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Kristina Pitschke und Sonja Reincke ordiniert

Bewusste Entscheidung für ländliche Dorfgemeinden

Kristina Pitschke, Bischof Tilman Jeremias im Hintergrund und Sonja Reincke (v.l.n.r.)
13.09.2020 ǀ Greifswald.  Fast genau auf den Tag 25 Jahre, nachdem er selbst ordiniert worden ist, segnete Bischof Tilman Jeremias am heutigen Sonntag zwei Frauen aus pommerschen Kirchengemeinden zu ihrem Dienst als Pastorinnen: Kristina Pitschke aus den Kirchengemeinden Horst, Reinkenhagen und  Reinberg (Propstei Stralsund) und Sonja Reincke aus der Kirchengemeinde Siedenbollentin mit Stellenanteil in Altenhagen-Gültz (Propstei Demmin).

Nachdem die beiden Theologie studiert haben und im Vikariat praktisch ausgebildet wurden, wurden sie nun mit der Ordination zu ihrem Dienst als Pastorinnen gesegnet und zum Dienst ausgesendet. Den festlichen Gottesdienst im Greifswalder Dom St. Nikolai gestalteten der Demminer Propst Gerd Panknin und die Stralsunder Pröpstin Helga Ruch sowie der Leiter des Ratzeburger Predigerseminars der Nordkirche, Dr. Kay-Ulrich Bronk.

Kristina Pitschke und Sonja Reincke dürfen nun öffentlich predigen, taufen und das Abendmahl austeilen. Symbolisch deutlich wurde das im Gottesdienst bei einer Predigt zu dritt an den Stationen Kanzel, Taufstein und Altar. „Ich freue mich, dass ich meinen ersten Ordinationsgottesdienst als Bischof fast auf den Tag genau ein viertel Jahrhundert nach meiner Einsegnung in Schwaan halte. Mit Kristina Pitschke und Sonja Reincke darf ich zwei Frauen ordinieren, die menschlich und theologisch sehr viel mitbringen für das Pfarramt. Beachtlich ist auch, dass sich beide für den Dienst in sehr ländlichen Strukturen entschieden haben. Das zeigt, dass die pastorale Arbeit auf dem Land neben all ihren Herausforderungen auch eine ganz besondere Ausstrahlung hat. Ländliche Gemeinden bieten oft eine gute Gemeinschaft und kreative Gestaltungsmöglichkeiten“, meint der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche.

Sonja Reincke, Kirchengemeinde Siedenbollentin und Altenhagen-Gültz

„Die Menschen hier sind freundlich, ich bin sehr herzlich empfangen worden. Viele von den Älteren haben viel erlebt und bringen eine große Lebenserfahrung mit“, erzählt Sonja Reincke. Die 29-jährige Sächsin mit sorbischen Wurzeln hat sich bewusst für die Kirchengemeinde Siedenbollentin mit einem 25-prozentigen Stellenanteil in der Gemeinde Altenhagen-Gültz entschieden. Aufgewachsen ist sie mitten im sorbischen Kerngebiet in Döbra (Landkreis Bautzen). Das „Osterreiten“ und katholische Prozessionen zu Ostern gehörten zu ihrer Kindheit dazu. Da ihre Mutter aus einer evangelischen Pastorenfamilie aus dem Vogtland stammt, wuchs sie in einem katholisch-evangelischen Elternhaus auf. „So eine Mischehe war zu der Zeit durchaus noch etwas Besonderes und erst möglich, als der katholische Bischof persönlich seine Erlaubnis gab“, erzählt Sonja Reincke.

Als sie begann, Theologie zu studieren, hatte sie nicht vor, Pastorin zu werden: „Ich wollte zunächst gerne Griechisch und Hebräisch lernen und danach Germanistik studieren. Die Vorstellung, die Bibel in den Ursprachen zu lesen, hat mich sehr gereizt.“

Das Evangelium kann man nicht vom Schreibtisch aus verkündigen

Während des Theologiestudiums zunächst im bayerischen Neuendettelsau, dann in Rostock hätte sie allerdings schnell gemerkt, dass die Bibel ein „literarisches Kunstwerk“ ist. „Mir wurde vorher gesagt, wenn du Theologie studierst, fällst du vom Glauben ab. Das Gegenteil war der Fall. Durch die intensive Beschäftigung mit den Texten habe ich zum Glauben gefunden. Die Grundlage der Theologie sind für mich die Geschichten, die wir in der Bibel finden, die uns überliefert sind. Wie können wir die heute so erzählen, dass Menschen sich angesprochen fühlen?“, fragt die Pastorin und meint: „Das Evangelium zu verkünden, geht nicht vom Schreibtisch aus, sondern nur im Gespräch. Was bedeutet das Evangelium für eine Seniorin in Siedenbollentin oder für einen Jugendlichen in Altenhagen?“

Nach ihrem Vikariat in der Kirchengemeinde Züssow-Zarnekow-Ranzin bei Greifswald wurde Sonja Reincke im Februar in den Kirchengemeinden Siedenbollentin und Altenhagen-Gültz eingeführt. In Siedenbollentin: Sieben Kirchen, in sechs von ihnen finden noch regelmäßig Gottesdienst statt. Dazu 11 Kirchen und 13 Friedhöfe im Gemeindegebiet Altenhagen-Gültz. Aufgrund des coronabedingten Lockdowns im März und der Geburt ihres zweiten Kindes wird sie allerdings erst im Januar nächsten Jahres ihren regulären Dienst aufnehmen. Ihr Ehemann arbeitet als Gemeindepädagoge im benachbarten Altentreptow und spricht von sich selbst schon einmal scherzhaft als „Herr Pastorin“. „Es ist schön, als Familie im Siedenbollentiner Pfarrhaus zu wohnen“, erzählt Sonja Reincke, „unsere Türen stehen offen und ich möchte, dass es ein einladender Ort ist.“

Kristina Pitschke, Kirchengemenden Horst, Reinkenhagen und Reinberg

„Ich habe es gut getroffen“, sagt auch Kristina Pitschke. Sie ist seit Februar Pastorin der Kirchengemeinden Horst, Reinberg und Reinkenhagen. „Ich erlebe hier eine große Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit und bin sehr willkommen geheißen worden. Auch die Leute aus den Dörfern, die nicht zur Gemeinde gehören, sind sehr freundlich und interessiert, wenn ich mich als neue Pastorin vorstelle. Ich habe das Gefühl, dass hier alle gut zusammenhalten.“ Außerdem, so gesteht sie, sei sie „verliebt in die Landschaft.“

Auch Kristina Pitschkes Start als Pastorin fiel mitten in die Coronakrise. „Wir hatten bei unserer Ausbildung erfahren, was man während der 100 ersten Diensttage alles tun soll. Überall mal reinschnuppern, die Senioren und Kirchengemeinderäte besuchen – das ist ja leider alles flachgefallen“, erzählt die 29-Jährige. Geholfen habe ihr bei ihrem ungewöhnlichen Start in Pandemiezeiten der kollegiale Zusammenhalt: „Wir haben als Kirchengemeinden versucht, das regional zu lösen und dabei schon etwas unseren neuen Pfarrsprengel ‚Kirche am Sund‘ vorweggenommen.“

„Kirchen am Sund“

Die fünf Kirchengemeinden Horst, Reinkenhagen, Reinberg sowie Brandshagen und Abtshagen-Elmenhorst mit Pastorin Viviane Schulz haben sich zusammengetan, um künftig verstärkt gemeinsam in der Region zusammen zu wirken -  etwa bei regionalen Gottesdiensten oder beim Konfirmandenunterricht. „Wir haben in der Zeit des Lockdowns Rätsel verschickt an unsere Senioren und Briefe an die Leute, von denen wir wussten, dass es ihnen guttut. Auch den Kindern haben wir geschrieben. Wir haben das Hoffnungsläuten unserer Kirchenglocken aufgenommen und mit ermutigenden Botschaften herumgeschickt.“

Zum Theologiestudium kam die gebürtige Hamburgerin mit 18 Jahren über zwei enge Freunde, die sich damals taufen ließen. „In Potsdam habe ich zwei Pastoren getroffen, die mir gezeigt haben, dass Glaube auch etwas für mich sein kann. Die haben nicht verstaubt oder theologisch hochgestochen gesprochen, sondern sehr zugewandt. Auf einmal entdeckte ich, dass die Bibel nicht nur so ein altes Buch ist, sondern sich genau mit den Fragen beschäftigt, die mich als Jugendliche existenziell umgetrieben haben.“

Bibel mehr als „so ein altes Buch“

Diese Pastoren sind bis heute ihr Vorbild: „Mir ist wichtig, dass wir Kirche wirklich leben, dass wir Pastorinnen und Pastoren uns darum bemühen, dass sich möglichst viele angesprochen und gesehen fühlen.“ Im Mittelpunkt steht dabei das christliche Menschenbild. Kristina Pitschke: „Wir alle sind Geschöpfe Gottes, und Gott möchte uns nahe sein. Darauf basiert unsere Gemeinschaft, auch wenn es bei uns nicht 40, sondern zwölf Leute im Gottesdienst sind.“ Von ihrem Vikariat in der Greifswalder Kirchengemeinde St. Jacobi bringt sie die Lust auf neue Gottesdienstformen mit: „In St. Jacobi haben wir einen Gottesdienst für Kinder und Erwachsene entwickelt. So einen Gottesdienst für alle Generationen möchte ich auch hier anbieten.“

Kristina Pitschke freut sich schon darauf, wenn die Seniorenarbeit wieder regulär stattfinden kann. „Da ist so viel Lebensweisheit und Humor bei den älteren Leuten auf den Dörfern. Gerade wenn sie noch den Krieg miterlebt haben oder sich zu DDR-Zeiten gegen alle Widrigkeiten für die Kirche engagiert haben, begegnet mir da eine beeindruckende Lebensleistung und Stärke.“
Quelle: Bischofskanzlei Greifswald (ak)

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