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"Middenmang"

Kirchengemeinde Lütten Klein feiert 50-jähriges Jubiläum

Von Marion Wulf-Nixdorf

„Wir haben die Kirche nicht im Dorf gelassen“, sagen die Lütten Kleiner. Sie feiern in Lichtenhagen Dorf Gottesdienst.
04.09.2016 ǀ Rostock.  Der Wunsch nach einem eigenen Gemeindezentrum war in den 50 Jahren des Bestehens der Kirchengemeinde Lütten Klein immer wieder Thema. Lediglich in den Plattenbaustadtteilen Rostock Groß Klein, Schwerin Großer Dreesch, Greifswald Schönwalde und in Neubrandenburg Oststadt (eingeweiht 1991) gab es in der DDR Baugenehmigungen für Gemeindezentren. Die wurden über das Sonderbauprogramm mit Westgeld aus den Partnerkirchen finanziert.

„Wenn eine so wunderschön restaurierte Kirche da ist – dann geht man doch nicht in ein Gemeindezentrum zum Gottesdienst“, meint Pastorin Uta Möhr, die seit 1998 in der Kirchengemeinde Lütten Klein, dem ersten Plattenbauwohngebiet im Nordwesten Rostocks, tätig ist. Mit Kirche meint sie die Dorfkirche in Lichtenhagen Dorf. Hier feiern die Lütten Kleiner gemeinsam mit den Christen aus Lichtenhagen Dorf ihre Gottesdienste.

Katholisch oder evangelisch? Christlich!

Bis 1988 waren in der Kirche auch die katholischen Christen aus dem Neubaugebiet zu Gast, bis sie ein eigenes Zentrum bauen durften. „Es gab viele Vorbehalte“, erzählt Elisabeth Bormann, die von 1973 bis 2002 evangelische Pastorin in Lütten Klein war. Die katholische und die evangelischen Gemeinden schlossen einen Vertrag, der von den Kirchenbehörden in Schwerin genehmigt wurde. Und sie fügt eine Anekdote hinzu: Um 10 Uhr begann der evangelische Gottesdienst und gleichzeitig die katholische Kinderwallfahrt. Sie „sortierte“ die Kinder draußen und fragte ein Mädchen, ob sie evangelisch oder katholisch sei. Das Mädchen überlegte, sagte dann, das wisse sie nicht, sie sei christlich. Pastorin Bormann schob die Frage nach dem Namen ihres Pastors nach. „Pfarrer Kuhlage“ kam prompt. Also katholisch...

Erzählt wird, dass der evangelische Pastor Christoph Stier, der seit 1968 Vikar, bis 75 Pastor in Lütten Klein war, und der katholische Pfarrer Heinrich Kuhlage unabhängig voneinander durch das Plattenbauviertel spazierten auf der Suche nach einem Raum für ihre Kirchengemeinde. Sie trafen sich in Lichtenhagen an der Kirche – damals gab es den Beinamen Dorf noch nicht, das Plattenbaugebiet Lichtenhagen wurde erst ab 1975 gebaut – und unisono meinten beide: Dies ist es.

"Das verbindet – bis heute"

Die Lütten Kleiner haben eine enge Beziehung zu der Lichtenhäger Kirche, weiß Uta Möhr. Von Herbst 1971 bis 76 haben sich Lütten Kleiner an vielen Arbeitseinsätzen zur Herrichtung der Kirche und zum Bau von Gemeinderäumen im Pfarrhaus beteiligt: „Das verbindet – bis heute.“ Schon 1974 bekam die Kirche eine Fußbodenheizung. 1975 wurde die Empore eingebaut und Firma Jehmlich Dresden stellte 1976 eine Orgel auf.

Die Kirchgemeinde Lütten Klein wurde auf Beschluss der mecklenburgischen Landessynode 1966 eigenständig, schon ein Jahr nach dem ersten Spatenstich für das Wohngebiet. Da war der Überseehafen schon fünf Jahre alt und besonders für die Arbeiter dort wurden Wohnungen gebraucht. Rostock und Warnemünde wuchsen seither zusammen, erst wurde Lütten Klein gebaut, es folgten Evershagen, Lichtenhagen, Schmarl, Groß Klein.

Wie eindrücklich in dem Buch von Altbischof Heinrich Rathke „Wohin gehst du“, Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel 2014, über den Aufbau einer Kirchgemeinde in einem aus dem Boden gestampften Neubaugebiet beschrieben, gingen auch in Lütten Klein Christen von Wohnung zu Wohnung. Sie fragten, wer zur Kirche gehört, luden diejenigen ein. Christenlehre und Konfirmandenunterricht fanden bei Familien zu Hause statt.

Schwerer Stand und neuen Möglichkeiten

Mit der Wende beendete Gottfried Siegmund, von 1976 bis 1990 Gemeindepastor, seinen Dienst, um sich in der Kommunalpolitik engagieren zu können. Sein Nachfolger wurde Christoph Strube bis 1998. Als er nach Ribnitz ging – wo er an diesem Sonntag in den Ruhestand verabschiedet wird – wurde eine der beiden Pfarrstellen nicht mehr besetzt. Kirche hatte zeitweise einen schweren Stand, wurde verantwortlich gemacht für die gesellschaftlichen Veränderungen, die auch Arbeitslosigkeit mit sich brachten. Es gab viele Kirchenaustritte.

Aber es entstand auch schon 1991 die erste evangelische Kindergartengruppe. Die Diakonie richtete eine Altenbegegnungsstätte in der Helsinkier Straße ein, in der die Kirchgemeinde abends und vormittags Räume nutzen konnte. 1998 konnte die Kirchgemeinde in dem Gebäude einen Raum ganz für sich mieten, den sogenannten Kirchenschlauch im ersten Stock, der aber für Senioren schwer erreichbar war.

Unter den neuen Möglichkeiten wurde auch die Frage nach einem eigenen Gemeindezentrum wieder aktuell. Die Gemeinde reservierte nach der Wende einen Bauplatz, das Vorhaben scheiterte aber an den fehlenden Finanzen. 2000 gab sie den Bauplatz zurück. Bei einer Gemeindeversammlung 2011 kam das Thema wieder auf den Tisch. Da ging es dann sogar um ein gemeinsames Gemeindezentrum für die Kirchengemeinden Evershagen, Lichtenhagen und Lütten Klein. Alle drei Gemeinden haben aber eigene Räume, die sie auch behalten wollten und zusätzlich sollte ein Gemeindezentrum in Lütten Klein gebaut werden, erzählt Uta Möhr. Die Lütten Kleiner wollten ihren Gottesdienstort in Lichtenhagen Dorf aber nicht mehr aufgeben. Auch nicht bauen. So blieb es, wie es ist.

Seelsorge zwischen den Regalen

Seit 2013 hat die Kirchengemeinde im Erdgeschoss bei der Stadtmission unter dem früheren „Kirchenschlauch“ einen großen Raum für ihre Veranstaltungen mieten können. Hier treffen sich eine Handarbeitsgruppe, die Seniorensportgruppe. Ein Gemeindebüro gibt es nicht. Zu Beerdigungsgesprächen geht Pastorin Möhr zu den Angehörigen nach Hause. „Es gibt in meiner Wohnung aber auch einen Raum, der immer aufgeräumt ist“, sagt sie lachend. Die meisten „Seelsorge-Gespräche“ habe sie aber beim Einkaufen zwischen den Regalen. „Wenn ich dann sage, ich komme gern zu Ihnen nach Hause, dann bekomme ich zur Antwort: Neee, so schlimm ist es nicht...“ Die Leute machen ihre Tür nicht auf. Sie seien überrannt worden von Vertretern, Zeugen Jehovas...

Verbindung zu den Familien halte hauptsächlich Gemeindepädagogin Christel Huhndorf, die leider 2017 in den Ruhestand gehe. Sie besuche alle Familien, deren Adresse die Gemeinde bekäme, sie schenke jedem Neugeborenen ein Tuch mit dem Namen. Ein gutes Miteinander gibt es mit Kantor Andreas Hain, der für Lütten Klein und Lichtenhagen zuständig ist: In Lütten Klein leben rund 17 000 Einwohner. Viele Einwohner sind jung hier hergezogen und mit dem Stadtteil alt geworden. Gab es in den ersten Jahrzehnten viele Kinderkrippen und -gärten – der Mutterschutz betrug sechs Wochen, die Schichten auf der Werft begannen um 6 Uhr – so entstanden in den letzten Jahren Altenheime. In Lütten Klein gibt es ein Zentrum mit Kino, Geschäften – und viel Grün.

"Eine Kirche für den täglichen Gebrauch"

Pastorin Möhr ist es wichtig, präsent zu sein, wenn die Leute ins Rentenalter kommen. Das sei der Moment, wo sie noch einmal auf Sinnsuche gingen. 2013 hat sie alle Menschen zwischen 60 und 66 zu einem besonderen Gottesdienst eingeladen. Dies soll zu einer Tradition in regelmäßigen Abständen werden. „Ich will, dass die Menschen Kirche vorfinden“, unterstreicht die Pastorin ihr Anliegen. Gern verwendet sie ein Wort einer 2007 aus Berlin Zugezogenen. Die kam in die Sprechzeit im Kirchenschlauch, nahm eine Einladung zu einem Frauenabend an und meinte danach, sie habe das Gefühl, dies sei eine Gebrauchskirche, eine Kirche für den täglichen Gebrauch.

Zum 40. Geburtstag der Gemeinde hat ein Kirchenoberer gesagt: „Feiert mal, in zehn Jahren wird es euch so (eigenständig) nicht mehr geben!. „Gerne haben wir ihm jetzt eine Einladung geschickt“, sagt Pastorin Möhr.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 36/2016


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