Nach oben

Den eigenen Platz gefunden

Marcia Welter erzählt über ihr Jahr im Bundesfreiwilligendienst

Bufdi Marcia Welter im Deutschen Bundestag während einer Seminarfahrt nach Berlin
02.09.2018 ǀ Rostock.  Am 1. September werden alle Freiwilligen des Diakonischen Werkes Mecklenburg-Vorpommern für den Jahrgang 2017/2018 in einem feierlichen Gottesdienst in der Rostocker Nikolaikirche ab 14 Uhr verabschiedet. Zugleich werden die neuen Freiwilligen begrüßt. Auch Teilnehmer über 27 Jahren, die sich als Bundesfreiwillige im BFD 27 Plus engagieren sind darunter. Die 40-jährige Marcia Welter absolviert ihren Dienst beim Diakoniewerk Neues Ufer gGmbH in Rampe. Die Brasilianerin lebt seit Oktober 2015 mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn in Deutschland, zunächst in Gütersloh und seit 2017 in Schwerin. Mit ihr sprach Katrin Luther.

Ende 2015 haben Sie Ihre Heimat Brasilien verlassen und sind mit ihrer Familie nach Deutschland gekommen. Was waren die Gründe für diesen Schritt?

Marcia Welter:
Mein Ehemann ist Deutscher. Nach seinem Studium in Deutschland lebte er mit mir in Brasilien. Es gab jedoch viele Probleme. Einerseits spielte die politische und wirtschaftliche Krise in Brasilien eine Rolle, andererseits die Gesundheitsfürsorge. Unser Sohn musste damals nephrologisch (an den Nieren) behandelt werden. In Deutschland ist die Qualität der medizinischen Versorgung besser. Mittlerweile ist unser Sohn gesund.

In Deutschland haben Sie sich zunächst um Ihren kleinen Sohn gekümmert. Wie kamen Sie auf die Idee, den BFD zu absolvieren?

Ich nahm an dem Projekt „She works“ der Agentur der Wirtschaft teil. Das Projekt unterstützt Mütter mit Migrationshintergrund, wieder berufstätig zu werden. Das Job Coaching hat mir sehr geholfen und es war sehr wichtig. Zuvor war ich ohne Perspektive und für einen Moment dachte ich daran, aufzugeben. Dann wurde mir im November 2017 ein Praktikum im Diakoniewerk vermittelt. Die Arbeit mit Behinderten hat mir viel Freude bereitet. Ich wollte so viel wie möglich mitnehmen und lernen. So ergab es sich, dass ich für ein Jahr lang den Bundesfreiwilligendienst dort absolvieren darf. Bei der Diakonie stellte ich fest, dass die Arbeit mit Menschen mit Behinderung für mich eine mögliche berufliche Perspektive bedeutet. Ich bin eine sehr geduldige, kommunikative Person und ich mag diese Atmosphäre von Unterschieden und Gleichheiten.

Was bedeutet es für Sie, Bundesfreiwillige zu sein?

Ich habe meine Richtung gefunden! In Brasilien arbeitete ich in einem Krankenhaus als Sozialarbeiterin. Die Patienten wurden von mir in sozialrechtlichen Fragen beraten und mit finanziellen oder ambulanten Hilfen unterstützt. Die Kompetenz, mit Menschen zu arbeiten, war eine tägliche Notwendigkeit. Meine jetzige Arbeit mit Behinderten ist bereichernd und sehr motivierend für mich. Ich bin noch näher an den Menschen dran als damals und habe so viel Spaß dabei.

Ohne den BFD wären Sie also nie auf den Gedanken gekommen, dass die Arbeit mit behinderten Menschen eine erfüllende berufl iche Perspektive für Sie sein könnte?

Nein, es war eine Überraschung für mich. In Brasilien dachte ich, Behinderte seien so schwer verständlich. Hier habe ich eine andere Erfahrung gemacht. Ich wurde so herzlich aufgenommen. Die Menschen sind sehr verschieden, jeder hat seine Schwierigkeiten und wir haben die Chance, zusammen Erfahrungen zu sammeln. Es hat sich für mich eine große Tür geöffnet. Ich habe meinen Platz gefunden.

Es gibt zwölf Seminare, die Bestandteil der Freiwilligendienste sind, an denen Sie gemeinsam mit anderen teilnehmen. Was bedeuten diese Seminare für Sie?

Bisher habe ich an Seminaren in Güstrow, Berlin und Boltenhagen teilgenommen und diese waren sehr schön. Es gab Zeit für Gespräche und Refl exionen zu wichtigen Themen, wie beispielsweise Vorurteile. Wir haben verschiedene Aufgaben bekommen, um uns besser kennenzulernen und gegenseitig zu verstehen. Der Austausch mit den anderen war toll. Außerdem haben wir interessante Museen besucht und waren sogar im Bundestag in Berlin. Das war total schön und ich bin froh, dass ich das erleben durfte. Besonders gefällt mir die Stimmung während der Seminare. Es ist eine Pause vom Alltag und die Refl exionen bringen mich persönlich weiter.

Wissen Sie schon, was Sie danach machen?

Ich habe meinen Platz gefunden und hoffe, dass ich die Möglichkeit bekomme, nach dem BFD bei der Diakonie weiter mit behinderten Menschen zu arbeiten. Hierzu muss ich lernen, besser Deutsch zu schreiben und zu sprechen. Es ist schwer, einen Platz in einem Kurs zu bekommen. Aber ich gebe nicht auf!

Was würden Sie einem Freund raten, der überlegt, ob er sich im Bundesfreiwilligendienst engagieren soll und noch Zweifel hat?

Lass Dich überraschen! Das ist ein Weg, etwas Neues auszuprobieren und weiterzugehen. Für mich war es super. Ich habe ein Jahr in Gütersloh gelebt. Dort bleiben viele Frauen lange mit ihren Kindern zu Hause. Viele sagten mir, sie fänden keinen Job. Der Bundesfreiwilligendienst ist eine tolle Chance, auch für diese Mütter. Die Seminare schenken mir Zeit für Reflexionen. Ich bekomme ein Jahr Zeit. Persönlich nehme ich so viel mit. Das ist toll.

Das Interview führte Katrin Luther, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Diakonischen Werk Mecklenburg-Vorpommern.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 35/2018

Diese Website verwendet Cookies und die Webanalyse-Tools Matomo und Google Analytics. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich hiermit einverstanden.Eine Widerspruchsmöglichkeit gibt es auf der Seite Datenschutz.