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Neues Leben im Alter

Die monatliche Kurzgeschichte


Jakobsmuschel
Wann immer ich am Strand entlanglaufe, suche ich nach Muscheln. Es könnte ja sein, dass gerade heute eine ganz besondere Muschel, ein seltenes Prachtexemplar, angespült wird, gerade vor meine Füße. Hier gibt es wunderschöne, vom Meer weiß gewaschene Muscheln, wir sagen dazu "SHELL- Muscheln", richtig heißen sie Jakobsmuscheln, weil sie Attribute des Heiligen Jakob sind, der in Santiago de Compostela begraben sein soll. Er ist der Patron der Pilger. Und eigentlich sind wir ewigen Pilger nicht nur bei der Muschelsuche, sondern gerade auf allen unseren Reisen ja auf seinen Spuren.

Unser Weg von der Ostsee zum Atlantik berührt alle Pilgerorte des Jakobsweges, ganz gleich, ob wir über Paris fahren oder über Lyon. Nur, es ist kein echter Jakobs-Pilgerweg, denn wir haben ja nicht Santiago de Compostela als Ziel, sondern unser mehr oder weniger unheiliges Dorf, und wir rasten auch nirgends in einer der alten Pilgerherbergen und besuchen selten die Heiligen in den Wallfahrtsorten am Wege – die liegen außerdem etwas weiter entfernt von der Autobahn.
Wir haben es immer sehr eilig und machen diese Fahrten hin und her überdies ja auch nicht, um unser Sündenkonto zu dezimieren. Für uns evangelische Christen mit dem tiefen Wissen um das "SOLA GRATIA" ist es schwer, das Heil auf Pilgerfahrten und durch Heiligenverehrung zu finden.

Dennoch fühle ich mich nicht anders als die Wanderer, die wir "auf der Südwestachse" treffen oder die hier in Portugal nach Fatima pilgern, Menschen aller Stände, die in Scharen den beschwerlichen Weg unter die Füße nehmen. Arm und Reich geht hin, die einen zu Fuß, krank und leidend, die anderen etappenweise mit Bussen. Die einen wallfahren in Gruppen, Litaneien singend, einen Rosenkranz betend oder wie die Fatima-Pilger: fröhlich schwatzend, die anderen pilgern allein, still in sich versunken.

Die einen sind auf der Suche nach Heil und Gesundheit, die anderen auf der Suche nach Erlebnis, Erfolg und Abenteuer. Die einen pilgern, um aus dem gewohnten Alltag auszubrechen, die anderen, um das Glück ("die blaue Blume") zu finden. Viele der Pilger machen sich auch auf den Weg, um am Heilsort ein Gelöbnis zu erfüllen und dem Heiligen Jakob oder der Lieben Frau für die von ihnen entgegengebrachte Hilfe zu danken. Sogar Strafwallfahrer sollen unterwegs sein: Zuhause verurteilt, büßen sie pilgernd ihre Strafe ab und werden begnadigt, wenn sie (falls sie je wieder nach Hause gelangen) ihren Pilgerausweis von Santiago vorzeigen können.

Die Santiago-Pilger sind meistens erkennbar an ihrem Stab und an der Reisetasche, aber auch an der Jakobsmuschel, die an den breitkrempigen Hut oder an den Umhang geheftet ist. Diese große Muschel dient als Kollektenteller, als Essgeschirr und Trinkgefäß, man streckte bittend die Hand mit der Muschel hin und bettelte um Spenden oder Nahrung. Die Pastorin Inge Bräutigam, die in Mecklenburg solche Pilgerfahrten von Gemeinde zu Gemeinde durchführt, benutzte die Jakobsmuschel gerne als Trinkbecher. In vielen Kirchen wird mit der Jakobsmuschel getauft, wenn man das Taufwasser nicht in der "Handmuschel" austeilt.

Nur leider, es gibt gar keine Muscheln mehr.
Ich suche und suche das ganze Jahr. Weder nach großen Stürmen noch nach Vollmondnächten, weder bei Ebbe noch bei Flut – da liegt nichts mehr am Strand.
Es ist so wie mit den Maikäfern (Reinhard Mey) und mit den Pilzen -
Früher, ja, früher, da gab es das alles in Hülle und Fülle.
Früher dekorierten die Menschen hier sogar ihre Hauswände mit Jakobsmuscheln.

Aber vielleicht wird ja doch mal wieder eine Muschel an den Strand gespült.
Vielleicht morgen, wenn ich da langgehe.
Wir werden sehen.
Herzlichst Ihre Barbara Seuffert

Bildnachweis:
Bild Muschel: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de

Bild Pilger mit Muschel: Dr. Paulus Decker
In: Pfarrbriefservice.de

Bild Jakobus-Pilgerweg: Walter Nett / Bistum Aachen
In: Pfarrbriefservice.de

Bild Hl Jakobus: Friedbert Simon
In: Pfarrbriefservice.de


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