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Kirchenmusiker aus MV als Gastdozenten in Äthiopien

"Sie singen mit Herz und Leib“

14.05.2017 ǀ Addis Abeba/Bergen.  Volks- oder Trinklieder singen die evangelikalen Musikstudenten des Mekane Yesus Seminare in Äthiopien nicht, geistliche Lieder dafür umso inbrünstiger. Das zu hören sei ein Erlebnis, sagen die Kirchenmusiker Frank Thomas und Annerose Lessing aus MV. Als Gast-Dozenten waren sie vor Ort.

Diese Eindringlichkeit beim Singen war das Schönste, sagen Annerose Lessing und Frank Thomas. Wenn die Kirchenmusikstudenten des Mekane Yesus Seminare in Äthiopien in geistliche Lieder einstimmen, „dann singen sie anders als viele Europäer mit dem ganzen Körper, mit Herz und Seele“, findet Annerose Lessing. „Es sind zwar eher mal schiefe Töne dabei“, sagt ihr Kollege Frank Thomas. Aber der Funke springe über. „Wenn sie singen, singen sie.“

Frank Thomas und Annerose Lessing sind Kirchenmusiker mit Neugier auf Neues, Thomas in Bergen auf Rügen, Annerose Lessing in Grevesmühlen. Zwei Wochen Urlaub haben sie dieses Jahr genutzt, um im Auftrag des Berliner Missionswerks nach Äthiopien zu reisen und am Yesus Mekane Seminar in der Hauptstadt Addis Abeba zu unterrichten.

Der Campus dieser christlichen Hochschule platzt aus allen Nähten, wie ein Internetfilm zeigt. Für rund 150 Studenten war die Einrichtung mal konzipiert, inzwischen lernen fast 1000 hier, darunter Theologen, Management-Studenten und 136 angehende Kirchenmusiker; evangelikale Gläubige, die bei Gebetstreffen bis zur Extase danken, klagen, seufzen und Halleluja rufen, und die ihre Gesangsstimme für geistliche Lieder aufsparen, während Volks- und Trinklieder offiziell tabu sind – so beschreiben es die beiden Kirchenmusiker.

"Die Atmosphäre auf dem Campus war entspannt“

Der Wunsch etwas zu lernen ist am Yesus Mekane Seminar offenbar weit größer als der Reichtum: Bis zu zehn Männer teilen sich im Internat Räume, die ursprünglich für vier gedacht waren. „Die Sanitäranlagen sind in einem gruseligen Zustand“, erzählt Thomas, und viele Musikinstrumente am Institut ramponiert oder gar nicht erst vorhanden. Doch die ständig wachsende Kirche Yesus Mekane habe nur diese eine Hochschule, um ihren Nachwuchs auszubilden, darum wolle sie nicht weniger Studenten aufnehmen. „Und die Atmosphäre auf dem Campus war entspannt“, findet Annerose Lessing. „Zumindest wir haben es so erlebt.“

Grundlagen der europäischen Chorleitung sollten die beiden Gäste den rund 120 Teilnehmern ihres Kurses beibringen, innerhalb von zwei Wochen. Weil gleichzeitig ein Abschlusskonzert angesetzt war, herrschte Termindruck von Anfang an. Zehn mehrstimmige Gospels, Choräle und Kanons sollten am Ende sitzen, Grundlagen des Dirigierens, Übungen zur Stimmbildung, Klatsch- und Rhythmusspiele. „Wir mussten hart arbeiten“, sagt Thomas, und das in der dünnen Luft von Addis Abeba, auf etwa 2500 Metern Höhe.

Am ersten Tag habe er Zweifel gehabt im Blick auf das Konzert, „es klang alles noch so furchtbar schief.“ Die Musik des Landes habe statt zwölf Tonarten 14 sehr anders aufgebaute. Europäische Melodien ins Ohr zu bekommen, sei für die Äthiopier schwer. Doch die Studenten seien clever. „Zum Teil haben sie das, was wir ihnen vorsangen, mit dem I-Phone aufgenommen“, erzählt er. „Und wenn sie eine schwierige Stelle geschafft hatten, haben sie geklatscht und gejubelt.“ Eine prickelnde Lern-atmosphäre sei das gewesen.

"Sie haben die Musik und sich selbst gefeiert“

Der kulturelle Unterschied schuf allerdings auch Probleme: Zwischen den Bass-Männern und den Sopran- Frauen im Chor klaffte oft eine große Lücke. „Wir mussten dauernd sagen, bitte rückt zusammen“, erzählt Thomas. Körperkontakt zwischen Männern und Frauen werde in der äthiopischen Kultur normalerweise vermieden. Für die Unterrichtseinheiten zum Dirigieren teilten Frank Thomas und Annerose Lessing den Chor daher in eine Männer- und eine Frauengruppe auf. „Es ist ja so, dass man jemanden auch mal anfassen muss, um ihn zu korrigieren.“

Und dann kam das Abschlusskonzert, zur Eröffnung des neuen Semesters auf dem Campus: Etwa 300 Besucher drängten sich in einen schmucklosen Saal neben der Bibliothek. Probeweise hätten die beiden Kirchenmusiker ihren Chor gern mal aufgestellt. „Das ging aber nicht, wir mussten praktisch kalt lossingen“, erzählt Annerose Lessing. Trotzdem klang es wunderbar, finden sie und Frank Thomas. Und das Publikum habe sich nicht einfach berieseln lassen, sondern mitgefiebert, manchmal mitgesummt, nach jedem Stück begeistert gejubelt, getrillert, geklatscht. Neben dem Chor traten auch Studentenbands auf. „Alle zusammen haben die Musik und sich selbst gefeiert.“

Wieder zurück in Mecklenburg- Vorpommern genießen Frank Thomas und Annerose Lessing, wie klar und sauber die Intonation in ihren Chören oft klingt – und hoffen gleichzeitig, ein bisschen was von der afrikanischen Leidenschaft vermitteln zu können. Ein paar äthiopische Lieder haben sie mitgebracht.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 19/2017