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Ev.-Luth. Kirchengemeinde Dassow

St. Nikolaikirche zu Dassow

Nikolaikirche von Südost
Turmspitze mit Bischofsmütze
Geschichte

An der Bundesstraße 105, zwischen den Hansestädten Lübeck und Wismar, liegt die kleine Stadt Dassow. Die St. Nikolaikirche ist insbesondere von Lübeck kommend sowie über den Dassower See weit zu sehen.

Bei der heutigen B 105 handelt es sich um eine alte Handelsroute, die bereits im Hochmittelalter bezeugt ist – der Via Regia. Bis ins 5. Jh. war unsere Region überwiegend von Germanenstämmen besiedelt. Frühe Besiedlungen sind zwar von Klaudios Ptolemaios (um 100 – 170 n.Chr.) bezeugt, lassen sich aber für unsere Region nicht eindeutig zuordnen.

Infolge der Abwanderung der germanischen Stämme drangen im 6. Jh. slawische Stämme in die fast menschenleeren Gebiete ein. Frühe (slawische) Siedlungen in der Traveniederung sind für das 9. Jh. belegt, so z.B. Liubice („Alt-Lübeck“) im Jahre 819.

Braunschweiger Löwe vor dem Ratzeburger Dom
Bereits im 9. Jh. versuchten Sachsen, ihren Einflußbereich auf die Gebiete nördlich und östlich der Elbe zu erweitern. In dieser Zeit begann auch die Missionierung der ansässigen Slawenstämme. Die Fundamente einer Kirche aus dieser Zeit finden wir in Liubice – auch die Kirche St. Georg auf dem Berge in Ratzeburg reicht bis in das 10. Jh. zurück. Die Zeit v. 9. – 12. Jh. ist durch viele Kriege und Aufstände geprägt. Viele frühe Kirchen wurden dabei zerstört und die Geistlichen ermordet – wie im Jahre 1066 der Abt Ansverus in Ratzeburg.

Erst 1160 errang der Sachsenherzog Heinrich der Löwe die endgültige Herrschaft über unser Gebiet und setzte Pribislaw als Herrscher über Mecklenburg ein. Nördlich der Elbe stiftete er drei Dome – in Ratzeburg, Lübeck und Schwerin – der Braunschweiger Löwe erinnert noch heute an den Stifter. Auch Dassow ist eine ursprünglich slawische Siedlung und wird 1219 erstmals urkundlich erwähnt – ist vermutlich aber deutlich älter.

Baugeschichte und Architektur

Die St. Nikolaikirche wurde 1237 erstmals urkundlich erwähnt und ist im sog. Übergangsstil zwischen Romanik und Gotik errichtet worden. Sie gehört damit zu den ältesten Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern.

Dassow unterstand zu dieser Zeit dem Bistum Ratzeburg und so stiftete der Ratzeburger Bischof die überaus kostbaren Klosterformat-Backsteine, mit denen der Chor, der älteste Teil der Kirche erbaut wurde. Er ist zum Schiff um eine Stufe erhöht und  etwas schmaler und niedriger. Zum Osten schließt er gerade ab; im Norden schließt sich die Sakristei an.

Eine Besonderheit stellt das Kirchen-schiff dar, welches aus Granitsteinen errichtet wurde. Die Besonderheit stellen noch nicht die Granitsteine als solche dar, diese finden sich auch in anderen Feldsteinkirchen der Region. Hier handelt es sich jedoch um sorgfältig gequaderte, d.h. um bearbeitete behauene Granitsteine, mit denen selbst die Fensterlaibungen und Portale mit frühgotischen Spitzbögen ausgeführt sind.

Diese aufwendige und seltene Bauweise beeindruckte auch Friedrich Lisch (1801 – 1883). Die charakteristischen Ausführungen der weiten Spitzbögen findet er im Schweriner Dom wieder und mutmaßt, daß beide Kirchen vielleicht vom selben Baumeister stammen.

Der jüngste Teil der Kirche ist der Turm; dieser ist wiederum mit Backsteinen ausgeführt. Ursprünglich besaß er auch einen Turmhelm, der aber bei einem ver-heerenden Brand 1632 einstürzte. Beim Wiederaufbau bereits ein Jahr später – mitten im Dreißig-jährigen-Krieg – baute man diesen nicht wieder neu auf, sondern krönte den Turm stattdessen mit einer Bischofsmütze.

Blick zum Chor
Rundgang

Während das Kirchengebäude im sog. Übergangsstil zwischen Romanik und Gotik erbaut wurde, wurde das Interieur nach dem Brand von den Familien des Mecklenburgischen Adels auf den umliegenden Gütern im Stil der Spätrenaissance und Frühbarock völlig neu ausgestattet. Ursprünglich war die gesamte Kirche mit einer Gewölbedecke – im Schiff mit drei Gewölben – aus-geführt, heute finden wir diese lediglich im Chor, im Kirchenschiff hingegen eine schlichte Holzdecke vor. Nahezu das gesamte Inventar stammt aus der Zeit nach dem Brand, lediglich ein Lübscher Kronleuchter hat diesen überstanden – er stammt aus dem Jahre 1625.

Wenn wir die Kirche vom Westen, also vom Turm her betreten, so fällt uns zunächst zur rechten Seite der heilige Georg mit dem Drachen und der Königstochter auf. Es handelt sich um eine Schnitzarbeit aus dem 18. Jh., die den Schutzpatron der 1973 von DDR-Grenztruppen abgerissenen Siechenkapelle bei Schwanbeck darstellt.

Über dem Mittelgang des Kirchenschiffes hängen drei Lübsche Kronleuchter unterschiedlicher Größe und Alters von der Decke. Vor dem Chor  befindet sich der älteste und stammt, wie bereits gesagt, aus dem Jahre 1625 – die beiden anderen aus den Jahren 1660 und 1904. Der mittlere ist der größte und prächtigste; es handelt sich um den Negendank`schen Leuchter.

Auf der Südseite neben der Kanzel finden wir eine Tafel mit den 16 Pastoren seit der Reformation. Tatsächlich sind wir mit dem jetzigen Pastor Ekkehard Maase bereits bei Nr. 21 angelangt, für die letzten fünf war jedoch kein Platz mehr auf der Tafel.


Die Renaissance-Kanzel vom Schiffsbrücken-Typ wurde 1633 von der Familie von Bülow auf Harkensee gestiftet. Links daneben finden wir ein Motivfenster von 1898. Es zeigt in Tiroler Glasmalerei den „Guten Hirten“. Darunter hängt eine Darstellung der „Grablegung Christ“ vom Maler Friedrich Overbeck. Es handelt sich bei dem um 1840 ent-standenen Werk wohl um eine Vorstudie zu einer etwa doppelt so großen Ausführung in der Lübecker Marienkirche.

Negendank`scher Leuchter
Schwanbecker Madonna
Blick zur Friese-Orgel
An der Südseite vor dem Chor finden wir das älteste Inventarium der Kirche, die romanische Cuppa einer Granitfünte aus dem 13. Jh., die jahrelang als Blumenschale im Gutspark in Groß Stieten zweckentfremdet wurde. Der dazugehörige Fuß befindet sich vor der Priesterpforte und wartet noch auf seine Aufstellung.

Gleich neben der Tauffünte fällt der Blick auf eine Mariengruppe, bei oberflächlicher Betrachtung unscheinbar wirkendes Schnitzwerk. Es handelt sich um die sog. Schwanbecker Madonna, ein in Eiche geschnitztes, früher farbiges Weihnachtsrelief von einem gotischen Schnitzaltar, welches ebenso wie der heilige Georg aus der Siechen-kapelle stammt. Die besonders betonte Jungfrau Maria trägt eine Krone; der bärtige Joseph rührt für Mutter und Kind Brei in einem Topf – auch Ochs und Esel fehlen nicht. Dieses Kleinod spät-mittelalterlicher Kirchenkunst stammt aus der Zeit um 1425 und wartet noch auf seine würdige Aufstellung.

Kernstück des Chorraumes ist der Renaissance-Altar – der Aufsatz erhebt sich fast bis zur Decke. Der Altar stammt ebenso wie die Kanzel aus der Zeit des Wiederaufbaus. Er wurde 1635 von der Familie von Bülow auf Wieschendorf gestiftet. Die Altargemälde, die in der Predella eine Abendmahlszene und in sechs weiteren Bildern das Leiden, Sterben und Auf-erstehen Jesu darstellen, wurden vermutlich Anfang des 20. Jh. neu ausgemalt. Die Abendmahlszene hingegen stammt aus dem späten 19. Jh. vom Maler Griebe in Grevesmühlen.
Ihm gegenüber befindet sich an der Westseite die Friese-Orgel. Die neugotische Orgel wurde 1859 von Friedrich Friese III erbaut. Sie umfaßt 14 Register und zwei Manualen und Pedal. Darunter befindet sich eine Darstellung des Schutzpatrons unserer Kirche, den Heiligen Nikolaus. Es handelt sich um eine Arbeit aus dem 19. Jh. nach mittelalterlichem Vorbild.