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"Meine Mutter hat darüber nie mit uns geredet"

Neues Buch stellt Biografien politisch Verfolgter aus Mecklenburg vor

Von Anne-Dorle Hoffgaard

Die Herausgeber des Buches "Biografien politisch Verfolgter und Diskriminierter in Mecklenburg 1945 bis 1990" Dirk Sauermann, Lena Gürtler und Sebastian Borck. (v.l.n.r.)
05.11.2019 ǀ Rostock.  Rund 22 bis 24 Prozent jeder Generation von DDR-Bürgern sind in unterschiedlicher Form traumatisiert worden. Ziel der am Dienstag in Rostock präsentierten Publikation ist es, die Bewältigung von Unrechtserfahrungen nicht dem Einzelnen zu überlassen.

Die Chirurgin Sabine von Saß (1938-2007) blieb standhaft, ließ sich nicht als Inoffizielle Mitarbeiterin von der DDR-Staatssicherheit (MfS) anwerben. Auch dann nicht, als sie telefonische Morddrohungen und nächtliche Besuche der DDR-Staatssicherheit in ihrer Kühlungsborner Wohnung erhielt. Oder als das MfS damit drohte, ihre beiden Kinder ins Kinderheim einzuweisen und sie durch die Facharztprüfung fallen zu lassen.

Seine Mutter habe nie mit ihnen über das geredet, was das MfS ihr angetan hat, berichtet Sohn Stephan von Saß in dem neuen Buch "Biografien politisch Verfolgter und Diskriminierter in Mecklenburg 1945 bis 1990", das am Dienstag in der Rostocker Nikolaikirche im Beisein von Zeitzeugen und Angehörigen öffentlich vorgestellt wurde. Und sie habe für ihren Widerstand auch einen hohen Preis gezahlt. "Es hat lange gedauert, bis sie sich gesundheitlich wieder erholt hatte."

Die Historikerin Rahel Frank (Berlin) war mit der vierjährigen, wissenschaftlichen Aufarbeitung beauftragt. Entstanden ist ein 539-seitiges Buch mit 148 Kurzbiografien von Menschen, die als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener politisch verfolgt und diskriminiert wurden. Herausgeber sind der evangelische Kirchenkreis Mecklenburg, die Nordkirche und der Verein "Gesellschaft für Regional- und Zeitgeschichte" (Schwerin).

"Hoffnung auf mögliche Versöhnung"

Das Projekt trage die Kraft der Hoffnung auf mögliche Versöhnung in sich, sagte Nordkirchen-Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt bei der Vorstellung. Die Theologin ermutigte dazu, über erlebte und erlittene Geschichte nicht zu schweigen.

Die Kirchengemeinden in Ost und West könnten Orte sein, an denen solche Gespräche stattfinden. "Damit die, die lange geschwiegen haben, die lange schweigen mussten oder die lange kein Gehör gefunden haben, endlich zur Sprache kommen." Wenn innerhalb der Kirche Menschen Verletzungen erlitten hätten, wenn sie Solidarität oder Klarheit vermisst oder sich im Stich gelassen gefühlt hätten, müsse auch das zur Sprache kommen dürfen.

In seinem Vorwort zum Buch schreibt Nordkirchen-Altbischof Gerhard Ulrich, es erfülle ihn mit Scham, dass die Kirche auch 30 Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur für dieses Erinnern kaum liturgische Formen und nur wenige spezielle Seelsorgeangebote entwickelt habe. Zudem stehe das Gespräch mit den Tätern und Verantwortlichen für das politische Unrecht bis heute aus. Die Kirche sei gefordert, sich rückschauend auch zu schwierigen Themen zu positionieren, darunter zum Häftlingsfreikauf oder zum Umgang mit Ausreisenden.

Arbeitshilfe für Kirchengemeinden

Anne Drescher, Landesbeauftragte MV für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, sagte bei der Vorstellung, dass Aufarbeitung für die Betroffenen politischer Verfolgung auch eine moralische Dimension habe. Ziel des Projekts sei es, die Öffentlichkeit zu erreichen und es nicht dem Einzelnen zu überlassen, Unrechtserfahrungen zu bewältigen. So gibt es für jede der 245 mecklenburgischen Kirchengemeinden und für Einrichtungen die Kurzbiografien auch herausnehmbar in Ordnern. Zudem soll eine Arbeitshilfe zu erinnerungskulturellen Veranstaltungen ermutigen.

"Gut 22 bis 24 Prozent jeder Generation von DDR-Bürgern sind auf relativ dramatische Weise in irgendeiner Art traumatisiert worden", hatte die Historikerin Rahel Frank bereits im Vorwege der Präsentation gesagt. Betroffen gewesen seien unterschiedliche Gruppen von Menschen, darunter zahlreiche Christen. Zu den Verfolgten gehörten beispielsweise Verurteilte sowjetischer Militärtribunale, in sowjetische Gulag-Lager Deportierte, in Speziallagern auf deutschem Boden Internierte, Zwangsausgesiedelte oder Menschen, die unter dem Ministerium für Staatssicherheit und anderen DDR-Organen leiden mussten.

Für die Ärztin Sabine von Saß hatte der Spuk mit dem MfS ein Ende, als sie sich im Sommer 1977 an ihren evangelischen Gemeindepastor Folker Hachtmann wandte: Hachtmann ging zusammen mit zwei hochrangigen Kirchenvertretern zum Rat des Kreises Bad Doberan und forderte, die Belästigung der jungen Frau sofort zu beenden. Das ist dann auch geschehen.
Quelle: epd

Bildergalerie von der Buchvorstellung
(Fotos: C. Meyer)


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