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In Russland ist es wieder schick, orthodox zu sein

Orthodoxe Kirche und Staat im heutigen Russland

Von Gerd Stricker

 

Russlands Städte erstrahlen wieder im Glanz Zehntausender Kuppeln und Zwiebeltürme orthodoxer Kirchen. Nach den kommunistischen Kirchenverfolgungen erscheint das fast wie ein Wunder. Hatte es im Zarenreich etwa 50.000 orthodoxe Gemeinden gegeben, so waren es am Ende der sowjetischen Religionsverfolgungen und Kirchenschließungen 1991 nur noch 6.800. Auch die anderen christlichen und nichtchristlichen Religionsgemeinschaften, die gegenüber den Orthodoxen stets eine verschwindende Minderheit bildeten, litten schrecklich unter der religionsfeindlichen Politik der Sowjets – nicht zuletzt die evangelikalen Baptisten und Evangeliumschristen.

 

Vor mehr als tausend Jahren haben die ostslawischen Völker (Russen, Ukrainer und Weißrussen) von Konstantinopel die Taufe empfangen und sind in die byzantinische Kultur hineingewachsen. Auf dem sich ständig ausdehnenden russischen Territorium leben bis heute an die 100 kleine nichtchristliche Völker. Im riesigen Russischen Reich machten die Russen 70 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und waren das staatstragende Volk; praktisch jeder echte Russe war orthodox getauft. Der orthodoxen Nationalkirche stand der Zar als Oberhaupt vor. Die Orthodoxie verlieh dem Zarenreich äußeren Glanz – selbst aber war sie als Staatskirche Dienerin des Staates.

 

Die Sowjets verfolgten die Kirche gnadenlos

Unter dem Sowjetregime wurde die Russische Orthodoxe Kirche nach Stalins gnadenlosen Religionsverfolgungen fast vernichtet. Ihre Bischöfe hatten den Sowjetherrschern von Stalin bis zu Gorbatschow Lobeshymnen darzubringen; und dem Westen mussten sie Religionsfreiheit in der Sowjetunion vorgaukeln. Auch dort war die Russische Orthodoxe Kirche eine Staatskirche – und zwar kommunistischen Typs: Sie wurde vom „Sowjet für Religionsfragen“ kontrolliert und gesteuert. Gegner dieser Vereinnahmung durch das Regime gingen vielfach in den Untergrund („Katakombenkirche“) – oder landeten im Straflager. Die meisten Russen haben sich in den 75 Jahren sowjetischer Christenverfolgung unter staatlichem Druck von der Orthodoxie abgewandt – viele wurden Kommunisten, die meisten verloren jegliches Interesse an Religion. Wer sich behaupten oder Karriere machen wollte, musste Mitglied der Kommunistischen Partei sein oder ihr nahestehen. Mit dem Glauben haben die Kommunisten gezielt die christlichen Moralvorstellungen zerstört, die das Fundament menschlichen Zusammenlebens bilden.

 

Als die Sowjetunion Ende 1991 auseinanderbrach, standen die neuen Machthaber, die im Herzen meist noch Kommunisten waren, vor einem Fiasko. Verwaltung und Wirtschaft funktionierten nicht mehr; einstige Sowjetfunktionäre hatten sich die lukrativsten Staatsbetriebe zugeschoben. Der neue „Raubtier-Kapitalismus“ und die daraus folgende Hyper-Inflation bewirkten, dass ein Großteil der Bevölkerung total verarmte.

 

Staat und Kirche Hand in Hand

Präsident Boris Jelzin hatte die „Russische Föderation“ – wie sich die einstige Russische Sowjetrepublik als eigener Staat heute nennt – fast in den Staatsbankrott getrieben. Schließlich übertrug er dem einstigen KGB-Hauptmann Vladimir Putin die Präsidentschaft. Zur Sanierung der Staatswirtschaft verstaatlichte er mit harter Hand wieder die zuvor von den „Oligarchen“ (Wirtschafts-Mafiosi) privatisierte Erdöl-Industrie und erzielte für den Staat bald erhebliche Gewinne.

 

Nachdem die ideologischen Leitplanken des Kommunismus zusammengebrochen waren, die die Bevölkerung 75 Jahre lang in die Irre geführt hatten, machte sich unter den einstigen Sowjetbürgern Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit breit. Auf solcher Grundlage – das sah Putin klar – war kein Neuanfang möglich. Er musste den Bürgern eine neue, über das Heute hinausweisende Perspektive anbieten. Als Jelzins Versuche, eine neue Staatsideologie zu formulieren, kläglich gescheitert waren, griff Putin auf Bewährtes zurück: auf den großrussischen Nationalismus der Zarenzeit – und auf die orthodoxe Volkskirche. Ihr ermöglichte Putin einen glanzvollen Wiederaufstieg in der Hoffnung, dass sie Russland aus der geistigen und moralischen Verwüstung herausführen werde.

 

Die Kirche erhielt vom Staat zahlreiche Privilegien

Aber es ging ihm gar nicht um Religion, sondern vor allem um Politik: Denn in der heutigen Russischen Föderation werden – im Gegensatz zur Sowjetunion – leitende Staatsmänner gewählt. Dafür müssen sie Wähler mobilisieren. Putin erkannte das gewaltige Wählerreservoir der Russischen Orthodoxen Kirche (von 100 Mio. Menschen ist die Rede). Folgerichtig „outete“ er sich als orthodoxer Christ (wie Jelzin vor und Medwedjew nach ihm) und nahm 1999 – noch als Ministerpräsident – Verbindung mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen auf. Durch immer neue Geschenke gewann er die Kirchenführung für sich, die von Putins Wohlwollen geschmeichelt war. Putins Kalkül ging auf: Mit massiver Unterstützung der Kirche wurde er in den Jahren 2000 und 2004 – und wird sicher auch 2012 – zum russischen Präsidenten gewählt.

 

Die Russische Orthodoxe Kirche erhielt Zehntausende einst verstaatlichter Kirchen, Klöster und Priesterseminare zurück (heute soll sie allein in Russland über 15.000 Gemeinden verfügen). Damit ist sie die größte gesellschaftliche Organisation im Lande. Im Religionsgesetz von 1997 wird sie wegen ihrer zentralen Bedeutung für Geschichte und Kultur Russlands sogar als „erste Religion“ in Russland bezeichnet. Sie genießt vor anderen Religionsgemeinschaften erhebliche (auch finanzielle) Privilegien. Als vor einigen Jahren die orthodoxe Kirche das Wirken nichtorthodoxer Gruppen als gegen sie gerichtete „Mission“ diffamierte, wurden Polizeiorgane zu ihrem Schutz eingesetzt. Die neuen Präsidenten lassen sich gern in Kirchen oder zusammen mit dem Patriarchen ablichten und zeigen sich beim Kirchenbesuch. Und es gibt kaum einen staatlichen Großanlass, an dem nicht das orthodoxe Oberhaupt teilnimmt. Freudig stellt sich die Kirche dem Staat zur Verfügung – wie kürzlich, als ein Sprecher der Kirche den geplanten dubiosen Ämtertausch von Präsident Medwedjew und Ministerpräsident Putin gegen die harsche Kritik der Demokraten im Lande verteidigte.

 

Die meisten Russen wollen bis heute nichts mit der Kirche zu tun haben

Obwohl die meisten Russen auch heute nichts mit Kirche zu tun haben wollen, wurde Putins Staatsideologie „Großrussischer Patriotismus mit orthodoxem Kern“ angenommen – nicht zuletzt, weil Putin „seine“ Ideologie geschickt mit dem Zarenreich verknüpft und dessen Symbole übernommen hatte: die Flagge und den doppelköpfigen Adler, prunkvolle staatliche Rituale in Anwesenheit des Patriarchen usw. Putin hat auch durchgesetzt, dass der 1918 mit seiner Familie ermordete Zar, Nikolaj II., im Jahre 2000 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen wurde. Putin erklärt die „Russische Föderation“ zur Erbin des Zarenreiches. Angesichts der allgemeinen Misere, der Verarmung der Bevölkerung waren das verheißungsvolle Perspektiven, für die sich auch viele alte Kommunisten mit der Orthodoxie anfreundeten.

 

Unter Putin wurde es schick, orthodox zu sein. Wer Karriere im Staatsdienst machen will, sollte orthodox sein oder zumindest dieser Kirche nahestehen. Fast alle Russen bezeichnen sich heute als orthodox, wobei die meisten gar nicht getauft sind. Wer Russe ist, ist automatisch orthodox, ob er gläubig ist oder nicht.

 

Russische Staatsfunktionäre ignorieren gern den Verfassungsgrundsatz der Trennung von Staat und Kirche, wenn es um die orthodoxe Kirche geht. Die Verquickung staatlicher und orthodoxer Interessen ist offenkundig. Die Russische Orthodoxe Kirche ist heute wieder ein unübersehbarer Teil des öffentlichen Lebens, aber wie zu Zarenzeiten wird sie nicht selten für staatliche Zwecke instrumentalisiert und erscheint heute wieder als Staatskirche. Echte Opposition oder grundsätzliche Kritik an der Staatsführung geht von kirchlicher Seite nicht aus – dagegen fällt das intensive Bemühen der Kirche um das Wohlwollen der Staatsführung ins Auge. Die totalitären Tendenzen des Systems sieht die orthodoxe Kirche, der solche ja nicht fremd sind, Putin und Medwedjew gern nach: Russland brauche eben eine harte Hand. Die Russische Orthodoxe Kirche will das von Putin und Medwedjew Gewährte nicht infrage stellen.

 

(Der Autor, der Historiker Dr. Gerd Stricker, ist ausgewiesener Russland-Fachmann. Bis zu seinem Ruhestand Ende 2009 arbeitete er als Chefredakteur für „G2W – Ökumenisches Forum für Glaube, Religion und Gesellschaft in Ost und West“ in Zürich.)

 

(29.01.2012) Quelle: idea

 


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