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Eine „Schatzkiste“ für den sanierten Kirchturm von Boddin

Predigt schreiben ist einfacher als löten

Von Marion Wulf-Nixdorf

Unter den kritischen Augen von Dachdecker Arnd Fischer lötet Gemeindepastor Jens-Peter Schulz die „Schatzkiste“.
19.07.2015 ǀ Boddin.  Erst 101 Jahre alt und schon große Schäden, sagt Architekt Peter Blümel: Der Kirchturm in Boddin musste für rund 215.000 Euro saniert werden. Kinder aus der Kirchengemeinde füllten eine „Schatzkiste“ für den sanierten Kirchturm.

Gut gemacht“, lobt Arnd Fischer von der Dachdeckerfirma in Minzow bei Röbel den Pastor. Seine Lötnaht ist – fast – perfekt. Der Profi Fischer muss nur wenig nachbessern. Unter den Augen von über 20 Gemeindemitgliedern hat Pastor Jens- Peter Schulz im Altarraum der Boddiner Kirche das erste Mal in seinem Leben ein Kupferrohr, das nun eine „Schatzkiste“ ist, verschlossen für die Ewigkeit. Unter den kritischen Augen seiner kleinen Tochter Martha Charlotte und weiterer Kinder, die ihre Nasen gar nicht dicht genug an das ungewöhnliche Geschehen heran stecken konnten. Predigt schreiben sei weniger schwer, meint Schulz (33), der seit März 2013 Pastor zur Anstellung in Boddin ist. Da wisse er, was er tue... Beifall und fröhliches Lachen in der altehrwürdigen Kirche.

Fliegende Autos und sprechende Tiere

Zu einer kleinen Andacht, einer Dankes- und Feierrunde, kamen Gemeindemitglieder aus der Kirchengemeinde Boddin zusammen, um bei einem Meilenstein der Kirchturmsanierung dabei zu sein. Dankbar, dass es keine Unfälle gab, füllten ihr Gemeindepastor und Architekt Peter Blümel eine kleine, runde „Schatzkiste“, die gemeinsam mit dem Wetterhahn auf die Turmspitze gebracht wurde. Hannes, Paul und Lotti hatten in der Krabbelgruppe ihre Handabdrücke auf ein Blatt Papier verewigt. Falk aus Klein Nieköhr und Justus aus Dölitz aus der Christenlehregruppe hatten aufgeschrieben, wie sie sich das Leben in der Zukunft vorstellen: Fliegende Autos werde es da geben, waren sich beide einig, die in andere Dimensionen starten können. Außerdem werde man mit Tieren sprechen können, ist sich Justus sicher. Paula hat von sich selbst ein Bild gemalt, Lars von der Kirche.

Alles wurde sorgsam zusammengerollt, ein Gemeindebrief und eine „Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung“ kamen dazu und wurden in die Hülle gesteckt. Kurzes Atemstocken: Wird denn alles passen? Was würde der Platznot zum Opfer fallen? Doch nicht etwa die Kirchenzeitung ... nein, noch einmal neu zusammengerollt und ab in die Kiste. Auch Münzen kamen mit hinein, „wer weiß, ob es in 100 Jahren noch Euros gibt“, meinte jemand in Anspielung auf die Griechenland- Krise. Jedes Geldstück wurde einzeln in Backpapier eingewickelt, sonst könnte es zu Korrosion kommen, wusste der Architekt. Dass diese Kiste Menschen auspacken, wenn es uns Heutige schon lange nicht mehr gibt auf Erden – eine spannende Vorstellung, besonders für die Kinder. Davon, dass sie etwas beigetragen haben, werden sie noch ihren Enkeln erzählen. Denn dies ist die Hoffnung: dass der Kirchturm nun so saniert ist, dass es so bald nicht mehr nötig sein wird, wieder ein riesiges Gerüst für die Bauarbeiten zu bauen. Sein 71. war es, freut sich Gerüstbauer Friedhelm Hass aus Kruckow bei Jarmen. Und erzählt, dass er auch das Gerüst für den sechsthöchsten Kirchturm in Deutschland, die Andreaskirche in Hildesheim, bauen durfte. Vor genau zehn Jahren! 15 Leitern mit je zehn Stufen führen außen am Turm bis nach oben in 34 Meter Höhe. Einige genossen den Ausblick – bis nach Gnoien kann man gucken, freut sich Wilhelm Stühmeyer, der schon als Konfirmand oben war.

Im Zuhause unseres Glaubens

Besonders schön anzusehen ist das neue Turmdach aus Schiefer. Die Laterne ist mit Kupfer verkleidet. Der Blitzschutz ist neu, das Mauerwerk ausgebessert, das Holz neu gestrichen. Es habe viele schwierige Momente bei der Turmsanierung gegeben, sagt der Architekt. Wie stark die Schäden seien, sehe man erst, wenn man arbeite. Viel Altes sei ausgetauscht, einiges konnte auch noch verwendet werden. Die Kosten waren ursprünglich auf 180.000 Euro geplant. Davon kamen 40.540 Euro von der Stiftung Kirchliches Bauen, knapp 30.000 Euro vom Kirchenkreis Mecklenburg; 100.000 Euro waren Fördermittel von verschiedenen Stiftungen und 10.000 Euro brachte die Kirchengemeinde Boddin-Altkalen mit ihren 440 Gemeindemitgliedern aus Eigenmitteln mit Trödelmärkten, Benefizkonzerten und Spenden auf. Dankenswerterweise schob der Kirchenkreis Anfang des Jahres noch einmal 32.000 Euro nach, sagt Schulz. 3000 Euro brachte die Kirchengemeinde zusätzlich auf.

Die Gemeindeglieder blieben noch lange auf dem Kirchhof bei Kaffee und leckerem Blechkuchen zussammen. Gebacken von Doris Tom, langjähriges Kirchengemeinderatsmitglied, freundlich bedient von Karl-Hans Wiegert. Es wurde erzählt, an ehemalige Pastoren erinnert, deren Namen wie ein who is who in Mecklenburg klingen: Ernst-Friedrich Roettig, Günter Pilgrim, Sibrand Siegert. Das waren noch Zeiten, als es noch über 1000 Gemeindemitglieder allein in Boddin gab. Aber auch heute leben sie gern hier und freuen sich am „Zuhause unseres Glaubens“, wie Pastor Schulz die schöne Kirche mit den Malereien aus dem 14. Jahrhundert nennt. Im Herbst, nach der zweimonatigen Elternzeit von Pastor Schulz, will die Gemeinde ein Turmfest zum Abschluss der Arbeiten feiern.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 29/2015

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