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Zur Beichte bitte

Pastor Joachim Gerber nimmt Beichtstuhl wieder im Betrieb

Von Christine Senkbeil

Pastor Joachim Gerber öffnet die Tür zur Beichtloge künftig monatlich.
25.05.2014 ǀ Gingst/Rügen „Verschonen Sie mich mit Ihren Puppensünden!“ Luther soll seinen Beichtvater so oft aufgesucht haben, dass es diesem schon zu viel wurde. Der Reformator liebte die Beichte zeitlebens. Dennoch verschwand sie seither aus der Glaubenspraxis evangelischer Christen. Doch nun regt sich etwas. Ausgerechnet ganz von Norden her. Pastor Joachim Gerber in Gingst macht derzeit „seinen“ Beichtstuhl flott. Ab Juli kann auf Rügen wieder gebeichtet werden...

Wie eine Gruppe wissbegieriger Touristen stehen sie zusammen: 20 Senioren aus Gingst. Dabei befinden sie sich in der eigenen Kirche und weder Hochzeit noch Taufe stehen an. Eigentlich gibt es noch nicht einmal etwas Neues zu sehen. Nur den Beichtstuhl. Und der steht nun wirklich schon eine Weile im Altarraum. Seit 1730 nämlich. Genau genommen gibt es davon sogar zwei: Eine barock verzierte Remise rechts, eine links des Altars. Beide umrahmt von gemalten Vorhängen in schwedischem Blau. Aber von Interesse waren die hölzernen Kabinen bisher nur als Abstellkammern. Das soll sich nun aber ändern! Eine der Beichtstätten wird schon im Juli wieder in Betrieb gehen. Grund genug also für gespanntes Gemurmel. Denn wie sieht es in so einer Beichtkammer wohl von innen aus?

Es ist der monatliche gemeinsame Nachmittag, den Pastor Joachim Gerber nutzt, um den Älteren seiner Gemeinde sein neueste Vorhaben nahezubringen. Einen alten Schlüssel zeigt er herum. Wie zu einer Schatztruhe aus dem Märchen sieht er aus. „Sehen Sie“, erklärt er: „Aus dem Bart ist ein Kreuz rausgestanzt.“ „Wie kunstvoll“, staunen einige.

Der Schlüssel zur Beichtloge. Der Pastor steckt ihn ins Schloss und dreht ihn. Die grau gestrichene Tür öffnet sich und gibt den Blick frei in einen schlichten Raum, der an ein Zugabteil erinnert. Einfache Sitzbänke an den Wänden. Farbe blättert von der Holztäfelung. Zögernd wagen einige Gingster erste Schritte hinein. „Da gibts ja gar keine Gitterschranke oder so“, stellen sie fest. So wie in den Filmen, die die Beichte meist als lächerliches Relikt der Vorzeit zeigen. „Die evangelische Beichte ist ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht“, erklärt der Pastor. „Eben im geschütztem Rahmen.“

Einer der Senioren weist auf einen ledernen Riemen, befestigt an einer früher mal verschiebbaren Holzplatte unterm Fenster. Eine Art Fensterladen? Gerber nickt. „Das sind Holzgardinen. Die konnte man hochziehen, damit niemand von außen hineinguckt.“ Denn eigentlich hatte diese sogenannte Beichtloge sogar eine Doppelfunktion, wie er weiter beschreibt. Sonnabends ab sechs wurde hier gebeichtet und während des Gottesdienstes am Sonntag dienten die Holzbauten als Logen für die Herrschaften.

„Ganz was Neues“

Es ist ein ungewöhnlicher Gedanke für die Gingster, dass hier in ihrer Kirche wirklich gebeichtet werden soll. „Ganz was Neues“, sagt Gisela Schimankowitz vom Kirchengemeinderat. Neugier klingt in ihrer Stimme. Vorher bei Kaffee und Kuchen im Pfarrhaus hatte Joachim Gerber ausführlich von seiner Idee erzählt, den Beichtstuhl zu restaurieren und die Beichtstunde wieder einzuführen.

„Ich überlege schon sehr lange, wie es gelingen könnte, die Privatbeichte wieder ins Bewusstsein zu rücken“, hatte er seinen Senioren erzählt. Schon seinen Antrittsvortrag in Gingst vor sechs Jahren hielt er über Bugenhagen, den Beichtvater Luthers. Das Altarbild war ihm nicht aus dem Kopf gegangen, aus der Stadtkirche Wittenberg. 1994/95 hatte Gerber dort das Predigerseminar absolviert. „Johannes Bugenhagen nimmt die Beichte ab“ von Lukas Cranach dem Älteren. Der Reformator des Nordens hält darauf zwei Schlüssel in der Hand. Dem Beichter schließt er das Heil auf. Der andere geht in Fesseln.

„Lasten ablegen und befreit weitergehen“ hieß denn auch ein modernes Buch, das Gerber über die Beichte in unserer Zeit nachdenken ließ. Dann die vielen Beichtstühle in seiner nächsten Umgebung: in Waase, Trent, Schaprode, Altefähr, Patzig, Sagard. „Alle nachreformatorisch, alle aus der Zeit um 1730. In der Schwedenzeit gehörte in jede Kirche ein Beichtstuhl.“

Auszeichnung der Bugenhagen-Stiftung

Eine Ärztin erzählte ihm schließlich, dass viele Patienten mit ihr über Nöte reden wollen, die eigentlich in die Beichte gehörten. Doch wie soll es praktisch gehen? Auslöser für die naheliegende Idee, dafür einen der alten Beichtstühle herzunehmen, die es sowieso in der Kirche nebenan gab, war schließlich ein Wettbewerb. Die Bugenhagen-Stiftung suchte darin neue Projekte der Seelsorge.

Gerber machte mit – und der „Beichtstuhl in Gingst“ wurde ausgewählt. Als Pastor Gerber seinen Senioren von der „Siegerehrung“ in Greifswald berichtet, von den 500 Euro Preisgeld und den 2 000 Euro Förderzusage für den Beichtstuhl, ist anerkennendes Gemurmel zu hören. Interessiert gehen die Zeitungsartikel von Hand zu Hand, die über die drei ausgezeichneten Projekte berichten.

„Aber was ist das nun, Beichte?“ Auch darüber wollte Gerber mit seinen Senioren noch reden. Eine Frau erzählte, ihr Partner hätte als Kind immer beichten müssen, und gar nicht gewusst, was. „Da hat er sich ausgedacht, er hätte beim Nachbarn Äpfel geklaut oder so. Nur, damit er was zu beichten hat.“

Ist Beichten nicht katholisch?

Nein, unter gutem Ruf steht die Beichte nicht, stellten sie fest. „Zu Unrecht“, wie Pastor Gerber zu überzeugen versuchte. „Auch, dass die Beichte nur katholisch wäre, ist nur ein Vorurteil. Es spuken so einige Zerrbilder herum.“

Gerber erzählte von Martin Luther, der seinen Beichtvater wohl anfangs wegen jeder Kleinigkeit mehrmals täglich aufsuchte. „Verschonen Sie mich mit Ihren Puppensünden!“, hätte dieser ihn schließlich verjagt. „Luther hat die Beichte ausdrücklich beibehalten“, sagte Gerber. „Er hat einmal gesagt, dass er sie ‚nicht um der ganzen Welt Schatz’ hergeben würde. Er sah die Beichte als eine Tür. Die Wiederholung der Taufe. Aber ob man hindurchgehen will, müsse jeder selbst entscheiden.“

Ganz ohne Skepzis allerdings waren die Gingster noch nicht. „Kann das auch passieren, dass einer dagegen ist von den kompetenten Leuten?“, möchte ein Mann wissen. Ja, das musste der Pastor zugeben. „Es hat ja Gründe, warum sie fast ausgestorben ist. Seit den 1960ern wurde immer dringender auf die Möglichkeit verwiesen, die Beichte könne missbraucht werden.“ Zugunsten seelsorgerlicher Gespräche sei sie weitgehend abgeschafft worden. „Aus meiner Sicht wurde dabei aber die Kraft der Vergebung Gottes unterschätzt.“

„An ihrem Beitrag gefällt uns der Mut, die evangelische Beichte wiederzubeleben in einer Zeit, die scheinbar nichts mehr darüber weiß“, stand in der Begründung der Bugenhagen-Vereinskommission. „Es wird ein langer Weg“, weiß auch Gerber. Doch er ist überzeugt, dass sie jedem gut tut, der seine Scham überwinden kann. Die Beichte. Das Herzstück der Seelsorge.

Am Sonntag, 6. Juli, 9.30 Uhr wird die restaurierte Beichtloge übergeben. Erste Möglichkeit zum Beichten gibt es am Sonnabend, 12. Juli und 9. August jeweils 16 bis 17 Uhr. Danach monatlich, siehe Aushänge.Am Sonntag, 6. Juli, 9.30 Uhr wird die restaurierte Beichtloge übergeben. Erste Möglichkeit zum Beichten gibt es am Sonnabend, 12. Juli und 9. August jeweils 16 bis 17 Uhr. Danach monatlich, siehe Aushänge.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 21/2014