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Pastor Rainer Schlicht geht in den Ruhestand

„Ich bin dankbar, dass ich ein Stück des Weges mitgehen durfte“

08.02.2015 ǀ Kirch Baggendorf.  Am Sonntag wurde Pastor Rainer Schlicht mit einem Festgottesdienst verabschiedet. Während sich der gebürtige Essener auf seinen Ruhestand an der Ostseeküste freut, blickt er auf ein bewegtes Berufsleben zurück und erzählt von Montage-Reisen, Gefängnisseelsorge, Schicksalsschlägen und Heavy Metal.

Nach insgesamt 14 Jahren als Pastor - erst der pommerschen Landeskirche und dann seit Gründung der Nordkirche des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises - wurde Rainer Schlicht am Sonntag während eines Festgottesdienstes verabschiedet. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen entstammt Rainer Schlicht keiner Pastorenfamilie. „Ich habe die ganz normale christliche Sozialisation erlebt, mit Taufe und Konfirmation“, beschreibt er den Glaubensalltag seines Elternhauses, in dem er mit einer jüngeren Schwester aufwuchs. Geboren wurde Rainer Schlicht 1949 in Essen. Der Vater war Bergmann, die Mutter Hausfrau. Von größerer Bedeutung als das Elternhaus war für seine religiöse Orientierung das Weigle-Haus in Essen, ein Zentrum christlicher Jugendarbeit im Ruhrgebiet. „Dort habe ich zum Glauben gefunden“, erinnert sich Rainer Schlicht. „Nach der Konfirmation war ich dort gut zehn Jahre in einer Jugendgruppe aktiv. Wir machten viel Sport. Einmal pro Woche gab es einen Gruppenabend mit Andacht. Am schönsten waren aber die Freizeiten, zu Ostern oder Pfingsten. Dann sind wir mit Zelten raus an den Niederrhein und waren hier und da im Ruhrgebiet unterwegs.“

Vom Hobby-Schrauber zum „Strippenzieher“

Auf seine berufliche Zukunft hatte das Weigle-Haus zunächst keinen Einfluss. Nach dem Besuch der Volksschule begann er eine Ausbildung zum Elektromechaniker. „Ich war schon immer sehr vielseitig und vor allem auch technisch interessiert. Bereits als kleiner Junge habe ich gern an Radios herumgeschraubt“, begründet Rainer Schlicht die Berufswahl. Das Weigle-Haus ließ ihn aber auch dann nicht los, als er längst als Elektromechaniker arbeitete. Im Ehrenamt leitete er in seiner Freizeit nun selbst Jugendgruppen. Die Arbeit als „Strippenzieher“, wie er den Job als Elektromechaniker schmunzelnd bezeichnet, erfüllte ihn dagegen nicht. „Nach ungefähr drei Jahren war mir klar, dass ich mehr wollte“, so Rainer Schlicht. Er holte die mittlere Reife nach, machte sein Fachabitur. „Dank BAföG und dadurch, dass ich aufgrund meiner Berufsausbildung jobben konnte, war die finanzielle Seite kein Problem.“ Zuvor leistete er seinen Zivildienst und kümmerte sich 18 Monate lang in einem CVJM-Heim um Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen. „Zu der Zeit begann ich auch den ehrenamtlichen Besuchsdienst in einem Jugendgefängnis in Herford. Ich führte dort viele intensive Gespräche, in denen es oft auch um religiöse Themen ging. Eine spezielle Ausbildung hatte ich dafür nicht. Ich machte das eher aus dem Bauch heraus und aufgrund meiner jahrelangen Erfahrungen in der Jugendarbeit.“ Zudem habe ihm der Gefängnispfarrer viel von seinem Wissen vermittelt, so Rainer Schlicht.

Auf der Wallfahrt hat es „gefunkt“

Trotz seiner seelsorgerischen Tätigkeit sei ihm zu der Zeit noch kein Gedanke an ein Theologie-Studium gekommen. „Mit dem Fach-Abi in der Tasche bin ich in eine ganz andere Richtung gegangen.“ Eigentlich sollte es ein Studium der Medizintechnik sein, doch da die Warteliste so lang war, schrieb er sich für Lebensmitteltechnologie in Lemgo ein. „Zu der Zeit lernte ich auch meine Frau in einem studentischen Bibelkreis kennen. Während einer ökumenischen Wallfahrt nach Chartres, an der sie auch teilnahm, wurde mir klar: Das ist es“, beschreibt Rainer Schlicht, wie es bei ihm „gefunkt“ hatte. Nach Hochzeit und abgeschlossenem Studium zog das Ehepaar Schlicht zu Beginn der 1980er-Jahre nach Dortmund, zurück ins Ruhrgebiet. Von hier aus fuhr Rainer Schlicht regelmäßig zum Evangelischen Jugend- und Missionswerk (MBK) in Bad Salzuflen, besuchte „Theologie-Seminare für Nichttheologen“ und betreute auch dort wieder Jugendgruppen.

Bruch in der Lebensplanung

„1983 bekam meine Frau die Krebsdiagnose. Und es ist klar, dass dann bestimmte Vorstellungen und Pläne, die man gemacht hat, vollständig über den Haufen geworfen sind.“ Fünf, sechs harte Jahre sei es gesundheitlich auf und ab gegangen, bis seine Frau der Krankheit 1988 erlag. „Was machst du jetzt?“, habe er sich damals gefragt. „Was machst du mit deinen Fragen? Warum ist uns das passiert?“ Zahllose Gespräche im Freundeskreis, die sich um diese Fragen drehten, prägten die Zeit der Trauer. Sie führten ihn schließlich zu der Entscheidung, Theologie zu studieren. Nach einigen Wochen in Nikaragua, wo er für den Verein christlicher Kirchen Versöhnungsarbeit und Aufbauhilfe leistete, begann er das Theologie-Studium in Bochum. Das Studium finanzierte er sich mit der Arbeit als Ingenieur für Anlagen der Lebensmittelerzeugung. Der Job führte ihn um die halbe Welt. Ruanda, Irak, Israel, Italien, Russland sind nur einige Stationen auf seinen Montage-Reisen. „Ich habe Maschinen für die Obst- und Gemüseverarbeitung und zur Herstellung von Keksen in Betrieb genommen.“ Auf seinen Reisen habe er auch manchmal brenzlige Situationen erlebt. „Wenn man in Tel Aviv aus einem arabischen Taxi steigt und plötzlich eine Uzi im Rücken hat, fühlt man sich doch ziemlich unbehaglich“, erzählt Rainer Schlicht mit einem Augenzwinkern. Rückhalt für die Doppelbelastung aus Studium und Arbeit gab ihm seine zweite Frau, die er beim MBK kennengelernt und Anfang der 1990er-Jahre geheiratet hatte.

Neustart trotz Hindernissen

Doch auf Dauer ließen sich Arbeit und Studium nicht vereinbaren. „Die Sprachen, die für Theologen Pflicht sind, Altgriechisch und Hebräisch, waren anfänglich eine große Hürde für mich. Durch meinen Job fehlte mir einfach auch die Zeit, um zu lernen. Durch die Griechisch-Prüfung bin ich beim ersten Anlauf durchgerasselt. Das gab mit den Ausschlag, mich künftig ganz auf das Studium zu konzentrieren.“ Eine – allerdings willkommene – Ablenkung vom Lernen stellte sich dann aber dennoch ein: 1994 konnte sich das Ehepaar Schlicht über die Geburt eines Sohnes freuen. Vier Jahre später schloss Rainer Schlicht das Theologiestudium ab. „Damals gab es einen Pastorenüberhang in vielen Landeskirchen und in der westfälischen Kirche, zu der ich gehörte, sollte ich fünf Jahre auf mein Vikariat warten.“ Da der frischgebackene Theologe das nicht wollte, nahm er ein Angebot des MBK an, zog nach Bad Salzuflen und unterrichtete angehende Gemeindepädagogen in den Fächern Altes Testament und Kirchengeschichte. Als die Finanzierung für diese Stelle endete, ging er wieder als „Strippenzieher“ arbeiten. „Das war nicht gerade mein Traum, war aber auch ganz gut, mal wieder richtig im Arbeitsleben zu malochen“, sagt er schulterzuckend.

Christliche Botschaft mit harter Musik

Schließlich klappte es doch noch mit dem Vorbereitungsdienst, allerdings fern der Heimat. Von 2001 bis 2003 war Rainer Schlicht Vikar in Grünhufe in Stralsund. Wenn er an die Zeit in Stralsund zurückdenkt, werden seine Züge weicher. „Das war eine wirklich gute Zeit in Stralsund. Auch wenn meine Familie damals noch in Bad Salzuflen blieb.“ Es sei großartig gewesen, in Grünhufe von Anfang an in vielen Bereichen selbstbestimmt arbeiten zu können und Neues zu probieren. „Ich spielte Gitarre in der christlichen Metal-Band ‚Tears of Charity‘, Tränen der Liebe. Es hat Spaß gemacht, Menschen mit der Musik zu bewegen.“ Die Erinnerungen an die dem Vikariat folgende Zeit als Pastor zur Anstellung im uckermärkischen Strasburg sind dagegen etwas eingetrübt. Zwar kam die Familie nach – gemeinsam wohnten sie zu dritt im Strasburger Pfarrhaus, seine Frau fand Arbeit und der Sohn Freunde in Pasewalk – doch die richtige Chemie vor Ort, zwischen Pastor und Gemeinde, wollte sich nicht einstellen. „Es lief nicht ganz so rund“, meint der Pastor rückblickend. Nach nur vier Jahren wechselte er darum nach Kirch Baggendorf bei Grimmen, wo er eine 50-Prozent-Stelle antrat. Er habe sich damals sehr gefreut, dorthin zu kommen. Die Gemeinde sei vergleichsweise klein, doch die Arbeit bleibe gleich, egal, ob man vor 300 oder vor 13 Leuten predigt, scherzt Rainer Schlicht. „Es war schön zu erleben, dass es hier so viele engagierte Menschen gibt, die das Gemeindeleben tragen, im Ehrenamt und im Gebet.“ Überrascht habe ihn, dass es in einer so kleinen Gemeinde einen so großen Posaunenchor gibt.

Gottesdienste unter freiem Himmel

Die sechs Jahre in Kirch Baggendorf empfindet Rainer Schlicht als eine erfüllte und harmonische Zeit. Natürlich habe es auch mal stressige Momente gegeben. „Da habe ich schon mal gedacht; wärst du mal bei deinen Keksen geblieben“, sagt Rainer Schlicht lächelnd. In erster Linie spüre er aber ein Gefühl der Dankbarkeit dafür, dass er mit dieser Gemeinde ein Stück des Weges habe gehen dürfen. Taufen und Hochzeiten in der mittelalterlichen Dorfkirche zählen zu seinen schönsten Erinnerungen. Auch die Glaubenskurse, die Sommermusiken oder die Open-Air-Gottesdienste am Himmelfahrtstag hinterlassen bei Rainer Schlicht einen bleibenden Eindruck. Das Stadtleben habe er dagegen nie vermisst. „Die persönlichen Kontakte auf dem Dorf sind viel enger und man kommt schneller ins Gespräch, auch mit kirchenfernen Menschen.“

Ruhestand ohne Langeweile

Ins Ruhrgebiet zieht es Rainer Schlicht längst nicht mehr. „Meine Frau und ich wollen auch nach dem Berufsleben in Vorpommern bleiben und irgendwo an der Ostsee ein Häuschen beziehen.“ Da seine Frau noch arbeite, werde er Hausmann sein und sich seinen vielfältigen Interessen widmen, beschreibt Rainer Schlicht seine Ruhestandspläne. Er kocht und bäckt leidenschaftlich gern, will sich dem Basteln und Werkeln widmen, ausgiebig lesen und vielleicht wieder öfter auf der Gitarre spielen, allerdings keinen Metal, der Sinn steht ihm heute eher nach Jazz. Langeweile schließt er jedenfalls aus. Nicht zuletzt freue er sich auch darauf, mal wieder einen Gottesdienst als Besucher erleben zu können und nicht in der Verantwortung zu stehen. An seinem Verhältnis zum Glauben ändert der Wechsel in den Ruhestand ohnehin nichts. „Ich war Christ bevor ich Pastor war und werde es auch nach dem Dienst bleiben.“
Quelle: PEK