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"Juden in Mecklenburg 1845 bis 1945"

Neues Gedenkbuch zu Mecklenburger Juden

05.02.2020 ǀ Schwerin.  Ein neues zweibändiges Gedenkbuch "Juden in Mecklenburg 1845 bis 1945" informiert auf etwa 1.500 Seiten über das vielfältige Leben der Mecklenburger Juden in diesen 100 Jahren. Die Publikation wurde von der Landeszentrale für politische Bildung und dem Institut für Zeitgeschichte München/Berlin nach fast fünfjähriger Recherche vorgelegt, sagte Michael Buddrus, Autor und Projektleiter am Institut für Zeitgeschichte, am Mittwoch bei der Vorstellung in Schwerin. Der erste Band befasst sich mit der Geschichte. Im zweiten Band werden die Kurzbiografien von 7.213 Juden vorgestellt - laut Buddrus sind das 98 Prozent aller mecklenburgischen Juden in diesem Zeitraum.

Mecklenburg-Vorpommern sei nach Baden-Württemberg, Hamburg und Berlin das vierte Bundesland, das jetzt solch ein Gedenkbuch habe, sagte Buddrus. Einzigartig sei jedoch, dass für die Mecklenburger Juden auch alle Eltern, Ehepartner, Berufe und Wohnorte erfasst würden sowie Angaben zu Emigration und Suizid. Andere Gedenkbücher beschränkten sich meist darauf, die deportierten und ermordeten Juden aufzulisten.

Das Buch sei "wirklich etwas Besonderes", sagte Bildungsministerin Bettina Martin (SPD). Es erinnere und feiere jüdisches Leben und sollte in Schulen sowie in der politischen Bildung für die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus genutzt werden.

Nach den Worten von Landesrabbiner Yuriy Kadnykov werde in dem Buch das reale Leben der Juden vor Ort dargestellt. Man könne "in Schicksale hineingehen". Die heutigen beiden jüdischen Gemeinden in Rostock und Schwerin haben zusammen etwa 1.500 Mitglieder, sagte Kadnykov.

Buddrus zufolge lebten 1845 insgesamt 4.155 Juden in Mecklenburg, das war der Höchststand. Viele Juden verließen Mecklenburg schon vor der NS-Zeit, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Im Frühjahr 1933 gab es noch 1.003 Juden in Mecklenburg, im April 1945 nur noch 69. Diese 69 waren oft mit Nichtjuden verheiratet. Nach Angaben von Mitautorin Sigrid Fritzlar existierten im Jahr 1900 noch 43 jüdischen Ortsgemeinden in Mecklenburg, 1925 noch 20 und 1939 nur noch acht.

Zwischen 1845 und 1875 sei das jüdische Schulwesen stark behindert worden, sagte Buddrus. Juden durften nicht wählen, nicht vor Gericht aussagen, keine Schaufenster in ihren Läden haben. Viele Juden seien als Händler oder Hausierer übers Land gezogen mit einem Karren, den sie selber ziehen mussten. "Es war kein schönes Leben."

Für die NS-Zeit seien 47 Juden namentlich bekannt, die in Mecklenburg im Untergrund lebten, um der Verfolgung durch die Nazis zu entkommen, sagte Buddrus. Viele seien bei Pastorenfamilien untergekommen. In dem Buch heißt es zudem, dass 1947 nur noch 26 Personen ausfindig gemacht werden konnten, die die NS-Zeit als evangelische Judenchristen in Mecklenburg überlebten.

Das Buch ist in einer Auflage von etwa 800 Stück erschienen. Es kann für eine Schutzgebühr von 30 Euro über die Landeszentrale bezogen werden, für Schulen kostenfrei. Online werde die Publikation nicht gestellt, sagte Buddrus. Für Vorpommern/Pommern gebe es noch keine Pläne, ein ähnliches Gedenkbuch zu erarbeiten.
Quelle: epd

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