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"Sozial-moralische Weltverbesserungsagentur"

Kritik an EKD: Kirchenhistoriker Kaufmann warnt vor Moralismus

04.10.2017 ǀ Stade.  Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann hält die Sündenlehre von Martin Luther für einen der heute wichtigsten Aspekte der Theologie des Reformators. Die Radikalität dieser Lehre sei unmissverständlich, sagte der Wissenschaftler. Gleichzeitig warnte er vor einem Moralismus, den sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) angewöhnt habe. Sie trete als "sozial-moralische Weltverbesserungsagentur" auf.

"Alles, was ich tue, von dem ich glaube, dass es Gott nicht gefällt, ist Sünde", erläuterte Kaufmann die luthersche Sündenlehre. Menschen seien in Handlungslogiken verstrickt, die verhinderten, dass sie ihr alltägliches Dasein mit dem guten Gewissen führen könnten, es sei Gott wohlgefällig.

Als Beispiel führte der Theologie-Professor den Wohlstand an, der auf Ausbeutung und Elend anderer Menschen in anderen Erdteilen basiert. Auch ein Lebensstil, der künftige Generationen bedroht und die ungelöste Aufgabe einer gerechten Verteilung von Lebensmitteln auf der Welt gehören für ihn dazu.

Ein Entrinnen gelinge nicht durch moralische Appelle, mahnte Kaufmann und kritisierte in diesem Zusammenhang die EKD. Sie habe sich angewöhnt, als sozial-moralische Weltverbesserungsagentur aufzutreten. "Doch sich damit ein gutes Gewissen machen zu wollen, unterschreitet das luthersche Sündenniveau."

Das bedeute aber nicht, dass nicht jeder kleine Schritte gehen könne und müsse, um etwas zu ändern. "Von vielem weniger wäre für alle mehr: weniger Fleischkonsum, weniger Energieverbrauch, mehr Bewegung, mehr Gerechtigkeit, mehr Verantwortung für die Folgen des Klimawandels übernehmen."

Das luthersche Menschenbild berge das Potenzial, jenseits von abgestumpfter Weiter-so-Mentalität und hysterischem Moralismus in politischen Fragen Realismus und Vernunft zu fördern. "Nachfolge Jesu Christi in politischer Verantwortung bedeutet Dienst und Solidarität mit all denen, denen es schlechter geht als uns." Nachfolge habe aber auch Grenzen, "denn unser menschlicher Gott hat uns gelehrt, dass wir Menschen sein sollen und nicht Gott".
Quelle: epd