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Morgenandacht


Von Karen Siegert, Rostock


Ruhestand

Seit einem Jahr bin ich im Ruhestand. Und erlebe nun Kirche von unten. Das heißt, ich stehe nicht mehr oben auf der Kanzel  sondern jetzt sitze ich unten auf der Bank. Es stimmt, sie könnten bequemer sein, die Kirchenbänke.  Und ich will auch nicht in der ersten Reihe sitzen, obwohl dazu liebevoll aufgefordert wird. Jetzt ertappe ich mich dabei, auch schon vor dem Gottesdienst mit meinem Nachbarn ins Gespräch zu kommen. Was ich noch vor einem Jahr überhaupt nicht verstehen konnte.

Ich merke, wie wichtig mir das gemeinsame Singen ist. Wie ich mich freue, wenn Lieder ausgesucht wurden, die ich kenne. Und ich frage mich, gehöre ich auch zu denen, die man gleich am lauten Singen als Kollegin erkennt?  Meine  Gemeinde hat es oft von mir zu hören bekommen: Biblische Texte können zu Textilien werden, die uns wärmen, die uns einkleiden, schützen. Ich fand es schön, mir das so vorzustellen. Aber wenn ich jetzt so da unten im Gottesdienst sitze, denke ich: Mein Gott, so viele Texte, so viele Worte, die ich in einer Stunde aufnehmen soll. Den Psalm, die Epistel, das Evangelium, den Predigttext, die Predigt und manchmal Fürbitten, die gar nicht enden wollen.

Und ich erinnere mich an ein Gespräch mit  meiner Jungen Gemeinde. Es ging in der Geschichte um Paulus, den unermüdlichen Prediger. Er wollte die Menschen für Gott begeistern, und er predigte und predigte und predigte. Sicher kannte er das ungeschriebene Gesetz nicht: der Pastor kann über alles predigen, aber nicht über 20 Minuten. Paulus predigt sicher nicht über alles, aber  sicher über 20 Minuten, und merkt gar nicht, dass da längst  jemand eingeschlafen war. Eutychus hieß der junge Mann. Und aus dem Fenster gefallen ist er auch noch. Da meldeten sich die Jugendlichen zu Wort: So geht es uns. Wir hören so viele Worte und Texte, da wird gepredigt und das nicht nur zu lange, sondern die Worte erreichen uns nicht, haben nichts mit unserem Leben zu tun und wir schlafen nicht nur ein, sondern fallen vielleicht ganz aus der Kirche raus.

Da muss sich doch was verändern. Ja, dieses Gespräch warvor 5 Jahren. Dazu passt der schöne Satz: „Wenn wir alles beim Alten lassen wollen, brauchen wir nicht zum Heiligen Geist zu beten“.  Aber das tun wir ja, Gott sei Dank, noch.

Kontakt

Evangelische Kirche im NDR, Redaktion Schwerin
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