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Meinung

Pastor Matthias Jehsert: Meine liebe Kirche!

Von Matthias Jehsert

Matthias Jehsert
21.01.2018 ǀ Retzin.  Zu Jahresbeginn fragten wir Pastoren aus MV, was sie sich 2018 von ihrer Kirche erhoffen und was sie sich selbst für das Jahr wünschen. Heute: Matthias Jehsert, Pastor in Retzin in der Propstei Pasewalk.

Die Kirchenzeitung fragt: „Was wünschst du deiner Kirche zu Neujahr?“ Ich erschrecke. Darf ich so etwas wünschen? Setzen Pastoren nicht eher das um, was Andere sich wünschen? Gemeindeglieder, die Öffentlichkeit, der Zeitgeist, und nicht zuletzt die mysteriösen „Anderen“, für die wir Kirche machen wollen?

Man traut sich auch gar nicht. Dem Wünschenden klirren augenblicklich die Ketten des Erfolgsmanagements in den Ohren: vom Wunsch zur Idee, zum Ziel, zur Umsetzung, zur Kontrolle. Das utopische Wünschen ist längst eingehegt von den Planken der Machbarkeit. Wünsche ohne Projektskizze gelten als Vision, die man besser zum Arzt trägt.

Trotzdem ist es Sitte, sich und allen, die man trifft, etwas Gutes zu wünschen. Zeugt das doch von Bedacht. Gute Worte erfordern genau wie Geschenke, sich einzulassen auf die Situation des Bewünschten. Im Märchen hat das Wünschen wirksame Kräfte. Beten und Segnen prägen den christlichen Alltag.

Und es ist besser zu wünschen, als zu verwünschen. Hier ist also mein Sieben-Punkte-Neujahrs-Wunschprogramm: Mögen wir genährt sein mit der Lust zum Wort. Nichts gegen Heilsteine und Glaubensperlen, aber wenn Apostel und Propheten uns das Brot sinnstiftender Worte zumuten, können wir auf den Brei des Aberglaubens verzichten. Mögen wir geleitet sein durch Sensibilität. Predigen wir über das Glück obdachloser Menschen – und predigen wir den Satten in ihren goldenen Tempeln! Aber bitte nicht gleichzeitig und im Fernsehen. Auch der Klimaschutz kommt besser ohne Hochglanzbroschüren zurecht.

Mögen wir begabt sein mit Mut zur Theologie. Gesetze formulieren und auslegen ist ein nobles Tun, aber der Liebe Gottes nachspüren wirkt weitaus heilsamer. Mögen wir verlockt sein zu mehr Spaß am Leben. Das Reich Gottes mag „nicht Essen und Trinken“ sein, aber Hungern und Dürsten erst recht nicht.

Mögen wir beschenkt sein mit offenen Augen und Herzen. Ganze Welten existieren jenseits von Kirche und Katechismus. Entdecken wir, was Wahr, Gut und Schön jenseits unserer Mauern, gleich nebenan, bedeutet. Mögen wir gesegnet sein mit Gelassenheit. Menschliche Erfolgsrezepte taugen nicht, um die Gottesliebe zu messen. Die Quelle des Lebens ist dem Durstigen verheißen, der sie nötig hat – nicht dem, der sie verdient.

Und mögen wir erfüllt sein vom Staunen. Verschwenden wir unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf Nützliches, sondern an so manchen Augenblick. Damit das Wunder des Lebens uns heilig bleibt.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 03/2018