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Auch MV ist angesichts der Flüchtlingszahlen im Auf- und Ausnahmezustand

Flüchtlinge im Stress: Wohin?

Von Sybille Marx

Überfüllte Aufnahmelager sind für Flüchtlinge der erste Ort, an dem sie etwas zur Ruhe kommen.
20.09.2015 ǀ Horst.  Pastor Walter Bartels arbeitet als Seelsorger für Flüchtlinge im Erstaufnahmelager von MV – und sieht die angespannte Lage. Wie viele andere Kirchenleute hofft er, dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen trotzdem nicht abreißt.

Die Zahlen machen Pastor Walter Bartels schon manchmal Angst. Seit Februar arbeitet er als Flüchtlingsbeauftragter im Kirchenkreis Mecklenburg, immer neue Prognosen geben Bund und Land heraus: wie viele Flüchtlinge bis Ende des Jahres noch nach Deutschland kommen, wie viele in den Nordosten. 16 300 könnten es in MV werden, hat Bartels am Dienstag gehört – und das, obwohl die Erstaufnahmeeinrichtungen in Horst und Stern-Buchholz voll sind, elf Notunterkünfte aufgebaut werden mussten, das Land weitere Unterbringungsmöglichkeiten sucht, die hauptamtlichen Mitarbeiter überlastet sind. „Niemand weiß im Moment, wie das funktionieren soll“, sagt Bartels. Und doch ist für ihn klar: Irgendwie muss es gelingen. „Und wir als Kirche müssen uns da engagieren.“

In seiner täglichen Arbeit sieht Bartels nicht abstrakte Zahlen, er sieht Männer, Frauen, Kinder, die tausende Kilometer voller Gefahren zurückgelegt haben, um ein sicheres Land zu erreichen. Als Seelsorger arbeitet der 63-Jährige in Horst und Stern-Buchholz. Normalerweise führe er dort viele Gespräche, höre den Menschen zu, was sie auf der Flucht erlebt hätten. „Im Moment ist die Lage verändert.“ Nicht nur, dass vor den Horster Toren Zelte aufgebaut wurden, in denen mehrere hundert Flüchtlinge campieren. „Die Flüchtlinge sind im Stress, hängen ständig an ihren Handys“, schildert der Pastor. Viele Verwandte, Bekannte von ihnen seien noch auf der Flucht, und sie alle bewege die Frage: Wo kann man hin? Wo kann man hin, wenn 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind und Teile von Europa sich abschotten?

"Pflicht, Flüchtlinge würdig zu empfangen“

Ungarn etwa hat vor ein paar Tagen seine Südgrenze dicht gemacht und damit den Hauptdurchgang für Flüchtlinge auf der Balkanroute versperrt. Auch, dass die Grenzkontrollen in Deutschland wieder eingeführt wurden, sehen Kirchenvertreter wie der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm mit Sorge. Solche Kontrollen dürft en nur eine Atempause sein, mahnt Bedform-Strom. „Aber es kann nie und nimmer dazu führen, dass sich Deutschland seiner Pflicht entzieht, mitzuhelfen, Flüchtlinge würdig zu empfangen.“ Das Selbstverständnis der EU werde mit Füßen getreten, wenn sich Europa wie eine Festung abschotte. Das Dublin- System habe ohnehin versagt, nun müssten Flüchtlinge nach einer Quote auf alle EU-Länder verteilt werden.

Doch vor allem die östlichen Länder wehren sich bisher, weitere Flüchtlinge aufzunehmen. „Das ist schon etwas, was hierzulande Unmut wecken könnte“, fürchtet Bartels: dieses Gefühl, dass manche EU-Länder einfach wegguckten. In seinem direkten Umfeld allerdings beobachtet er statt Unmut vor allem den Willen, mit anzupacken. In einer Turnhalle nahe Boizenburg etwa habe das Land vor Kurzem 60 Flüchtlinge untergebracht. „Da ist die Kirchengemeinde hingegangen und hat gefragt, was sie tun kann“, erzählt er. Viele andere Gemeinden böten Deutschkurse an, begleiteten Flüchtlinge zu Behörden oder spendeten Winterkleider, „viele haben auch ein Willkommenscafé und versuchen alles, um den Menschen ein bisschen Raum zum Hiersein zu bieten.“ Das sei auch dringend nötig, sagt Bartels. Bei den Flüchtlingen, die er in Horst und Stern-Buchholz spricht, beobachtet er es immer wieder: „Deutschland ist für sie nach Wochen oder Monaten auf der Flucht der erste Ort, an dem sie etwas zur Ruhe kommen.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 38/2015


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