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Zur Entscheidung der Kirchenleitung zum pommerschen Kirchenarchiv

Rainer Neumann: "Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt"

Rainer Neumann
08.09.2020 ǀ Greifswald.  Entgegen der bisherigen Planung wird die Greifswalder Außenstelle des Landeskirchlichen Archivs der Nordkirche nicht ins künftige Pommersche Archivzentrum in Greifswald einziehen. Zur Entscheidung der Kirchenleitung der Nordkirche ein Kommentar von Rainer Neumann, ehemaliger Greifswalder Superintendent und Pressesprecher der Pommerschen Evangelischen Kirche, der in seiner historischen Arbeit ein intensiver Nutzer der pommerschen Archivlandschaft ist:

„Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt“ – wie in diesem Sprichwort ging es mir nach dem Lesen der Pressemitteilung der Nordkirche. Wunderbar, dachte ich nach dem Lesen der Überschrift: „Trotz Kirchensteuerrückgang Forschung in Greifswald, Kiel und Schwerin sicher“. Aber dann begann die Enttäuschung, denn der Inhalt der Pressemitteilung besagte für Greifswald das genaue Gegenteil der Überschrift. Eine Lesestelle, wohin Akten - konservatorisch nicht angemessen – aufwendig hintransportiert werden müssen, bedeutet keine Forschung und ist dem Erhalt der Bestände abträglich. Forschung bedeutet das Gespräch mit kundigen Archivarinnen und Archivaren, die weitere Akten vorschlagen, die kurzfristig einzusehen sind. Forschung ist ein Ping-pong-Spiel nicht nur zwischen Akten sondern auch zwischen Archiven. Gerade daher ist die Absage an ein pommersches Archivzentrum in Greifswald im Verbund mit Stadt und Land eine Absage an eine seltene historische Chance, pommersche Archive zu konzentrieren. Corona als Begründung zu nehmen ist zu vordergründig.

Meine Enttäuschung sickert nach einigen Tagen immer tiefer. Letztlich scheinen es mir nicht Geldgründe zu sein, denn seit dem Schließen des pommerschen Teilarchivs 2014 hat es meines Erachtens keine vorwärtstreibende Energie gegeben, dieses Problem zu lösen. Sechs Jahre ohne Archiv bedeutet auch sechs Jahre historische Produktion ohne Zugang zu einer wesentlichen Quelle pommerscher Kirchengeschichte.

Wenn ich auf den Grund meiner Trauer hinabtauche, erinnere ich mich an die Behandlung des Fusionsvertrages in der pommerschen Kirchenleitung und an die Treffen der drei Kirchenleitungen, an deren Sitzungen ich als Pressesprecher teilgenommen hatte. Im Fusionsvertrag heißt es: „Die bisherigen Archive der vertragschließenden Kirchen in Greifswald, Schwerin und Kiel bleiben bestehen.“ Und im Einführungsgesetz steht: „Das Landeskirchliche Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland ist Bestandteil des Landeskirchenamtes und hat seinen Sitz in Kiel mit Außenstellen in Schwerin und Greifswald.“ Schwerin und Greifswald werden gleichberechtigt benannt und Greifswald nicht als „Außen-Außenstelle“.

Die Enttäuschung sitzt deshalb tief, denn wir konnten uns 2012 bei der Zustimmung zum Fusionsbeschluß diese Aushöhlung der Grundlagentexte bis in ihr Gegenteil nicht vorstellen. Ob die Nordkirche dann zustande gekommen wäre?

Zu Tode betrübt – so geht es mir als einem bisherigen Befürworter der Nordkirche, die von Verhandlungen zwischen Gleichen ausgegangen war. So etwas hätte ich meiner Kirche nicht zugetraut und das macht die Kälte meiner Trauer aus. Die pommersche Kirche hat immer wieder schwere Verluste erfahren – und nun sogar von der eigenen Kirche. Gegenseitige Wahrnehmung und Respekt vor der historischen Erfahrung sieht anders aus. Eine weitere traumatische Erfahrung.

Gerne würde ich meine Enttäuschung in Produktivität verwandeln. Gibt es nicht eine Möglichkeit, das pommersche Kirchenkreisarchiv mit dem landeskirchlichen Archiv Greifswald gemeinsam zu führen? Ein reiner Magazinbau über den Parkplätzen am Gebäude des kreiskirchlichen Archivs? Gäbe es nicht durch Crowdfunding und andere Partner – vielleicht einen pommerschen Großspender – eine neue Möglichkeit, den Fusionsvertrag inhaltlich zu verwirklichen? Vielleicht brauchen wir einen Visionär wie Elon Musk, der alle Kraft in die Realisierung seiner Ideen steckt, damit wir vielleicht doch noch „himmelhoch“ jauchzen können.

Rainer Neumann
Quelle: kirche-mv.de

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