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Osterbotschaft 2011 von Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswald

Ich will sehen, was ich glaube

21.04.2011 | Greifswald (rn). Am Sonntag feiert die Christenheit Ostern. Damit feiern wir den Sieg des Lebens über den Tod. Christen bekennen: „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Der Glaube an die Auferstehung der Toten hat seinen Grund in der Auferweckung des am Kreuz hingerichteten Jesus von Nazareth durch Gott. Aber genau dieses Geschehen wird von Anfang an auch in Frage gestellt. Thomas, einer der zwölf Jünger Jesu, war am Ostersonntag, als Jesus zum ersten Mal nach seiner Kreuzigung erschien, nicht dabei gewesen. Als ihm die andern Jünger freudestrahlend davon berichten, kann er die Auferstehung Jesu nicht glauben. Er erwidert seinen Freunden: „Erst muss ich seine von den Nägeln durchbohrten Hände sehen; ich muss meine Finger auf die durchbohrten Stellen und meine Hand in seine durchbohrte Seite legen. Vorher glaube ich es nicht.“ (Johannes 20, 25) Eine Woche später geschieht das Unglaubliche.

Als wieder die Jünger beieinander sitzen, ist Jesus auf einmal da. Die Türen waren verschlossen. Doch Jesus kommt wie aus einem anderen Raum, der die
Dreidimensionalität übersteigt, zu den Jüngern. Er fordert Thomas auf, sich von der Realität der Auferstehung zu überzeugen und ergänzt: „Sei nicht mehr ungläubig, sondern glaube!“ Es wird nicht mehr berichtet, ob Thomas diese Probe aufs Exempel gemacht hat. Aber auf jeden Fall ist Thomas völlig überwältigt von dieser Erscheinung des Auferstandenen und bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“ Für ihn steht Jesus nun höher als alle irdischen Mächte, ja, er gehört nicht nur auf die Seite Gottes, sondern ist Gott selbst. Er bekennt: „Du bist der gleiche, der diese Welt gemacht hat. Du bist der, der uns alle bewegt und trägt!“ Jesus kann solche Thomas-Erlebnisse schenken, aber er muss es nicht. Mancher unter uns hat auch heute seine besonderen Erfahrungen mit dem lebendigen Gott gemacht. Aber Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern und sagt: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“

Gegenwärtig wird unser Glaube an Gott, den Schöpfer und Neuschöpfer des Lebens an einer Stelle besonders herausgefordert. Nach Tschernobyl und jetzt Fukushima stellt unsere Gesellschaft die Frage nach der Legitimität weiterer Nutzung der Atomkraft, um Energie zu gewinnen. Wer an die Auferstehung glaubt, gewinnt einen Punkt von außerhalb, gewinnt einen Überblick über das Ganze und weiß um die Grenze zwischen Leben und Tod, zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit und wird beides nicht verwechseln. Es ist z.B. unangemessen für den Energiebedarf im endlichen Leben ein unabsehbares Risiko auf sich zu nehmen. Atomare Endlager, für deren Sicherheit wir Hunderttausende bis Milliarden von Jahren garantieren müssen, überfordern unsere menschlichen Möglichkeiten. Nicht erst die Katastrophe von Fukushima in Japan lehrt uns die Grenzen menschlichen Handelns zu beachten. Wer an den auferstandenen Herrn Jesus Christus glaubt, wird seine Handlungen nicht mehr bestimmen lassen von einer Rationalität, die ein tödliches Restrisiko für die Gestaltung endlichen Lebens in Kauf nimmt. Deswegen muss die Nutzung atomarer Energie so bald wie möglich ein Ende haben.

Wem Glaube an die Auferstehung geschenkt ist, dessen Wirklichkeitsverständnis weitet sich schon jetzt. Das Leben ist nicht mit dem Tod zu Ende, wirklich ist nicht nur das, was wir mit unseren Sinnen begreifen können. Wie schon Hamlet sagt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich erträumen lässt“. Der Osterglaube gibt Orientierung für unser Handeln im Hier und Jetzt und Hoffnung auf eine
Gemeinschaft mit Gott in Ewigkeit.