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„Nicht den Untergang verwalten, sondern den Übergang gestalten“

Landesynode beriet Thema „Kirche in der Minderheit in einem säkularen und ländlichen Umfeld“ mit dem katholischen Religionssoziologen Paul Michael Zulehner

19.11.2010 | Plau (cme). „Kirche in der Minderheit in einem säkularen und ländlichen Umfeld“. Zu diesem Thema beriet heute Vormittag (19. November 2010) die mecklenburgische Landessynode in Plau am See. Präses Heiner Möhring hatte dazu einen Gast aus Wien eingeladen: den katholischen Religionssoziologen Paul Michael Zulehner. Der emeritierte Professor ist dafür bekannt, der Lage der Kirche in der modernen Gesellschaft auf den Grund zugehen. Vor allem wollten die Synodalen die Situation in den Plattenbausiedlungen einerseits und den immer dünner besiedelten ländlichen Gebieten besonders im Osten von Mecklenburg in den Blickpunkt rücken. Hier gehören teils weniger als zehn Prozent der Bevölkerung der Landeskirche an, sagte der Präses zur Einführung.

Für die Zukunft der Kirchgemeinden gibt es laut Professor Zulehner nur zwei Wege: entweder sie entwickeln sich oder sie werden sterben. Um sich zu entwickeln, empfahl der Wiener Theologie, eine klare Vision vor Augen zu haben. Für die Menschen im Land müsse klar sein, dass die Kirche menschen- und gottnah sei. Zulehners Devise heißt deshalb, „nicht den Untergang verwalten, sondern den Übergang gestalten“. Zuerst die Strukturen zu ändern, sei deshalb der falsche Ansatz, da so für Visionen am Ende zu wenig Kraft bleibe. Die Kirche müsse ihren Auftrag so artikulieren, dass sie in der Perspektive „Kirche für Alle“ sein will.

Zulehner stellte dar, das allen Religionen gemein sei, „das Göttliche mit dem Menschlichen zu vereinen“. Im Christentum habe dies aber bereits mit Jesus Christus begonnen. Die Herausforderung angesichts der Europäisierung oder der Entwicklung zu Weltbürgern hin, ist mehr Fragen zu stellen und Zweifel zu äußern, da den Menschen nichts mehr sicher erscheint. In der heutigen Gesellschaft gibt es verschiedene Felder - atheisierend und spirituell, muslimisch und christlich. Für den Religionssoziologen ist klar: Wer fragt ist auf dem Weg. Und dabei sei Sehnsucht ebenso wichtig wie eine Kultur der Liebe, um als Christen das Heil Gottes zu enthüllen (als Christen Licht der Welt zu sein) und zu heilen (als Christen Salz der Erde sein). Zulehner wörtlich: „Doch letztlich hindert die Angst die Menschen daran, das zu werden, wozu sie von einem Gott der Liebe geschaffen sind: Liebende.“ Deshalb sind für den katholischen Wissenschaftler Rituale wie das Abendmahl bzw. Eucharistie wichtiger als Worte, da dieses gemeinsame Feiern „Weltverwandlung“ sei.

Der Kirche empfahl Professor Zulehner in den örtlichen Kirchgemeinden wieder mehr Dienste zu leisten und nicht Dienstleister zu sein. Im Konkreten heiße dies beispielsweise „raumgerechte Seelsorge“ zu betreiben. Dazu bedarf es Menschen, die „entschieden zur Verfügung stehen und einzelne Aufgaben übernehmen“. Zudem stellte er den Synodalen ein Gedankenspiel nahe: Kirche zu mobilisieren unter der Annahme man habe kein Geld aus Kirchensteuern etc. mehr. Denn Bürokratie und finanzielle Sicherheit bringen unter Umständen einen Abstand zwischen der Kirche und den Menschen.
Professor Zulehner schloss mit den Worten, dass die Kirche in Mecklenburg guter Hoffnung sein kann, da Gott sich als treu erweisen wird – auch junge Menschen zum christlichen Glauben zu führen.

Statistik verdeutlicht demografischen Wandel als Herausforderung
Der starke demografische Wandel im nordöstlichen Bundesland lässt sich an den Zahlen der Mecklenburgischen Landeskirche ablesen: So verlor diese in den vergangenen zehn Jahren etwa 50.000 Mitglieder, vor allem durch Wegzüge und Sterbefälle. Mit aktuell rund 194.000 Gemeindegliedern gehören knapp 18 Prozent der Bevölkerung in Mecklenburg zur evangelischen Kirche. Damit sei der „Status einer Minderheit erreicht. Die vorherrschende Konfessionslosigkeit prägt heute das, was als ,normal’ angesehen wird. Zugleich sind wir immer noch eine der größten gesellschaftlichen Gruppen. Dadurch werden uns als Kirche erstaunlich großen Wirkungsmöglichkeiten zuteil“, heißt es dazu in einem Informationstext von Pastor Marcus Antonioli, der Mitglied im Gemeindeausschuss der Landessynode ist.

Andererseits sagt der Blick auf die Statistik nicht alles aus: So gibt es zahlreiche Menschen, die der Landeskirche nahe stehen und mitarbeiten - beispielsweise in den 126 Kirchbaufördervereinen. Anders als bei einem Verein begründet ein bewusster Akt – die Taufe - die Mitgliedschaft und nicht allein das Ausfüllen eines Aufnahmeantrages. Daneben ist ein hohes Maß an ehrenamtlichem Engagement in den Gemeinden zu beobachten, so dass 2009 mehr als 12.000 Gemeindeglieder als Ehrenamtliche gezählt wurden, was einem Anteil von immerhin sechs Prozent an der Gesamtmitgliederzahl entspricht.

Bei den Taufen gab es im Jahre 2007 mit 1.866 Amtshandlungen einen deutlichen Anstieg (Plus 127) gegenüber 2006. Dagegen lag die Zahl der Taufen im Jahre 2008 mit 1.698 Taufen um 168 niedriger. 2009: 1638 (ein Minus von 60 gegenüber 2008). Bei den Konfirmationen ist eine kontinuierliche Verringerung der Zahlen zu verzeichnen. Gab es im Jahre 2000 noch 1.696 Konfirmationen, so waren es im Jahre 2007 nur noch 841 und im Jahre 2008 mit einem leichten Anstieg 890, also eine Halbierung der Zahlen. Diese Halbierung hat keineswegs allein demografische Hintergründe. Der Vergleich zwischen den Taufzahlen und den Konfirmationszahlen zeigt, dass maximal 2/3 der Getauften für die Konfirmandenarbeit erreicht werden. Im Jahre 2009 gab es 880 Konfirmationen.