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Landespastor Martin Scriba im Gespräch

Diakonie ist Werk der Kirche

09.07.2017 ǀ Schwerin.  Im Grunde seines Herzens ist Martin Scriba immer Gemeindepastor geblieben. Nur dass seine Gemeinde in den vergangenen acht Jahren sehr groß war: alle Mitarbeitenden in der Diakonie in Mecklenburg und Vorpommern. Und das sind in rund 1150 diakonischen Diensten und Einrichtungen rund 14 500 Beschäftigte. Er war gern in Gottesdiensten zu Einweihungen oder besonderen Festen: Dann holte er seine Gitarre heraus und sang mit allen – egal, ob in der Kita mit den Kindern oder im Altenheim mit den Älteren. Im Zentrum stand für ihn der Gottesdienst.

Und so versuchte er, dass besondere Jubiläen nicht mit Andachten innerhalb der Einrichtungswände gefeiert wurden, sondern dass die Mitarbeitenden der Diakonie in die Kirchen im Ort gingen, um gemeinsam mit der dortigen Gemeinde Gottesdienst zu feiern. Denn Diakonie ist immer Bestandteil der Gemeindearbeit – das lebt Martin Scriba selbst und diesen Gedanken gibt er weiter. So fand seine Verabschiedung aus dem Dienst als Leiter des Diakonischen Werkes am Sonntag (9. Juli) im Gottesdienst der Schweriner Domgemeinde statt. Schwerin ist für den aus Thüringen stammenden Pastor seit gut 30 Jahren sein Zuhause: erst von 1986 bis 1999 als Pastor der Paulsgemeinde, dann als Beauftragter der Kirchen beim Landtag und der Landesregierung und als letzte Berufsstation seit 2009 als Landespastor für Diakonie. Marion Wulf-Nixdorf sprach mit Pastor Martin Scriba.

Herr Scriba, Sie haben Kirche aus Gemeindesicht, in der Politik und in der Diakonie kennengelernt. Wo steht Kirche? Scriba:

Sie muss wieder bodenständiger werden. Im Organisieren von Leuchttürmen sind wir, auch mit der Kraft der Nordkirche, ganz gut. Aber unsere Präsenz in der Flache, insbesondere in den beiden Kirchenkreisen Mecklenburg und Pommern, hat sehr abgenommen. Zu Beginn meiner Dienstzeit haben wir die Kirchenleitung in Thüringen einmal befragt, was sie von uns erwarte. Die Antwort war frappierend einfach: Da sein! Heute ist das Netz kirchlicher Mitarbeiter sehr weitmaschig geworden. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Präsenz bei den Leuten zu organisieren, wird uns auch für unsre Eventkultur irgendwann die Puste ausgehen.

Wenn Sie auf Ihr reich gefülltes Berufsleben zurücksehen: Gibt es etwas, von dem Sie sagen: Das ist mir richtig gut gelungen?

Bei allem, was gelungen ist, war ich nie allein. Ich hatte zum Glück immer tolle Mitstreiter an meiner Seite. In der Zeit meines Gemeindepfarramts in Thüringen mit 14 Dörfern und acht Predigtstellen war es die Verknüpfung von Gemeindepfarramt und übergemeindlichen Aufgaben als Kreisjugendpfarrer und in der Friedensarbeit. Beide Seiten haben einander gegenseitig bereichert.

Und dann im Pfarramt in Mecklenburg?

Nach den sich mit unserer friedlichen Revolution von 1989 eröffneten Möglichkeiten freue ich mich noch heute darüber, dass es gelungen ist, die bauliche Substanz der Schweriner Paulskirche zu retten, insbesondere ihren Turm und die Glasmalfenster. Dazu gehört auch die Gründung der Sozialstation im Jahr 1991 und der Tagespflege im Wittrock-Haus 1996 – mein Einstieg in die Welt der Diakonie.

Nach zwei Pfarramtserfahrungen in unterschiedlichen ostdeutschen Landeskirchen wurden Sie dann 1999 Kirchenbeauftragter beim Landtag und der Landesregierung in MV. Was hat Sie dort bewegt?

High-Light in meiner Zeit als politischer Beauftragter der Kirchen war, dass ich an einem Beschluss des damals rot-rot geführten Landtags im Jahr 2003 mitwirken konnte, in welchem er sich einmütig dafür aussprach, dass in die Präambel einer Europäischen Verfassung ein Gottesbezug gehört.

Wo lagen die großen Herausforderungen in Ihrer Zeit als Kirchenbeauftragter?

Der ganze Politikbetrieb war für mich eine fremde Welt. Ohne den Schulterschluss mit meinem katholischen Kollegen Matthias Crone, unserem heutigen Bürgerbeauftragten, und das zugewandte Gegenuber des Referenten für Kirchenfragen im Kultusministerium, Ulrich Hojczyk, wäre ich dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen. Zu den wichtigen Themen dieser Jahre gehörten unser Einsatz um den Schutz des Sonntags, das Projekt „Wege zur Backsteingotik“ und die Gespräche mit Erwin Sellering zu seiner Zeit als Sozialminister, in deren Ergebnis es gelungen ist, für sozialhilfebedürftige Kinder ein kostenloses Mittagessen auf den Weg zu bringen.

Während Ihrer letzten Dienstphase habe ich Sie oft erlebt bei Einweihungen und Festen mit Gitarre und geistlichen Worten. An welches Ereignis denken Sie in dieser Zeit besonders gern zurück?

In meiner Zeit als Diakoniepastor war der Gottesdienst mit der Kirchengemeinde in Bad Sülze am 16. Januar 2011 ein Hohepunkt, als wir den am 23. Juni 2010 beschlossenen Zusammenschluss der pommerschen und der mecklenburgischen Diakonie miteinander gefeiert haben.

Die Diakonie ist ein Anbieter sozialer Arbeit im Kreise von vielen. Menschen erwarten von der Diakonie auch Kirche – neben guter fachlicher Arbeit. Wie sehen Sie dieses Zusammenspiel? Immerhin ist der Christenanteil bei uns nicht gerade hoch.

Mir ist in den vergangenen Jahren noch deutlicher geworden, als mir dies auch davor schon war, nämlich dass wir Christlichkeit und Nächstenliebe nicht für uns alleine gepachtet haben, sondern dass auch bei der AWO, dem DRK, den Paritäten, bei der Caritas ohnehin, ja auch auf der Seite der Kostenträger nicht nur wackere Christenmenschen, sondern auch zutiefst humanistisch eingestellte Menschen arbeiten. Und auch in jüdischen Einrichtungen und Diensten, deren Tradition mit unserer ja verbandelt ist, ist der Gedanke der Nächstenliebe tief verwurzelt. Es ist einfach unsere aus unserer jüdisch-christlichen Vergangenheit geprägte Kultur, zu der es gehört, dass wir Hilfsbedürftigen zur Seite stehen. Zum Glück ist das immer noch so.

Was zeichnet uns dann vielleicht in besonderer Weise aus? Vor allen anderen?

Meine Antwort lautet nicht, dass wir in der Diakonie noch ein bisschen besser sind als alle anderen. Denn dieser Ansatz setzt Mitarbeitende unserer Einrichtungen unter einen zusätzlichen Druck. Ich sage: Was keiner hat, und was nur wir haben, ist, dass wir Werk der Kirche sind. Und dass deshalb unsere Einrichtungen und Dienste durch ihre Mitgliedschaft im Diakonischen Werk der Kirche zugeordnet sind. Das haben andere nicht. Deshalb verdient das Verhältnis von Kirche und Diakonie, von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen eine besondere Aufmerksamkeit.

Was tut Diakonie, um Mitarbeiter an Kirche heranzuführen?

Da ist manches in Bewegung geraten. Einkehrtage, Oasentage, Kurse zu Grundfragen des christlichen Glaubens, Einführungstage für neue Mitarbeitende, Gottesdienste auch mit Kirchengemeinden zusammen und viele, viele Andachten. Für die Zukunft sehe ich einen Schwerpunkt bei der Profilbildung unserer Einrichtungen darin, dass wir unsere Bereichs- und Einrichtungsleitungen, die Pflegedienstleitungen dafür sensibilisieren und qualifizieren, dass in unseren Häusern Riten eingeübt werden und geistliches Leben zum normalen Vollzug einer Einrichtung dazugehört, selbst wenn kein Pastor anwesend ist.

Was hätten Sie gern noch geschafft?

Die Sanierung des Wichernsaals in Schwerin. Wir haben nun alle Hürden für einen Fördermittelbescheid genommen. Das war ein weiter Weg. Ich hoffe, dass nun bald mit dem Bauen begonnen werden kann. Gern hatte ich auch noch die Verhandlungen mit der Nordkirche um eine gerechtere Verteilung der Zuschüsse an ihre drei Diakonischen Werke zu Ende geführt. Immer noch wird hier ein alter Ost-West-Unterschied so gut wie unverändert fortgeschrieben. Wir Kirchenleute sind immer schnell dabei, wohlformulierte Aufrufe zu mehr Gerechtigkeit zu verfassen. Das alles wirkt wenig glaubwürdig, wenn wir dies unter unserem eigenen Dach nicht leben. Als Diakonisches Werk Mecklenburg-Vorpommern halten wir deshalb Schritte hin zu einer aufgabenbezogen- vergleichbaren Mittelausstattung für dringend erforderlich.

Ruhestand am Schweriner See. Das heißt sicherlich mehr surfen, Ihr Lieblingshobby, und Zeit für die Familie. Aber Sie werden sicher auch in einigen Gremien weiter arbeiten und sich auch mal zu einer Predigt in Gemeinden einladen lassen?

In Gremien habe ich genug gesessen. Predigen gerne, hier und da. Viel Freude haben mir Gespräche in kleineren Kreisen zu Grundfragen des christlichen Glaubens bereitet. Da wurde ich gern mit unseren Einrichtungsleitern und -leiterinnen weitermachen. Aber vor allem gilt: familiy first.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 27/2017