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Margot Käßmann über das Reformationsjubiläum

"Lasst uns Haltung zeigen"

Margot Käßmann
29.10.2017 ǀ Hannover/Schwerin.  Was hat das Jahr der Reformationsfeierlichkeiten gebracht? Was kann die Kirche daraus lernen? Reformationsbotschafterin Margot Käßmann zieht Bilanz.

„So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ An dieser Stelle im Romerbrief (3, 28) erkannte Martin Luther, dass die Ablasspraxis der Kirche seiner Zeit biblisch nicht gedeckt war. Er veröffentlichte seine 95 Thesen und setzte vor 500 Jahren eine Bewegung in Gang, die die Kirchen, ja die Welt veränderte.

Daran haben wir in diesem Jahr angeknüpft. Wir haben gefragt, was Luthers theologische Erkenntnisse heute bedeuten. Geht es Menschen noch darum, vor Gott „gerecht“ zu werden? Mir war wichtig, zu sehen, dass an vielen Orten in Deutschland in Tausenden Predigten, Aufführungen, Ausstellungen die Reformation einerseits historisch bearbeitet wurde, aber stets auch nach ihrer aktuellen Bedeutung gefragt wurde. Menschen suchen ja auch heute nach Rechtfertigung für ihr Leben, nur sehen sie diese eher durch Konsum oder Erfolg gegeben als durch eine tiefe Zuversicht in Gottes Ja zu ihrem Leben. Luther lag daran, dass Menschen darüber mit nachdenken können. Darum hat er die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzt und Schulen für alle gefordert: Beteiligung sollte möglich werden.

Im Reformationssommer in Wittenberg haben wir neue Formen ausprobiert, darüber ins Gespräch zu kommen. Öffentliche Andachten wurden zu einem Anziehungspunkt an einem Ort, an dem Christen eine kleine Minderheit sind. Angebote zum Gespräch in Café oder Kneipe zeigten sich als gute Möglichkeit, über Gott und die Welt zu reden. Das war ermutigend, daran werden wir anknüpfen können, wenn es darum geht, von unserem Glauben zu sprechen in einem zunehmend säkularen Umfeld. Wir haben den reformatorischen Aufbruch hin zur individuellen Freiheit in Fragen des Glaubens und des Gewissens dieses Jahr ökumenisch gefeiert. Die anderen Kirchen haben sich beteiligt, weil heute klar ist: Trotz aller Unterschiede verbindet uns Christen mehr als uns trennt.

Veranstaltungen waren ermutigend

So wurden Versöhnungsgottesdienste gefeiert. Es gab gute theologische Gespräche. Deutlich wurde: Wir sind verschieden, Papsttum, Marienverehrung, Amts- und Kirchenverständnis bleiben unterschiedlich. Aber Vielfalt ist auch kreativ, und wir wissen heute, dass der gemeinsame Glaube starker ist als das, was uns trennt. Das war ein wichtiges Zeichen für unsere Kirchen, hinter diese Erfahrung gibt es keinen Weg zurück.

Und wir haben international gefeiert. In einer Zeit, in der Nationalismus aus der Mottenkiste der Geschichte geholt wird, stehen die Kirchen für eine Bewegung, die das Volk Gottes gerade nicht an nationalen Grenzen entlang definiert. Wir verstehen uns als Geschwister im Glauben in aller Welt. Das ist ein Signal für die Aufgabe unserer Kirche in der Zukunft. Zu dieser Aufgabe wird auch der Dialog mit anderen Religionen gehören – die Lerngeschichte der Reformation geht weiter.

Martin Luther hat gesagt: „Glaube ist eine lebendige, verwegene Zuversicht auf Gottes Gnade. Und solche Zuversicht macht fröhlich, mutig und voll Lust zu Gott und allen Geschöpfen.“ Das ist eine großartige Zusammenfassung der Lebenshaltung eines Christenmenschen bis heute, finde ich: Fröhlich, mutig und voll Lust zu Gott und allen Geschöpfen. Wenn wir unsere Kirche und unser Glaubensleben heute reformieren, dann wohl auch dahin, dass das sichtbar wird. Also lasst uns diesen Reformationstag feiern und diese Haltung zeigen.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 43/2017