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Morgenandacht


Von Melanie Kirschstein, Hamburg


„Wir schaffen das!“

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, meint der Volksmund. Ich bin mir da nicht so sicher. Kontrolle ist eine Schwester der Angst. Und Angst ist, um ein anderes Sprichwort zu bemühen, ein schlechter Ratgeber. Angst ist wie  ein gut gemeintes Achtungsschild. Aber, wenn die Angst uns bestimmt, macht sie das Leben eng. „Alles unter Kontrolle!“, sagen wir und meinen, die Sache - und vermeintlich auch das Leben - im Griff  zu haben. Aber das Leben  kann  man  nicht  im  Griff  haben.  Geburt  und  Tod,  das  Wetter  und  das  Glück - wir haben es letztlich nicht in der Hand.  

Unsere Welt hält uns täglich den Spiegel vor und weist uns auf alles das, was wir nicht in den Griff bekommen und lange nicht mehr unter Kontrolle haben. „Wir schaffen das!“, sagte  Angela  Merkel.  Und  hat  sich  damit  viele  Feinde  gemacht  in  einer  Welt  der  Angst,  die lieber Mauern und Zäune baut. „Wir schaffen das!“ bleibt für mich ein mutiger Satz. Ein Ja in einer Welt voller Nein. Keine Mauer, sondern eine Hoffnung - freilich ohne Garantie und ohne gleich alles kontrollieren und im Griff haben zu können. Wir schaffen das, wenn wir zusammenhalten und die Angst im Zaum halten. Wenn wir schwierige Entwicklungen trotz allem nicht nur ängstlich, sondern vertrauensvoll betrachten. „Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus proportional zum eigenen Mut“, meint die Schriftstellerin Anäis Nin.

Schwierige  Wege  lassen  sich  nicht  gänzlich  planen  und  kontrollieren.  Scheitern  gehört dazu.  Manchmal  müssen  wir  die  Größe  haben,  das  Leben  auf  Autopilot  zu  schalten  und mehr  beobachten und  mitgehen,  als  kontrollieren und  im  Griff haben  zu  wollen. Weil das Leben sich unserer Kontrolle und unseren Plänen entzieht. Glauben heißt dann, darauf zu vertrauen, dass  sich ein Weg auftut, den wir noch nicht ahnen und nicht planen können. Religiöse Menschen nennen das „Führung“. Sich führen zu lassen, ist  eine  passive  Lebenskunst. Sie will nicht so richtig in unsere Macherwelt passen. Wo man nicht mehr weiter weiß, nichts mehr im Griff hat, da gilt zunächst: Vertrauensvoll und wachen Herzens zu hören und zu fühlen, was dran ist.



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