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Andachten über Kunstwerke bieten neue Perspektiven auf den Leidensweg Jesu

Mit Bildern zur Passion

Von Christine Senkbeil

Das Epitaph des Professors Johann von Essen will Pastor Tilman Beyrich vom Dom St. Nikolai Greifswald in einer Passionsandacht thematisieren.
01.03.2020 ǀ Greifswald.  So eine richtige alte Backsteinkirche ist eigentlich voll davon: Abbildungen von Jesus, der sein Kreuz trägt, der am Kreuz hängt oder davon abgenommen wird. Doch wann ist Zeit, diese Kunstwerke einmal so richtig zu betrachten? Und etwas über ihre Hintergründe zu erfahren? Genau jetzt. Zur Passionszeit.

Orthodoxe Ikonenmalerei steht auf dem Programm der Passionsandachten in Neuenkirchen bei Greifswald. „Wir betrachten Bilder des russischen Malers Alexander Stoljarov, die er für eine katholische Kirche in Dresden geschaffen hat“, schreibt Pastor Volker Gummelt im Gemeindebrief.

Zu jeder Andacht ein anderes Kunstwerk – das ist auch in der Greifswalder Mariengemeinde aktuell. Auf dem dort befindlichen Passionsstein sind verschiedene Symbole und damit verbundene Geschichten zu entdecken. „Verraten und verkauft“ heißt das Thema der ersten Passionsandacht mit Pastor Bernd Magedanz.

Und auch im Greifswalder Dom greifen die Passionsandachten Kunstwerke auf, die der Kirchenraum bietet. „Wir haben hier ja besonders viele Epitaphe“, erklärt Pastor Tilman Beyrich, der gemeinsam mit seiner Frau, Pastorin Beate Kempf-Beyrich, und Touristenseelsorgerin Cordula Ruwe an jedem Mittwoch zur Mittagszeit an verschiedene Orte in St. Nikolai zur Kurzandacht bittet.

Epitaphe, also kunstvoll gestaltete Grabdenkmale für Verstorbene, böten sich dazu an, findet Beyrich. „Sie bilden ja oftTeile der Passionsgeschichte ab.“ Oftbefänden sich die Stifter des Epitaphs selbst mitten auf den Bildern – mehr oder weniger dezent – und damit im Bibelgeschehen. Sie stellen sich sozusagen als Zeitzeugen der Kreuzigung Jesu dar.

So wie Professor Johann von Essen (1610-1676), der auf einem 3 mal 2,50 Meter großen Ölgemälde von einem unbekannten Maler verewigt wurde – und mittendrin im Jerusalem des Jahres 31 steht. Direkt neben Jesus am Kreuz. Es war von Essens Sohn, der das Epitaph zum Gedenken an den Vater 1684 errichten ließ. Die imposante Pfarrersfigur stellt der Künstler mit Frau und Tochter in eine seitenverkehrte Kopie der Kreuzabnahme von Peter Paul Rubens aus dem Antwerpener Dom.

„Was mich fasziniert, ist die Gleichzeitigkeit“, sagt der Dompfarrer. Nach fast 1700 Jahren setzt sich der Maler praktisch über alle zeitlichen Grenzen hinweg und lässt Johann von Essen kurzerhand zum Zeitzeugen der Kreuzabnahme werden. Zeitgleich mit Jesus. „Dies wird das Thema der Andacht sein“, verrät Beyrich. „Es erhöht ja das Empfinden von Echtheit und Unmittelbarkeit, wenn der Betrachter das Gefühl bekommt, dabei zu sein.“ Gerade in mittelalterlichen Kirchen bietet die Passionszeit darum Gemeinden und Pastoren die Möglichkeit, ihren Kirchenraum noch einmal besser kennenzulernen. Die Möglichkeit, sich über die Kunst dem Leidensweg Christi zu nähern, bietet neue Blickwinkel, findet Beyrich.

Der Kirchenraum kann noch einmal neu erforscht werden auf der Suche nach Wandmalereien oder anderen Kunstwerken, die mit der Passionsgeschichte zu tun haben. So ist der Petrus, um den es in der ersten Passionsandacht geht, zwischen den anderen Aposteln hoch oben am Gewölbe im Südflügel eher unscheinbar – erlebt nun aber seinen großen Auftritt. Passion und Kunst. Ein starkes Paar.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 09/2020

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