Aufstand der Ehemaligen – Lübecker Alt-Bischof sieht Nordkirche gefährdet
Lübeck (dn). Ein Unterzeichnerkreis um den ehemaligen Lübecker Bischof Karl Ludwig Kohlwage hat einen Aufschub sämtlicher verfassungsändernder Reformen in der Nordelbischen Kirche gefordert.
In einem am Montag vergangener Woche veröffentlichten Schreiben rufen insgesamt neun ehemalige leitende Geistliche und Synodale dazu auf, auch wichtige nordelbische Personalentscheidungen - etwa bezüglich des Bischofsamts - nur im Zusammenhang mit der angestrebten Fusion der Landeskirchen zu treffen. "Das Nordkirchenprojekt ist nur sinnvoll, wenn es erste Priorität bekommt", heißt es in dem Schreiben, das auch der ehemalige Kirchenamtpräsident Klaus Blaschke unterschrieben hat. Wenn die Nordkirche gewollt werde, müsse dies Konsequenzen für die geplanten Veränderungen innerhalb der Nordelbischen Kirche haben. Sinn des Aufrufs sei es, "die öffentliche Diskussion anzustoßen".
Gleichzeitig laden die Unterzeichner zu einer Diskussionsveranstaltung am Montag, 29. Oktober, um 17 Uhr in das Gemeindehaus der Anschar-Kirchengemeinde Neumünster ein.
Mit freundlicher Genehmigung von: Die Nordelbische
Ausgabe vom 2.9.2007
Das Schreiben im Wortlaut:
Innehalten, wenn die Nordkirche ernsthaft gewollt wird
Im Gesamtgefüge der Nordelbischen Kirche werden gegenwärtig einschneidende Umbaumaßnahmen vorgenommen bzw. geplant. Im Vordergrund stehen die Schaffung von Großkirchenkreisen, die Neuordnung der Dienste und Werke und die Umgestaltung der bischöflichen Leitungsebene, hinzukommt seit kurzem das Projekt „Nordkirche“.
Die leitenden Persönlichkeiten der Nordelbischen Kirche haben sich für die Fusion der 3 Kirchen Nordelbien, Mecklenburg und Pommern mit starken Begründungen ausgesprochen: jetzt sei es „die historische Stunde“ für eine Vereinigung, es gelte, „Grenzen in Köpfen und Herzen zu überwinden“.
Wenn die Nordkirche so gewollt wird – und es spricht viel dafür - , muss das Konsequenzen für die geplanten Veränderungen innerhalb der NEK und die dafür erforderlichen gesetzgeberischen Schritte haben. Das Nordkirchenprojekt ist nur sinnvoll, wenn es erste Priorität bekommt. Deswegen unsere Devise, die wir für die Fusionsinitiative für unumgänglich halten: „Innehalten, wenn die Nordkirche ernsthaft gewollt wird!“
Sondierungsgespräche sind von den 3 Kirchen aufgenommen worden. Die zentrale Frage für die NEK lautet: In welcher Gestalt und mit welchen Vorgaben führt sie diese Sondierung mit dem Ziel einer möglichen Fusion durch?
Es müsste unter allen 3 Gesprächspartnern ein einsehbarer, ja selbstverständlicher Grundsatz sein, dass in dieser Zeit keine Gesetze erlassen, keine Verfassungsänderungen vorgenommen und keine wichtigen Personalentscheidungen getroffen werden, die als Präjudizierung das Gesamtvorhaben gefährden oder Partner unzumutbar binden.
Die NEK ist selbst aus einer erfolgreichen Fusion hervorgegangen und hat deshalb Erfahrungen, die sie sich zunutze machen muss. Als die nordelbische Kirchwerdung in eine verbindliche Phase eingetreten war, wurden von keiner der beteiligten Kirchen andere bindende Personal- und Strukturentscheidungen mehr getroffen. Lübeck hat seinerzeit im Blick auf Nordelbien keine Bischofswahl mehr durchgeführt.
Die Logik und Notwendigkeit eines solchen Innehaltens ist unmittelbar einsichtig. Beispiel: Sollen die beiden Partner Mecklenburg und Pommern aufgefordert werden, sich in das neue, in der NEK mit Verfassungsänderung geplante hierarchische Bischofsmodell mit Landesbischof/bischöfin und Regionalbischöfen/innen und Kirchenamt in (nordkirchlicher) Randlage einzufügen? Die Chance, dass das gelingt, dürfte nicht allzu groß sein; die Absicht, es zu wollen, dürfte nicht allzu fair sein.
Jetzt anstehende wichtige nordelbische Personalentscheidungen müssen ebenfalls im Kontext der Fusion getroffen werden, sie können nicht einfach in die Wege geleitet werden, sie verlangen Beteiligung der Partner und Abstimmung mit ihnen.
Da die Nordkirche Auswirkungen auf zentrale Bereiche der NEK hat (Größe der Kirchenkreise, Leitungsstrukturen auf nordelbischer und Kirchenkreis-Ebene, Wahlordnungen, Werke und Dienste und ihre Finanzierung u.a.), ist es das Gebot der Stunde, keine Vorentscheidungen zu treffen und dem Projekt Nordkirche den Freiraum und die Zeit zu geben, die es zu einer sorgfältigen, unbelasteten Sondierung und Entwicklung braucht.
Dieser Freiraum eröffnet auch die Chance, die Fragen intensiv zu diskutieren, bei denen wir bisher argumentativen Stillstand feststellen mussten. Auffällig ist, dass die Begründungen und Motive, die bisher für den nordelbischen Umstrukturierungsprozess angeführt wurden, der Tiefe und dem Gewicht der Veränderungen nicht gerecht werden. Eine ernsthafte, öffentliche Sachdebatte wird nicht geführt. Nach außen vermittelt sich der Eindruck einer „argumentativen Lethargie“ verbunden mit einem starken Veränderungswillen, der bestimmte Ziele verfolgt, ohne ihre Notwendigkeit im Einzelnen zu erläutern, ihre Konsequenzen ausreichend zu bedenken und ihren Gesamtzusammenhang kritisch zu analysieren. Dem korrespondieren Gleichgültigkeit und Distanzierung auf Seiten der Gemeinden, die sich seit Jahren mit einschneidenden Reformen und tief greifenden Strukturveränderungen befassen (müssen!), die sie sehr herausfordern.
Das Sparmotiv, das den Veränderungsprozess begründete, ist eigenartig in den Hintergrund getreten und offensichtlich nur noch bei der Finanzierung der nordelbischen Dienste und Werke relevant, indem in Gestalt von Großkirchenkreisen einfacher zu handhabende Finanzierungsebenen geschaffen werden. Mit der Einführung des hierarchischen Bischofsmodells ist die anfängliche Sparabsicht (alle müssen sparen, auch „die da oben“) stillschweigend und völlig aufgegeben worden, ein Vorgang, der symptomatisch ist für weite Teile des sog. Reformprozesses.
Auch entsprechen einige Großkirchenkreise in keiner Weise Artikel 27 der Nordelbischen Verfassung, wonach die Kirchenkreise „raum- und situationsgerechte Einheiten“ bilden sollen.
Aus den angeführten Gründen halten wir es für geboten, dass die beiden kommenden Synoden im September und November 2007 keine präjudizierenden Entscheidungen treffen.
Wir laden ein zu einer öffentlichen Diskussion über die hier angeschnittenen Fragen am Montag, 29. Oktober 2007, 17 Uhr im Gemeindehaus der Anschar-Kirchengemeinde Neumünster, Am Alten Kirchhof.
Hauptpastor a.D. Helge Adolphsen, Hamburg
Kirchenamtspräsident a.D. Prof. Dr. Klaus Blaschke, Kiel
Dr. Christian Dräger, ehem. Mitglied der NE-Synode, Lübeck
Synodenpräsident a.D. Dr. Hans-R. Dräger, Kiel
Propst a.D. Dr. Niels Hasselmann, Lübeck
Minister a.D. Heiko Hoffmann, ehem. Mitglied der Kirchenleitung,
Bad Schwartau
Propst a.D. Manfred Kamper, Husum
Bischof a.D. Karl Ludwig Kohlwage, Lübeck
Landespastor a.D. Jens Hinrich Pörksen, Lübeck

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