
Ich glaube, dass sich auch die Kirchenleitungen im Umgang mit uns hilflos fühlen. Dass die Vorgesetzten Seelsorger und gleichzeitig Dienstvorgesetzte sind – das ist eine Doppelrolle, die nicht gut tut. 2004 hat die pommersche Kirchenleitung unter Vorsitz von Bischof Hans-Jürgen Abromeit deshalb eine unabhängige Seelsorgerin – Gudrun Riedel – beauftragt, die für geschiedene Pfarrfrauen Ansprechpartnerin ist und eine Gruppe leitet. Wir sind dankbar dafür. Der Schmerz der Trennung sitzt bei vielen von uns tief und hat weitreichende Folgen: Bei manchen Pfarrfrauen bekommt das Gottesbild mit der Trennung einen Riss. Sie fühlen sich im Stich gelassen von Gott und auch von der Gemeinde, die weiter bei ihrem Pfarrer bleibt. Bei mir war der Glaube zum Glück nie eng an kirchliche Strukturen geknüpft. Und ich habe sehr früh erlebt, dass Gott mich trägt. Zwei Jahre lang habe ich nicht glauben wollen, dass ich ohne meinen Mann weiter leben muss. Dann hatte ich eines Nachts einen Traum: Ich war mit meinen beiden Kindern in einem dunklen Tunnel und wusste, dass wir da raus müssen. „Bewegt euch nicht von der Stelle“, habe ich zu den Kindern gesagt, „ich suche euren Vater, und dann gehen wir.“ Aber ich konnte ihn einfach nicht finden. Ich bin auf allen Vieren durch den Tunnel gekrochen, ich habe geweint und nach ihm gerufen. Ich wusste, dass mein Mann da irgendwo sitzt. Aber jedes Mal, wenn ich in seine Nähe kam, ist er mir ausgewichen. Irgendwann kam Jesus. Und als ich aufgewacht bin, wusste ich, dass es Zeit ist, meinen Mann loszulassen.
„Vielleicht kommen wir in der Nordkirche zu gerechteren Strukturen“
Eine Scheidung ist immer schlimm. Aber vielleicht wäre sie ein wenig leichter zu ertragen, wenn man uns geschiedenen Pfarrfrauen mehr Verständnis und mehr Hilfe entgegen bringen würde. Ich hoffe, dass sich jetzt in der Nordkirche eine Arbeitsgruppe bildet, die zu diesem Thema arbeitet und die Betroffenen zusammenführt. Dann können wir über unsere Lage reden, uns unsere Not erzählen und vielleicht gemeinsam mit der neuen Kirche zu gerechteren Strukturen kommen. Wir hoffen, dass die neue Kirche damit auch eine neue Chance für uns Pfarrfrauen wird, deren Ehe gescheitert ist.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 27/2012