Nach oben

Drei Fragen an den ehemaligen "Zeit"-Chefredakteur

Robert Leicht: Luther waren unsere politischen Freiheiten fremd

13.11.2017 ǀ Hamburg.  Der ehemalige Chefredakteur der "Zeit", Robert Leicht, hat im zurückliegenden Festjahr zu 500 Jahren Reformation "neben manchem Vernünftigem auch viel oberflächliches PR-Material" zur Kenntnis genommen. Dass Martin Luther (1483-1546) heute vielfach als "Vater unserer Freiheit" gewürdigt wird, ist aus Sicht des Publizisten ahistorisch. Luther habe in seiner Zeit "bürgerliche Freiheit schlechterdings noch gar nicht denken" können, sagte Leicht, der von 1997 bis 2003 dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehörte.

epd: Ein Jahr lang haben Kirche und Staat 500 Jahre Reformation gefeiert. War das Festjahr aus Ihrer Sicht gelungen?

Robert Leicht: Man konnte ja nicht alles mitkriegen: Ob Deutschland darüber frommer und evangelischer geworden ist? Erstaunlich jedenfalls waren für mich die Berichte über die oft überfüllten, nicht selten ökumenischen Gottesdienste am Reformationstag in den Gemeinden selber. Wenn der Jahresrummel dazu beigetragen hat, umso besser. Ansonsten habe ich neben manchem Vernünftigem auch viel oberflächliches PR-Material und einige an den Haaren herbeigezogene "Aktualisierungen" erlebt.

Sie sagen, es werde Martin Luther nicht gerecht, ihn zum Stammvater unserer heutigen Freiheit zu erklären. Wie meinen Sie das?


Vor wenigen Jahrzehnten war es noch schick, Luther als Propheten der Obrigkeitshörigkeit anzuschwärzen, bis hin zur Ahnenkette "Luther - Friedrich der Große - Bismarck - Hitler". Das war so simpel und falsch wie heute die Phrase "Vater unserer Freiheit". Wenn Luther das wäre - weshalb haben sich dann die protestantischen Kirchen ("Thron und Altar") bis 1918 und teilweise noch danach mit Händen und Füßen gegen demokratische Anwandlungen gewehrt? Luther konnte in seiner Zeit (und mit den Zeitgenossen Machiavelli und Thomas Hobbes) bürgerliche Freiheit schlechterdings noch gar nicht denken.

Unsere politischen Freiheiten waren ihm fremd - und seine zutiefst und allein religiöse Freiheit ist uns weithin fremd: die Freiheit vom Gesetz der Sünde und von der Sünde des falsch verstandenen Gesetzes, um es einmal fundamental zu verknappen. Sehen wir uns denn wirklich als Sünder, die vor Gott der Gnade bedürfen?

Warum ist es aus Ihrer Sicht so schwierig, das reformatorische Glaubensverständnis, wie es im 16. Jahrhundert entstand, heute zu vermitteln?

Ist das denn überhaupt schwierig? Natürlich, wenn man es selber nicht glaubt, kann man es auch nicht vermitteln - und verfällt dann leicht ins allgemeine Gutmenschentum: nie ganz falsch, nie ganz richtig. Aber dazu braucht es weder den Karfreitag noch Ostern. Nichts gegen niedrigschwellige Angebote, solange hinter der Schwelle sich nicht ein geistlicher und geistiger Flachbau auftut. Luther fand schließlich seine Antwort auf die Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Wenn uns diese Frage gar nicht erst ernstlich berührt, dann brauchen wir auch keine Kirchen mehr - ohne dass irgendein Jubiläum daran etwas ändern könnte. 
Quelle: epd