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"Zu ihm haben wir Vertrauen" - Unterwegs mit dem Polizeiseelsorger Andreas Schorlemmer

 

Von Tilman Baier (Kirchenzeitung)

 

Seit einer Woche ist der Katastropheneinsatz von Polizei, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk zwischen Dömitz und Boizenburg beendet. Die Beamten der Polizeiinspektion Zentrale Dienste Stralsund sind inzwischen wieder zu Hause oder bei anderen Einsätzen unterwegs. Auch Andreas Schorlemmer ist wieder bei seiner Familie und in der Kirchgemeinde Groß Kiesow bei Greifswald. Tilman Baier besuchte den Polizeiseelsorger von Mecklenburg-Vorpommern bei seinem Einsatz in den bangen Tagen des Wartens an dem mecklenburgisch-niedersächsischen Elbabschnitt.

 

 

Die Einsatzzentrale des Katastrophenstabes an der B 191 kurz vor Dömitz ist schnell gefunden. Etliche Feuerwehrzüge und Bundeswehr-LKW sowie mindestens 20 Polizeiautos stehen auf dem Hof. Ich bin auf der Suche nach Andreas Schorlemmer. Der ist hier kein Unbekannter. Schon bei der ersten Frage nach dem Polizeipastor bekomme ich den Tipp, doch einmal bei den Polizisten nachzuschauen, die gerade Pause haben und bei ihren Fahrzeugen sitzen.

Auf den ersten Blick ist Andreas Schorlemmer von den "Einsatzkräften" nicht zu unterscheiden. Das macht nicht nur die normale Dienstuniform, die auch er trägt. "Er gehört zu uns", sagt Polizeihauptkommissar Heiko Meffert, Zugführer des Einsatzzuges "Besonders Lage" von der Inspektion Zentrale Dienste Stralsund. Die wortkargen Männer rund um den Campingtisch nicken. Die einzige Frau am Tisch, die 24-jährige Mareen Schilder, erklärt genauer, was sie damit meinen: "Wir kennen ihn von den Lehrgängen, von Einsätzen und ich auch von der Frauentagsfeier. Es ist gut, dass er da ist. Er muntert uns auf", erzählt die Polizeiobermeisterin. "Wir sind eine spezielle Truppe, werden eingesetzt bei großen Aktionen wie Fußballspielen, Demonstrationen, im Streifendienst. In Gorleben waren wir auch mit dabei." Da gerate man als Polizist schnell zwischen Baum und Borke. Besonders hart sei das in Neubrandenburg gewesen, als sie eine vom Gericht genehmigte NPD-Demonstration absichern mussten. "Aber wir sind auch bei großen Unfällen und Katastrophen wie nun hier an der Elbe im Einsatz. Und vieles, was man da an Schrecklichem erlebt, nimmt man mit nach Hause. Doch nicht über alles darf man reden - und über manches kann man mit anderen auch gar nicht reden, auch nicht mit dem Freund. Aber mit Herrn Schorlemmer geht das."

Ob es dabei eine Rolle spielt, dass Schorlemmer Pastor ist, will ich wissen. Denn schließlich gibt es ja trotz der gleichen Uniform einen Unterschied: Er hat dort, wo andere ihre Rangabzeichen tragen, jeweils ein goldenes Kreuz, und auf der linken Brust trägt er gut sichtbar ein Schild mit der Aufschrift: "Polizeiseelsorger". Mareen Schilder meint dazu: "Ich sehe in ihm nicht so sehr den Pastor, sondern den Menschen". Nein, sie sei nicht gläubig, erklärt sie. Aber das würde nicht trennen. Und manchmal, wenn es ganz dick kommt, dann würde auch sie schon mal "ein Stoßgebet an den da oben" richten.

Andreas Schorlemmer verabschiedet sich von der Runde, er will noch andere Polizisten besuchen, die über das Katastrophengebiet verteilt sind, die Zufahrtsstraßen kontrollieren oder Raumstreife fahren, um Plünderungen in den evakuierten Orten zu verhindern. Ich darf mit einsteigen in den Polizeiwagen, den er für die Zeit im Katastrophengebiet fährt. Die nächste Polizeigruppe treffen wir am Eingang der Festung von Dömitz. Das Gespräch dreht sich ums Warten, das langsam nervt - auch wenn sie alle froh sind, dass noch nichts passiert ist. Aber gerade darum ist es auch schwer, die Trennung von der Familie zu verarbeiten, sagt einer.

Dann geht es um die Versorgung, die zum Anfang nicht besonders lief und um die Ausreden, die manche gebrauchen, um ins Katastrophensperrgebiet zu kommen: "Da hat doch einer wirklich gesagt, er will noch seinen Campinganhänger retten, der hier bei einem Freund untergestellt ist - und der hatte nicht mal eine Anhängerkupplung am Auto!" Kopfschütteln in der Runde und zufriedene Mienen. Sie lassen sich nicht so schnell was vormachen.

Ich frage sie, wie sie denn bei Evakuierung der Dörfer vorgehen. "Ach, wir können die Menschen ja verstehen, die sagen, wir gehen nicht, wir kennen uns aus", sagt ein besonnen aussehender Mittvierziger. "Wir reden mit den Leuten, versuchen sie zu überzeugen." Und wenn es dann doch hart auf hart gehen wird, weil ein Deich bricht? "Das wollen wir nicht hoffen, aber dann müssen wir eben deutlich werden - Menschenleben gehen vor, auch wenn wir dann mit Nachdruck handeln müssen gegen ihren Willen."

Bis zur nächsten Besuch bei einem Posten in Rüterberg hat Andreas Schorlemmer noch etwas Zeit. Wir sitzen auf einer Bank auf dem Deich, nur wenige Zentimeter tiefer zieht das Elbewasser scheinbar friedlich vorbei. Andreas Schorlemmer erzählt von seiner Arbeit: Die letzten Tage hat er viel mit den Einwohnern, den Polizisten, Feuerwehrleuten und Helfern geredet, hat die Notfallseelsorger im Kirchenkreis besucht: "Ich habe eine große Kraft unter den Menschen erlebt", sagt er. Selber an der Elbe in Werben groß geworden, kann er die Menschen verstehen, die sich weigern, schon dann evakuieren zu werden, wenn sie noch keine unmittelbare Gefahr sehen. "Die haben hier schon immer mit Hochwasser gelebt", sagt er. Trotzdem seien die meisten Einwohner sehr offen gegenüber den Polizeibeamten, könnten unterscheiden, wer die Befehle gibt und wer sie ausführen muss. "Nicht nur einmal haben die Polizisten erlebt, dass ihnen eine Suppe oder Kartoffelsalat mit Würstchen bebracht wurde", erzählt er.

Warum er Polizeiseelsorger geworden ist? "So richtig habe ich auch nicht gewusst, was mich erwartet", meint er. Er habe schon immer viel Spaß daran gehabt, mit vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. "In einer Kirchgemeinde lebt man ja wie auf einer kleinen Insel in einer Großfamilie." Das möchte er auch nicht missen, ist darum auch gern weiterhin Pastor im kleinen Groß Kiesow. "Aber hier ist alles anders. Hier muss ich mir vieles erkämpfen, muss mir meine Aufgaben selber suchen und viel Offenheit riskieren", meint der 53-Jährige. "Doch ich bekomme auch viel Offenheit zurück", ist sein Fazit. Er sieht sich als Helfer der Helfer. Die trifft es hart, wenn sie zu Unfällen mit Schwerstverletzten und Toten gerufen werden. Keinen würde es kalt lassen, wenn er einer Familie die Nachricht überbringen müsste, dass ein Kind oder der Partner nicht mehr nach Hause kommen wird. Und es komme ja auch vor, dass Kollegen im Einsatz sterben. Erst neulich habe er eine junge Beamtin beerdigt, die bei einem Unwetter bei Schwerin auf einer Einsatzfahrt ums Leben kam...

Da ist er als Polizeiseelsorger gefragt. "Polizeibeamte bewegen sich oft in Grenzbereichen des Lebens: Wenn sie gerufen werden, dann in Krisen", sagt Schorlemmer und erzählt von Geiselnahmen, aber auch von Streit und Gewalt in Familien. "Eine entscheidende Frage, die wir bereden, ist: Wenn der Mensch eine unveräußerliche Würde hat, dann müssen wir im Dienst sie auch jedem gegenüber wahren." "Wir" sagt der Polizeiseelsorger öfter, wenn er von der Polizei spricht. Er gehört dazu, er kennt sein Leute. "Wer von außen kommt, kann sich schwer vorstellen, was an Leiderfahrung und Stress auf die Beamten zukommt, die sie in ihre Familien mitnehmen", greift er noch einmal die Worte der jungen Obermeisterin vom Beginn unseres Treffens auf und vergleicht das damit, dass auch viele Kriegsteilnehmer nur schwer über ihre Erfahrungen auf den Schlachtfeldern reden könnten. "Die unmittelbare Betroffenheit baut sich oft auf wie eine hohe Mauer. Und nur wenige schaffen es, nach Dienstende zu Hause über diese Mauer zu springen", versucht er ein Bild. "Für diese seelische Arbeit werde ich oft bei meinen Fahrten durch das Land in Anspruch genommen." Denn es gebe gewaltige Hemmschwellen, über solche und andere unlösbar erscheinenden Probleme mit Kollegen, dem Partner oder Freunden zu reden. Zwar habe die Polizei einen psychologischen Dienst, aber der sei in den Augen der betroffenen Beamten ein Teil des Apparates. Hier genau liegt das besondere Angebot, das er machen kann: Er ist zwar einer von ihnen, aber er ist nicht eingebunden in die Hierarchie. Und für ihn sei es ein gutes Echo seiner Arbeit, wenn er immer wieder höre: "Vor fünf Jahren habe ich mir nicht vorstellen können, zum Pastor zu gehen."

Aber sein Dienst besteht noch aus weiteren Bereichen: Er ist Koordinator der Notfallsseelsorge, die in den letzten Jahren im Land aufgebaut worden ist. Er erteilt berufsethischen Unterricht am Bildungsinstitut der Polizei in Güstrow und bietet dazu Seminare an. Und er hat die "Fachwartschaft in der Feuerwehrseelsorge", wie es amtlich heißt - ein Bereich, für die in der nordelbischen Nachbar- bzw. Partnerkirche extra Seelsorger vorhanden sind.

Während unseres Gesprächs hat ein Fernsehteam die Kamera aufgebaut und filmt erst den Deich, dann die dahinter liegende Stadt Dömitz. Was denn im Falle eines Falles ein Notfallseelsorger tun kann, frage ich Andreas Schorlemmer. "Zuhören", sagt er, "wirklich den Menschen zuhören." Schließlich habe dazu im Ernstfall kein anderer Zeit. Und da den Notfallseelsorgern ja auch das logistische Netz der Katastrophenstäbe zur Verfügung steht, könnten sie sich darum kümmern, wenn Familien auseinandergerissen worden sind, sich auf die Suche begeben oder wenigstens Informationen einholen.

Worum betet ein Polizeiseelsorger in einer solchen Situation? "Ich bete um Kraft, dass wir alle gemeinsam diese Anspannung aushalten. Dass das Wasser geht, ohne große Schäden anzurichten und wir nach Hause können. Und dass die Solidarität, diese wunderbare Erfahrung,, darüber hinaus noch eine Weile anhält."

Wir steigen wieder in den Polizeiwagen. Am Kontrollpunkt vor Dömitz starten junge Leute aus Dömitz ihre hier vor der Sperre geparkten Autos. Gerade ist über den Rundfunk die Nachricht gekommen, dass die Evakuierung von Dömitz aufgehoben ist. Hauptkommissar Manfred Wrobel kommt ans Auto: "Tach, Herr Schorlemmer, bei uns ist alles i.O., selbst die Verpflegung klappt jetzt", sagt er. "Stimmt doch: einen guten Marxisten verlässt der liebe Gott nie", setzt er hinterher. Meine Frage, wie er es als altgedienter DDR-Polizist finde, dass es nun einen Polizeiseelsorger gibt, beantwortet er strahlend: "Ich find das toll, weil er Ruhe und Optimismus ausstrahlt. Auch wenn ich Atheist bin - ich habe zu ihm Vertrauen." Andreas Schorlemmer lächelt leise.

 

Pommersche und Mecklenburgische Kirchenzeitung

Ausgabe vom 4.6.2002

 

Kirchenzeitung


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