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Zu Gerhard Dallmanns 94. Geburtstag

Leben als Reise mit einem Frachtensegler

Von Christine Senkbeil

Pastor i.R. Gerhard Dallmann (Mitte) zeigt seine neuesten Schiffsmodelle kurz vor seinem 94. Geburtstag auf dem grünen Gelände der Wohnstätten Züssow. Pastor Ulf Harder mit der Yacht, die derzeit im Bau ist. Ulrike Ramm, Betreuungsfachkraft des Pommerschen Diakonievereins, zeigt den Frachtensegler, den Dallmann in der Ergotherapie baute.
21.06.2020 ǀ Züssow.  Seit Anfang Januar steht das kunstvolle Modell eines Frachtschiffs im Liesenhoff-Haus. Seine Werft ist die Ergotherapie des Pommerschen Diakonievereins für die Wohnstätten Züssow. Schiffbauer ist Gerhard Dallmann, Bewohner des Pflegeheimes. Außerdem Schriftsteller. Ein pommerscher Pastor im Ruhestand – mit einem lyrischen Blick auf das gelebte Leben. Am 18. Juni wurde er 94.

Die ersten Schiffchen aus Borke und Blättern ließ er schon als Junge in Stettin zu Wasser, sagt er, wo der segelbegeisterte Vater die Söhne ins Freie lockte – und seinen Jüngsten infizierte mit schwärmender Liebe für Natur, Musik und schönen Geist. Als alter Mann wandern die Gedanken von Gerhard Dallmann immer häufiger zurück. Zur Kindheit unter windgefüllten Segeln. An die Hagelschläge im jungen Leben. Den Einzug in den Reichsarbeitsdienst, mit 16. Die Wehrmachtsuniform mit 17, „als Jüngelchen“, sagt er. Mit immerhin soviel Mumm, dass er sich kurz vor Kriegsende ein Ruderboot schnappte und der Wehrmacht einfach davon ruderte. Als Deserteur in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Als Kriegsgefangener in einem belgischen Kohlebergwerk. 1948 endete der Spuk. Er wurde Diakon, ab 1954 Pastor in Tribsees, ab 1960 Ausbildungsleiter im Diakoniehaus Züssow. Von 1965 bis zum Ruhestand 1991 war er Pastor in Greifswald-Wieck. Irmgard an seiner Seite, die begnadete Kirchenmusikerin. Und die drei Kinder dieser Ehe.

Ein bewegtes Leben. Dallmann veröffentlichte Erzählungen, Romane, Jugendbücher. „Das Kahnweib“, wurde im Theater Vorpommern gespielt. Und etliche seiner Modellschiffe hängen in den Kirchen des Nordens. Viel Stoff, sich zu erinnern. Fragen nach dem Sinn, der in allem liegt.

Wenn er heute, kurz vor seinem 94. Geburtstag, mit der Laubsäge an der Werkbank steht, geht ihm so vieles durch den aufgeräumten Kopf. Kleine Wortwitze und Denkaufgaben, die wie eh und je von seinen Lippen hüpfen, das Lächeln verschmitzt. Aber auch Schweres. Über das Schiff, das er gerade baute. Eine Bootsreise, die wie das Leben ist. Es sind philosophische Gedanken, die er dem Schiff bei der Andacht zur Übergabe mitgab. Gedanken eines alten, bootsbauenden Poeten …

Aus der Andacht von G. Dallmann:

(...) Des alten Mannes an der Werkbank Absicht war das Bauen eines Frachtsegelschiffs. Und es wird mehr sein als nur ein auf dem Wasser schwimmendes Fahrzeug. Es geht dem Erbauer um ein Überdenken seines Schaffens. Ein Sinnbild, ein Symbol soll es werden, ein Werkstück mit weitgreifender Bedeutsamkeit, ein Werk, das mit seiner Stimme zu dir sprechen wird.

Der Erbauer unterstreicht eine Wahrheit, die nicht überhört werden darf: Ein Schiff schwimmt nicht, ein Schiff wird auf dem Wasser getragen, einem Naturgesetz zufolge. Und ein Schiff kennt keine Fahrtrichtung, sondern man nennt es an Bord einen Kompasskurs. Will ein Schiff auf Fahrt gehen, holt es die Leinen ein, die es festgehalten haben, und legt ab und verlässt den es schützenden Hafen. Ist dann frei und ungebunden, offen für alles weitere Geschehen.

Das Frachtschiff hat eine eigens ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Und die ist, fremdes, oft sehr kostbares Gut dem anbefohlenen Ziel, dem Empfänger zuzuleiten. Dass das geschieht, ist dem Mann am Ruderrad zu danken. Er fährt den angewiesenen Kurs auch ohne Landsicht. Doch Gefahren, die das Schiff während der Fahrt bedrohen, bleiben nicht fern. Mal erhebt sich ein Sturm, dem es zu trotzen gilt, mal sind es donnernde Wogen, die über Deck fegen und mitreißen, was keinen Halt hat, mal strahlt wohlwollend die Sonne und schickt sengende Hitze und küsst die aufgespannten Segel tot, letzte Winde verzehrend, doch auch Eiseskälte schüttet grausige Schneemassen aus und nimmt dem Steuermann die Sicht.

Dann wird die Frage im Schiff wach: Werden uns die unsichtbaren Hände tragen? Der Weg zum anbefohlenen Hafen, er ist gepflastert mit Unheil, mit Finsternis und Mühsal. Die Angst vor einem Schiffbruch, die segelt mit. Wenn das Schiff zu Boden geht, atmet dann noch das Wort des alten Propheten, das da heißt: Ich will dich tragen bis ins Alter, bis dass du grau wirst. Ist das Wahrheit?

Den alten Mann an der Werkbank im Therapieraum bedrängen solche Gedanken. Er blickt auf seine tätigen Hände, dann weiß er, dass er ein Abbild schafft von dem Wirklichen, dem jeder Mensch zu gehorchen hat: Du, lieber Mensch, bist das Frachtschiff, du selbst. Darum steh auf und geh.

Nun segelst du, Schiff, auf einem Ozean, der allein seine Ufer kennt. Du weißt nicht von ihnen. Dein Ozean ist Zeit, eine nicht fassbare Zahl Seemeilen durch das Leben, das nur vom Horizont weiß, in dem sich Himmel und Erde küssend vereinen. Dort finden alle das Ende. Es ist der Schritt in die Ewigkeit. Dorthin wirst du getragen, von der ersten Sekunde an.

Noch liegt unser Schiff sicher vertäut in seinem Hafen, so wie du als noch unmündiges Kind im Schoße deiner Familie, angeleint an die Umsorgung der Eltern. Doch eines Tages wirst du die Kindheit abwerfen wie das Seil von einem Schiff an Land, ergreifst dein Selbst und segelst in das Meer deines Lebens, unerfahren, tollkühn, dein Selbst formend. Noch weißt du nicht, was dir begegnen wird, wenn sich deine Träume zerschlagen, wenn das Böse im Menschen erbarmungslos mit dir spielt, als ob Stürme über ein Schiff fegen und dir dein Vertrauen zerreißen. Schmerzendes Erfahren wird dich quälen und dich in die Grube werfen, die du selbst gegraben hast und du wirst erkennen, dass das Leben nicht lustig Blumenpflücken ist.

Und du, Schiff, hast diese Lasten zu tragen, bist ja ein Frachtschiff. Die Fracht, die du verschenken darfst, heißt Glaube, Hoffnung, Liebe, und viel mehr noch aus den Händen deines himmlischen Kapitäns, und wisse: die Liebe ist die größte unter ihnen, eine Fracht, die nie verwelkt. In schweren Stunden greife mutig hinein in diesen Schatz. Steh auf und geh, dann wird du erkennen, wie du bei Dunkelheit vom Lichtschein Gottes geleitet wirst. Dann ist die Wahrheit über dir, wie das große Segel am Mast. Leinen über und ablegen, das gilt dir, segle hinein in die Zeit, die dir gehört. Und:
Wenn du die letzte Fahrt vollbracht, dann leg dich, Schiff, an Land und sag Dank dem Steuermann, Christ, der am Ruder stand.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 25/2020

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