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25. April 2015

Pastorin Dietlind Jochims bei der Mahnwache in Hamburg

Jeder Mensch hat das Recht auf Leben.
Jeder Mensch hat das Recht auf Freiheit und Sicherheit.
So steht es in unserer europäischen Verfassung,
auf die Europa stolz ist.
Jeder Mensch hat das Recht auf Leben.
Sie kamen aus Syrien und aus Eritrea, aus Mali zum Beispiel oder aus Nigeria. Sie wollten leben, überleben, und haben sich deshalb in Lebensgefahr begeben.
Es war nur dieser Weg, der ihnen offenstand,
in Booten über das Mittelmeer.
Es sind viele, viel zu viele, jeder einzelne ist zu viel,
jedes Kind, jede Frau, jeder Mann,
die dies mit ihrem Leben bezahlt haben.
Nicht erst seit letztem Wochenende.
Seit Jahren sterben die Menschen im Mittelmeer,
mindestens 1700 allein dieses Jahr,
mindestens 5000 nach Lampedusa im Oktober 2013.
Das Erschrecken ist groß, und jedesmal kurz.
Die Forderungen, was sofort getan werden muss, sind nicht neu.
Es gibt Wege, viele Menschenleben zu retten.
Es muss nur den Willen dazu geben.
Die Wut darüber, dass den vielen Worten nur unzureichend Taten folgen, auch die ist nicht neu und ich glaube,
alle hier teilen diese Scham über ein Europa der Worte und der Deklarationen, das seinen Friedensnobelpreis in die Vitrine der Auszeichnungen gestellt hat und verstauben lässt.

Aber um die Forderungen soll es heute nicht in erster Linie gehen. Die werden wir an anderer Stelle laut und nachdrücklich vertreten, mit hoffentlich immer mehr Menschen an der Seite.

Auch um die Wut soll es heute nicht vordringlich gehen,
obwohl es mich unglaublich wütend macht,
dass das massenhafte Sterben immer noch und immer wieder und so vorhersehbar hingenommen wird.

Heute geht es um einen Moment des Anhaltens.
Es ist das Mindeste, was wir für die Toten tun können,
dass wir nicht so tun, als wären sie nie gewesen,
als machte es keinen Unterschied.

Einen Moment ihrer gedenken.
Einen Moment schweigen.

Ein -wenn auch kleines- Zeichen setzen.
Aus Achtung vor den Gestorbenen und zum Bewusst-Werden
für die Lebenden. Eine symbolische Würdigung für die Toten,
aus der hoffentlich eine tatsächliche Würdigung
der Lebenden wächst.
Der Toten gedenken heißt die Lebenden schützen.

Wer immer einfach nur weiter macht,
kann kaum achten und spüren und fühlen.

Auch deshalb: Still sein. Gedenken.
An die Kinder, Frauen, Männer, ihre Mütter und Väter, Geschwister, Kinder, Freunde, Liebende.
In der Stille kann dann, wer mag, ein Licht anzünden,
es hier abstellen, eine Blume dazulegen.
Noch ein wenig stehen bleiben.
Das Saxophon wird die Stille nach einer Weile beenden.
Lasst die Musik wirken und sie uns stärken für unser aller Leben:

Denn der Toten gedenken heißt die Lebenden schützen.

Pastorin Dietlind Jochims, Flüchtlingsbeauftragte der Nordkirche