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Geschäftsführer der Evangelischen Suchtkrankenhilfe geht in den Ruhestand

Peter Grosch: "Wir haben viele trocken gekriegt“

Von Marion Wulf-Nixdorf

Peter Grosch
31.01.2019 ǀ Schwerin.  Mit 14 war er schwerer Alkoholiker. Bis vor kurzem war er Chef der Suchtkrankenhilfe mit rund 200 Mitarbeitern. Am 25. Januar wurde Peter Grosch mit 63 Jahren in den Ruhestand verabschiedet. Mit seinem Leben könnte man ein Buch füllen. Wir versuchen es auf einer Seite.

Als er sieben Jahre alt war, verunglückten seine Eltern tödlich. Peter und sein Bruder Michael kamen in ein Kinderheim. Mit 14 klaute er mit einem Kumpel den Erziehern eine Flasche Wein aus dem Keller. „Das war mein Verhängnis“, sagt der heute 63-Jährige. Es sei guter Wein gewesen, der ihm gut bekommen sei. Anders als seinem Kumpel, der habe nicht so guten Wein getrunken und danach gekotzt. Der mochte dann keinen Alkohol mehr. Aber Peter hatte ein gutes Gefühl nach dem Trinken. „Wie es so ist mit Sucht“, sagt er, „man will das gute Gefühl wieder haben.“ Also trinkt man wieder. Und wieder. Der Alkohol beflügelte ihn.

Mit 16 nahm seine Tante in Rostock ihn und seinen Bruder zu sich. Eher ging es nicht, weil erst ihre Tochter aus dem Haus sein musste, damit sie Platz für die beiden Jungs hatte. „Aber mit mir kam da schon keiner mehr klar. Ich war dem Alkohol verfallen“, erinnert sich Grosch. Er machte seinen Zehnte-Klasse-Abschluss, „doof war ich ja nicht“, und lernte Zerspanungsfacharbeiter im Dieselmotorenwerk. Aber immer wieder gab es Ärger mit der Polizei, weil er im Suff Blödsinn anstellte. Dann kam mit der Einberufung zur Nationalen Volksarmee (NVA) der Vorschlag im Wehrkreiskommando: „Werde Berufssoldat! Da bist du von der Straße weg, hast Freunde, Essen und Klamotten.“ Peter unterschrieb für zehn Jahre. „Was ich nicht ahnte: Bei der NVA wurde noch mehr gesoffen als anderswo.“

Besoffen mit dem Panzer durch Rostock

Drei Jahre war er da, dann kam es 1978 zu der legendären Panzerfahrt durch Rostock. Vier Armisten, Peter war der ranghöchste, hatten in Rostock-Schutow auf dem Übungsplatz den Motor des Panzers ausgetauscht und waren auf Probefahrt unterwegs. Die vier stoppten an einem Gartenrestaurant, und es wurde kräftig einer gehoben. Inzwischen wurden sie schon von ihrer Einheit gesucht und dann in der Innenstadt gestoppt. Das war Peters Ende bei der NVA. Zum Soldaten degradiert, wurde er entlassen, bekam aber eine Abfindung und das Gehalt. „Beides war am nächsten Morgen weg. In Alk umgesetzt. Dann war ich schachmatt.“

Seine Tante in der Rostocker Südstadt nahm ihn wieder auf, „sie war herzensgut. Ihr war aber nicht klar, dass mein Bruder und ich nicht mehr führbar waren“, beschreibt Grosch die damalige Situation. In der DDR gab es offiziell keine Arbeitslosen, auch jeder Alkoholiker wurde irgendwo untergebracht. Peter Grosch machte da weiter, wo er vor der Armee aufgehöhrt hatte: im Dieselmotorenwerk. Oft war er in der Klinik in Rostock-Gehlsdorf wegen des Alkoholmissbrauchs.

"Die Frohe Botschaft“

Eines Morgens, so erzählt er, wurde er auf einer Straßenbank wach. Neben ihm lag die „Frohe Botschaft“, ein evangelikal geprägtes Blatt. Er las und fand einen Artikel über die Suchthilfe der evangelischen Kirche in Serrahn bei Güstrow. Heinz Nietzsche und seine Frau hatten dort eine Suchthilfeeinrichtung aufgebaut. Grosch ging zu seinem katholischen Pfarrer Franz-Peter Spiza – Grosch war katholisch – der begleitete ihn nach Serrahn. „Das war der 16. September 1978. Von dem Tag an habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.“ Peter Grosch lebte anderthalb Jahre in Serrahn mit anderen Alkis zusammen. Morgens gingen alle zur Arbeit, Grosch in eine Schlosserei nach Krakow am See. Abends gab es Fachvorträge, Bibelarbeit. „So sind wir trocken geworden.“

Wegen Magen- und Leberproblemen nach all dem Alkoholkonsum musste er auch von Serrahn aus ab und zu in ein Krankenhaus – in das Stift Bethlehem. Dort lernte er Krankenschwester Dietlind kennen. Sie heirateten 1980 und zogen nach Schwerin. „Das Augustenstift (evangelisches Alten-Pflegeheim bis heute) wollte meine Frau unbedingt haben“, erzählt er. „Ich wurde Hausmeister.“ Beide lebten in einer Dienstwohnung im – heute abgerissenen – Schwesternheim.

Bei der Landeskirchlichen Gemeinschaft in Schwerin, zu der Dietlind Grosch gehörte, bauten beide eine Selbsthilfegruppe auf. Jeden Montag luden sie ein. Die ersten Wochen saßen sie allein. Nur ein kleines Schild im Fenster machte auf die Gruppe aufmerksam. Dann kam eine Frau, die ihr Kind verloren hatte und durch dies große Unglück trank. Bald wurden sie mehr. Es hatte sich herum gesprochen, dass es da Menschen gab, denen man sich mit seiner Sucht anvertrauen konnte, die Hilfe gaben, bei denen man nicht verurteilt wurde.

"Dem hat Mecklenburg eine Menge zu verdanken“

1985 nahm der damalige Pastor für Diakonie in der Mecklenburgischen Landeskirche, Gerhard Kayatz, eine Tramperin in seinem Auto mit. Diese erzählte, dass sie an einem Jugendkreuzweg teilgenommen habe und dass dort für die Arbeit eines Peter Grosch gesammelt worden war, der sich um Alkoholiker kümmerte. Kayatz bestellte Grosch zu sich ins Diakonische Werk und fragte, ob er sich vorstellen könne, diese Arbeit hauptberuflich zu machen. Noch heute spricht Grosch voller Hochachtung von Landesdiakoniepastor Kayatz: „Dem hat Mecklenburg eine Menge zu verdanken“, ist er überzeugt.

„Dann bin ich durch die Gemeinden getingelt, oft mit dem katholischen Bruder Rudolf Hubert“, heute Geschäftsführer der Caritas. Beide hielten Vorträge zum Thema Alkoholismus, informierten über Hilfen, Grosch legte Zeugnis ab. Er war einer von ihnen. Ob das bei der Arbeit helfe, dass er trockener Alkoholiker ist? „Man muss nicht, aber es hilft“, meint er nach mehr als 30 Jahren Erfahrung.

Er bekam ein Dienstauto, einen Trabant. „Ich war fast jeden Abend woanders zu Gruppengesprächen.“ Er baute AGAS-Gruppen (Arbeitsgemeinschaft für Alkoholsüchtige) in ganz Westmecklenburg, in Crivitz, Gadebusch...auf. „So ist das gewachsen. Wir haben viele trocken gekriegt.“

"Neues Spiel – neues Glück“

Dann kam die friedliche Revolution. „Neues Spiel – neues Glück“, sagt Grosch. Es sei klar gewesen, „dass wir im Osten die Strukturen aus dem Westen übernehmen würden“ und so war er viel unterwegs – nun im Westen. Wie funktioniert Suchtkrankenhilfe im Westen? Noch heute muss er lachen über die Frage von Kollegen aus Bayern: „Wo sind Ihre Mitarbeiter?“ „Mitarbeiter“, sagt er lachend, „hatte ich keine“. Er lernte im Westen, besonders in der Partnerkirche in Bayern, Suchtkliniken und Beratungsstellen kennen.

Peter Grosch war weiter in der Suchtkrankenhilfe tätig, bekam Mitarbeiter. In Feldberg und in der Rostocker Südstadt baute die Diakonie Mecklenburg Suchtkliniken. Die in Feldberg ist inzwischen geschlossen, der Mietvertrag war ausgelaufen und die Bettenkapazität wurde in eine neue Klinik nach Rostock Groß Klein mitgenommen. „In Groß Klein haben wir inzwischen selbst gebaut und haben dort 100 Plätze.“ Die Klinik ist erst vor einem halben Jahr eröffnet worden.

Die Evangelische Suchtkrankenhilfe in MV hat nun drei Gesellschafter: Das Diakonische Werk, das Bonhoeffer Klinikum in Neubrandenburg und die Hospizvereinigung MV. Seit rund 20 Jahren gibt es in Tessin bei Wittenburg eine Klinik für Drogenabhängige, die wird nun aufgegeben, weil sie den Anforderungen der Deutschen Rentenversicherung nicht mehr genügt: Die verlangt Einzelzimmer, Nasszellen, barrierefrei.

„Wir werden in Schwerin auf dem Großen Dreesch neu bauen“, sagt Grosch. „14 Millionen werden dafür benötigt. Wir müssen einen Kredit aufnehmen und haben Eigenmittel. Das Grundstück ist bereits gekauft.“ Dies erlebt Grosch nun aber nicht mehr als Geschäftsführer. Denn am 25. Januar wurde er im Gemeindezentrum auf dem Großen Dreesch in Schwerin in den Ruhestand verabschiedet.

"Eine Krankheit im Leben hätte mir gereicht"

„Ich habe Parkinson“, sagt er offen und auch, dass er mit seinem Gott gerade hadert: „Eine Krankheit im Leben hätte mir gereicht. Aber wer weiß, wofür es gut ist“, schränkt er seinen Groll ein. Er hat eine Odyssee mit Medizinern in verschiedenen Arztpraxen und Kliniken hinter sich, einige sehr schlechte Erfahrungen, bis endlich die Diagnose klar war. In Berlin im St.-Josef-Krankenhaus wurde ihm geholfen. „Mit den Tabletten kann ich gut leben.“ Parkinson ist eine nicht seltene Krankheit. In Mecklenburg gibt es, so Grosch, keine spezielle Klinik dafür. Er würde gern eine solche nach MV holen, am besten in ein evangelisches Krankenhaus integrieren. Peter Grosch, der Macher mit den Ideen.

Grosch wird sich weiter ehrenamtlich um die Schweriner „Tafel“, um Lebensmittelausgabestellen für Bedürftige in Lankow und auf dem Großen Dreesch, sowie um die Kindertafeln auf dem Großen Dreesch in der Keplerstraße und in der Heinrich-Mann- Straße kümmern, wo täglich 100 Kinder warmes Mittagessen bekommen. Zur Schweriner Tafelarbeit gehören auch Ausgabestellen für Frühstück für rund 250 Kinder in den Förderschulen in Ludwigslust, Gadebusch und Schwerin, „weil die sonst nichts kriegen“. Auch wird er Geschäftsführer der Suchtarbeit in Serrahn bleiben sowie bei der Suchtkrankenhilfe in Torgelow, die gemeinsam mit der Arbeiterwohlfahrt betrieben wird. Ein langsamer Rückzug aus dem Berufsleben also – man kann sich Grosch auch nicht ohne vorstellen.

Bundesverdienstkreuz 2011

Zuhause bei Familie Grosch hat sich in den vergangenen Monaten auch so einiges geändert. Die vier eigenen Kinder sind erwachsen. Vor zwölf Jahren nahm das Ehepaar Grosch sieben Geschwisterkinder auf, deren Eltern die Kinder nicht mehr bei sich haben dürfen, und die sonst nicht mehr gemeinsam hätten leben können. Sie zogen in ein großes Haus um. Dietlind Grosch übernahm diese Arbeit, „sieben Tage die Woche 24 Stunden – mit allen Pubertätsgeschichten“, wie Peter voller Hochachtung sagt. Und: „Wir sind sehr stolz auf unsere Kinder.“ Und damit meint er alle elf. „Wir sind für alle Mama und Papa.“

Eines der Pflegekinder studiert Medizin, einer ist Orthopädiemechaniker, eine Altenpflegerin... Weihnachten trafen sich alle in der neuen Wohnung. „Da ist es gut, dass eine Tochter über uns wohnt und es sich etwas aufteilt“, sagt er. 2011 erhielt Peter Grosch das Bundesverdienstkreuz vom damaligen Bundespräsidenten Christian Wulf überreicht. Im Diakonischen Werk wird die langjährige Prokuristin Katrin Kufahl sein Aufgabenfeld übernehmen.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 04/2019

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