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Michael Succow fordert eine Kehrtwende der Agrarwirtschaft

"Landschaft ist keine Fabrikhalle"

Von Christine Senkbeil

Michael Succow
19.11.2017 ǀ Greifswald.  Ungewöhnlich, einen Wissenschaftler von der Kanzel predigen zu hören. Aber folgerichtig am Reformationstag. Denn der Biologe Michael Succow, ein Kämpfer für die Bewahrung der Schöpfung, fordert Reformen und sieht sich damit ganz in Luthers Tradition.

„Alle großen Zivilisationen vor uns waren zu Ende, als ihr Humus zu Ende war. Wir werden folgen, wenn wir diese dünne Schicht der Fruchtbarkeit des Lebens nicht erhalten sondern zerstören.“ Es sind Sätze des Künstlers Friedensreich Hundertwasser, die der Agrarwissenschaftler und Biologe Professor Michael Succow in seiner aufrüttelnden Predigt im Greifswalder Dom zitierte.

Kunst. Wissenschaft. Theologie. Fächerübergreifend, über den eigenen Tellerrand hinausblickend, war sein „Auftritt“ im Gottesdienst überhaupt – als am Reformationstag kein Bischof, sondern ein Naturwissenschaftler auf der Kanzel des Doms St. Nikolai Greifswald stand. Aber was wäre angemessener, als der Anschlag neuer, zeitgemäßer Thesen? Michael Succow blieb sie nicht schuldig. Der alternative Nobelpreisträger, erhielt diesen Preis für die Einrichtung vieler Naturschutz-Großreservate in Ostdeutschland, Osteuropa und Asien. Er begründete in Greifswald die international beachtete Succow-Stiftung zum Schutz der Moore. Luthers Gedankenwelt mündet für ihn im Aufruf zur Wahrheit: „Dabei sind Fragen zur Weltgerechtigkeit, unserer Einstellung zur Umwelt, zur Mitwelt angesagt.“

Es ist die Agrarindustrie, die Succow in den Fokus nimmt. Eindringlich rief er die Christen auf, ihre ganze Kraft für eine Kehrtwende einzusetzen. Gegen die noch viel „effizientere“ Naturnutzung und Naturzerstörung, als er sie schon in der DDR erlebte. 1990, kurzzeitig stellvertretender DDR-Umweltminister, wurden auf Betreiben Succows sieben Prozent der Fläche der DDR unter strengen Naturschutz gestellt. Lutherisch revolutionär.

„Vernetzt euch, verweigert euch in einer Welt mit in Teilen unverantwortbarem materiellem Wohlstand“, rief er in Greifswald auf. „In dieser Animations- und Verführungsgesellschaft sind wir aufgerufen, der Gier nach Geld und Macht und daraus resultierender krimineller Energie entgegenzuwirken.“ Succow erläuterte aus seiner wissenschaftlichen Sicht, was derzeit mit unseren Böden passiert – mit dieser „jüngsten Landschaft Deutschlands“: Denn bis vor 12 000 Jahren lag Vorpommern noch unter einem 200 Meter dicken Eisschild.

"Das ist eine ökologische Verödung“

Es sei nicht die seit 6000 Jahren gewachsene Kulturlandschaft mit ihren Haustieren, den Äckern, Wiesen und Weiden, die dem Land zusetze. „Heute überzieht eine Agrarindustrie diese traditionelle Kulturlandschaft mit einer auf Maximierung des Gewinns ausgerichteten Tier- und Pflanzenproduktion“, klagt er an. 34 Prozent industriell bewirtschaftete Fläche mit einem enormen Energieeinsatz, flächenhafter Vergiftung, einer ungebremsten Nährstofflast, die in die Gewässer dringt: „Das ist eine ökologische Verödung“, so Succow. „Aber Landschaft ist keine Fabrikhalle, die ich abreißen kann. Landschaft ist nicht vermehrbar. Intakte, gesunde Landschaft ist ein immer knapper werdendes Gut, unser höchstes Gut.“

Succow sieht in einem in Teilen falsch verstandenen Darwinismus die Ursache für „besinnungslosen Wettbewerbskampf eines global wirkenden Finanzkapitals mit fatalen Folgen für die Natur und damit zwangsläufig für unsere Zivilisation“. Darwins Lehre, reduziert auf den Kampf ums Dasein als Triebfeder der Entwicklung. Prinzip der Schöpfung sei aber nicht die „Wachsen oder Weichen“-Logik, sondern das Verknüpftsein, das Zusammenspiel der einzelnen Teile für das Wohl des Ganzen, des Organismus. „So funktioniert unser Körper, so funktionieren die wichtigen Ökosysteme unseres Planeten.“

Succow hält es für die entscheidende Frage des Welterhalts, ob wir es schaffen, Teil des so wunderbar ökologisch gebauten Hauses Erde zu werden, ihre Lebensfülle zu erhalten und von ihrer Selbstoptimierung zu lernen. „Oder sind wir ein interglazialer Irrtum, eine Episode im Weltgeschehen?“ Die Umsetzung seiner Thesen – es sind 9,5, nicht 95 – könnten helfen. Keine weitere Subventionierung der Agrarindustrie mit Steuergeldern, lautet eine. Weitere, dass öffentliche Gelder nur für sozialökologisch verantwortbare Landnutzung verwendet werden dürfen, dass Chemikalien wie Neonicotinoiden und Glyphosat verboten, stattdessen alternative Bewirtschaftungsformen gesucht werden müssen. Und auf fünf Prozent der Fläche Deutschlands fordert Succow einfach „werdende Wildnis“. „Gesunde Landschaft, gesunde Böden, gesunde Nahrung, gesunde Menschen: das gilt es zu tun!“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 46/2017

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