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Neues Leben im Alter

Die monatliche Kurzgeschichte


Bild: Efraimstochter_cco-gemeinfrei Pixabay
Das "Erbarmium" - Herbarium von Barbara Kuchel-Müller


 „Oh, nein, das gibt’s doch gar nicht. Wo sind die blöden Heilkräuter für mein Herbarium?“ Ein Aufschrei der Verzweiflung dringt aus den oberen Räumen, wälzt sich die Treppe hinunter, wälzt sich bis in die Küche. Daniel hinterher, völlig aufgelöst. „Ich finde meine Heilkräuter nicht mehr für das Herbarium. Ich bin noch nicht fertig. Ich muss noch alles beschriften und aufschreiben, für was es gut ist.“

„ Abgabetermin?“, frage ich mütterlich routiniert.
„Morgen, in der ersten Stunde!“, ist die verzweifelte Antwort.
Na klar, wie könnte es anders sein.
„Was sucht der? Was für ein Erbarmium, was soll’n das sein?“ Michel, der kleine Bruder, ist nun auch neugierig geworden. „Ich helfe suchen, wo soll ich anfangen?“, bietet sich der Jüngste an.
Beide gehen nach oben, um die verschiedenen Schichten von Gegenständen, die flächendeckend den Boden im Zimmer meines Sohnes bedecken, umzulagern.

Bild: © Goumbik cc0 – gemeinfrei Quelle pixabay.com
Ich erinnere mich. Es war im Spätsommer. Daniel, der sich in der Erzieherausbildung befand, bekam von seiner Lehrerin den Auftrag, ein Heilkräuter-Herbarium anzufertigen. Mit schön gepressten Heilkräutern, direkt aus Mutter Natur, mit Pflanzennamen beschriftet und mit Beschreibung ihrer Heilkraft versehen.

Voller Enthusiasmus schilderte die Lehrerin die Wichtigkeit und die Schönheit dieser Aufgabe, ging es doch um ein neues Verständnis für Flora und Fauna bei den angehenden Erziehern, die sie dann den dankbar lernenden Zöglingen weitervermitteln könnten.

Für uns wird die Herbarium-Aufgabe von Anfang an wirklich zu einer absoluten Erbarmium-Aufgabe. Mit viel Gejammer erklärt mir mein Sohn, dass er einen Grashalm nicht von einer Blume unterscheiden kann und einen Strauch nicht von einem Baum.
„Aber ein Brombeerblatt würdest du doch wieder erkennen“, sage ich voller Hoffnung, „daraus kann man Tee kochen, der ist gut gegen Bauchschmerzen und Durchfall. Da hättest du ja schon was.“
„Kein Plan, ich kenn’ keine Beerenblätter. Wir durften ja nie welche essen, wenn wir welche gefunden haben! Hast du immer verboten, wegen Vergiftung und so...!“

Bild: cco-gemeinfrei Pixabay
Okay, bin ich also schuld an der schier unlösbaren Schulaufgabe. Am Abend drückt ihm der Vater wortlos das Heilkräuterbuch von Eva Aschenbrenner in die Hand:
„Hier, daran kannst du dich orientieren, fürs Erste.“ Und so stapft mein angehender Erzieher-Sohn knurrend und murrend, Eva Aschenbrenner unterm Arm, gefolgt von seinem treuen Hund, die nächsten Tage und Wochen entnervt durch Wald und Flur.

Und jetzt sind die Ergebnisse der Expeditionen verschwunden! Es ist zum Erbarmen mit diesem Erbarmium-Herbarium.

Bild: © congerdesign cc0 – gemeinfrei pixabay
„Ha, ich hab’s endlich gefunden.“ Triumphierend steht Daniel vor mir und hält mir ein Bündel getrockneter Grashalme unter die Nase. „Kannst du mir sagen, was das ist, Mama? Was für ein Heilkraut?“
„Heu!“, antworte ich, „und das kannst du allenfalls noch einer Kuh zu fressen geben, ob die davon gesünder wird, weiß ich nicht. Ich hatte dir doch genau erklärt, wie du die Pflanzen vorher pressen musst, zwischen Büchern und danach auf ein Papier kleben und mit Klarsichtfolie überziehen....“

„Hab ich vergessen“, mault Daniel und bröselt das Heilkräuterheu über den Küchentisch. Er macht vier Häufchen daraus und schüttet sie in vier Gefrierbeutel. Dann holt er einen Locher, ein Ringbuch und Eva Aschenbrenner. Die wird nun mit viel Phantasie befragt, welches geheime Heilkraut sich hinter den vertrockneten Bündeln versteckt. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt, egal, morgen früh ist Abgabetermin.

Vor den Weihnachtsferien gibt die Lehrerin das „Erbarmium“ zurück. Daniel bekommt eine Fünf und weil die Lehrerin Erbarmen mit ihm hat, eine neue Chance.
„Was soll es diesmal sein?“, frage ich vorsichtig.
„Blumen, aber mit allem dran, Wurzeln und so, Abgabetermin ist vor den Osterferien.“ Diesmal will Daniel alles geben. Noch eine Fünf kann er nicht gebrauchen.

Ich schaue stirnrunzelnd aus dem Fenster. Draußen liegen mindestens zwei Meter Schnee. Bei uns im Schwarzwald keine Seltenheit.

Als es endlich taut und sich die ersten Krokusse und Schneeglöckchen vorsichtig an die Sonne wagen, werden sie sofort und ganz ohne Erbarmen mit Stumpf und Stiel ausgerissen. Genauso ergeht es den ersten Osterglocken und Tulpen, den Bauernhyazinthen und den Primeln. Die gesamte Blumenbeute wird in Daniels Zimmer verschleppt, und mein Garten sieht traurig gerupft und grau aus, ganz ohne Frühlingsfarbtupfer, auf die ich doch nach dem langen Winter so sehnlich warte.

Aber das ist noch nicht das Schlimmste, das kommt erst, als ich Daniels Zimmer betrete. Ich traue meinen Augen kaum. Er hat die Blumen, die fast alle Zwiebelgewächse sind, unter die Beine seines Tisches und Schreibtisches gepresst. Auch unter den Füß0en seines Bettes und seines Stuhles kleben zerquetschte Blumenzwiebeln. Traurig hängen die Blumen teilweise noch dran.
„Warum?“, frage ich fassungslos, angesichts dieser zerquetschten Blumenmase unter den Möbeln.
„Naja, du hast doch erklärt, dass ich die Pflanzen pressen muss. Und ich hab’s echt probiert, ich kriege die Blumenzwiebeln zwischen den Buchseiten einfach nicht platt.“
Daniel bekommt eine Vier und eine neue Chance.

Bild: Christian Schmitt, Pfarrbriefservice.de
Diesmal soll es Gemüse sein. Als junge Pflanze und zur Gesamtschau auch als ausgebildete Frucht. Das „junge Pflanzenstadium“ hat Daniel bereits verpasst. Also heißt es nun bei den Gartenfrüchten ganze Arbeit zu leisten.

Mir schwant Übles.
„Wenn du es wagst, meine Tomaten, Zucchini und Gurken abzureißen und unter den Füßen deiner Möbel zu zerquetschen, dann bekommst du aber echt ein Problem mit mir“, drohe ich meinem Sohn, „und dabei interessiert mich auch kein Abgabetermin!“
„Keine Sorge, Mama!“, grinst er und drückt sich an mir vorbei in den Garten, in der Hand eine Digitalkamera und Michel im Schlepptau als Fotoassistent.
„Und wehe, ihr fasst meinen Kürbis an! Lasst den bloß in Ruhe! Das ist der erste Kürbis, der bei mir was geworden ist.“ Ich atme tief durch.
„Ist das das gelbe Riesendingsbums, das aussieht wie ein Medizinball?“, tönt es aus dem Garten. Und wenn wir noch hundert Herbarien anfertigen, ich fürchte, meine Söhne werden auch in Zukunft keine Pflanzenkenner werden.

Daniel bekommt diesmal eine Drei bis Vier, wir steigern uns... und eine neue Chance.

„Stell dir vor, Mama, diesmal muss ich mit Farbkasten und Pinsel eine Sonnenblume malen. Vier Bilder. Eine Sonnenblume in jeder der vier Jahreszeiten. Hey, Mama, hast du eigentlich eine Ahnung, wie eine Sonneblume im Winter aussieht?“

Hat denn keiner Erbarmen mit mir? Ist die Lehrerin mit dem Klammerbeutel gepudert, oder hat sie vielleicht selber keine Kinder, sitzt zu Hause am Schreibtisch, langweilt sich und denkt sich solche Aufgaben aus, um Mütter mit vier Söhnen auf Trab zu halten?
Ich hole aus der Küche einen Sonnenblumenkern und halte ihn meinem Sohn unter die Nase:
„Im Winter gibt es keine Sonnenblumen, da überwintern diese Pflanzen als Kerne, das sind die, die ich dir manchmal zum Frühstück röste und über dein Müsli streue. Wenn du diesen Kern einpflanzt, bekommst du im Sommer vielleicht ein Sonnenblume, die kannst du dann ja abmalen. Aber damit keine Zweifel aufkommen, das geht nur mit ungerösteten Kernen. Wann ist denn diesmal der Abgabetermin?“
„Und wie soll ich das jetzt malen?“ Daniel runzelt nachdenklich die Stirn.
„Keine Ahnung, das musst du dir schon selbst ausdenken.“

Bild: A. Schneider, Neubrandenburg
Das Ergebnis des Kunstwerkes „Sonnenblume im Winter“ macht der modernen Kunst alle Ehre. Ein braunschwarzer Klecks auf weißem Papier.
„Ist das alles?“, frage ich meinen Sohn.
„Du willst das doch nicht so abgeben? Dann landen wir wieder bei einer Fünf.“
„Wieso denn?“ meint Daniel. „Habe ich doch genau getroffen. Das schwarze Runde ist der Kern der Sonnenblume, also, der symbolisiert sozusagen den Winter, und das weiße Blatt ist der Schnee drumrum.“
„Also gut, male am besten noch einen Schneemann dazu, dann wird es noch deutlicher.“

Mittlerweile ist mir schon alles egal.
Ich kann es sowieso nicht ändern. Aber ich werde im nächsten Frühjahr eine Heerschar Sonnenblumenkerne in den Garten pflanzen und hoffe inständig, dass die Schnecken ihren Appetitzügeln und dass der angehende Erzieher nicht die Aufgabe bekommt, die großen, herrlichen Sonneblumen in eine Herbarium zu pressen.

Nicht auszudenken, wie er die dann „platt“ bekommt..... .

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