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Ein Beispiel zum Tag des Offenen Denkmals

Unbequeme Entscheidung - Nicht immer ist Denkmalschutz im Sinne aller

Von Sybille Marx

Wunderschön finden es die einen, zu starr die anderen: das Gestühl der Dorfkirche Lüdershagen.
10.09.2017 ǀ Lüdershagen.  In der Dorfkirche von Lüdershagen prallte dieses Jahr aufeinander, was auch in anderen Kirchen von MV manchmal nur schwer zu vereinbaren ist: das Interesse von Denkmalschützern und Restauratoren auf der einen Seite, das der Gemeinde auf der anderen. Was zählt eigentlich mehr?

Wenn Richard Engel über die Dorfkirche von Lüdershagen spricht, klingt er schnell begeistert. Engel, 22, studiert in Potsdam Restaurierung und Konservierung von Holzobjekten und hatte 2014 begonnen, in seiner Heimatkirche historische Ausstattungsstücke aufzuarbeiten. Alte Tafeln mit Patronatswappen zum Beispiel, die er an diesem Sonntag (10. September) auch bei Führungen zum bundesweiten Tag des Offenen Denkmals zeigen wird – neben vielen anderen Stücken, die zum Motto „Macht und Pracht“ passen.

Was die Wappen angeht, ist man sich in der Gemeinde Ahrenshagen-Lüdershagen auch einig: „Schön, dass die wieder hängen“, sagt Pastor Christhard Wehring. „Zwar tragen sie fürs Gemeindeleben direkt nichts aus, aber wenn jemand wie Richard Engel sie zum Selbstkostenpreis in Ordnung bringt, ist das schon was Tolles.“ Im Blick auf andere Ausstattungsstücke sei die Lage schwieriger, prallten in den vergangenen Monaten widerstreitende Interessen aufeinander.

Engel wollte das 250 Jahre alte Kastengestühl aus der Kirche, das die Gemeinde ein paar Jahre zuvor rausgeräumt hatte, ehrenamtlich aufarbeiten und wieder einbauen – weil es zur Kirche gehöre, zur Empore passe und der Raum sonst so leer aussehe „wie ein Pferdestall“. Mit Unterstützung von Denkmalschützern setzte er sein Vorhaben auch durch. 260 Arbeitsstunden hat er seitdem in der Freizeit geopfert, für eine neue Unterkonstruktion sogar Kommilitonen angeheuert. In ein paar Wochen will er mit den letzten Ausbesserungsarbeiten an der Bemalung fertig sein. „Ich kann‘s noch gar nicht glauben.“

"Sind Kirchen Museen für Liebhaber?“

„Ein beeindruckender Einsatz“, findet auch Pastor Wehring. Das Problem sei nur: Die meisten Gemeindeglieder hätten das Gestühl bekanntermaßen nicht gewollt, nur dem Drängen von Denkmalschützern nachgegeben. Denn diese „Buchten“ machten den Raum dunkler, seien starr und unbequem. „Wir waren glücklich, dass wir vor dem Altarraum eine offene Fläche hatten und je nach Veranstaltung die Stühle unterschiedlich stellen konnten“, erzählt der Pastor. Dass das historische Gestühl ein Kulturgut sei, das man nicht einfach wegwerfen könne, stimme zwar. Aber wie so viele Kollegen frage er sich: „Sind Kirchen Museen, an denen sich ein paar Liebhaber erfreuen, oder sind sie Häuser, die dem Gemeindealltag dienen sollen?“ Je mehr alte Kirchen ein Pastor zu erhalten habe, umso eher empfinde er diese „Kulturgüter“ auch als Last. Und Denkmalpfleger erteilten zwar Auflagen, schafften aber nicht die nötigen Fördermittel heran.

Engels Führungen zum Denkmaltag kann Wehring trotzdem ehrlich empfehlen. Der Student will sich in eine mittelalterliche Tunika hüllen, Besuchern zwischen 10 und 15 Uhr jeweils eine Stunde lang die historischen Schätze von Lüdershagen zeigen. „Er macht das super“, sagt Wehring. „Das kommt bei den Leuten an, und das freut uns.“ Bei allen Meinungsverschiedenheiten, die bleiben.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 36/2017