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Umgang mit Landesmitteln

Jörg Raddatz vom Kreisdiakonischen Werk Greifswald: "Wir weisen alles genau nach“

Von Sybille Marx

Der Sozialpädagoge Jörg Raddatz hat vor 16 Jahren die Leitung des Kreisdiakonischen Werks in Greifwald übernommen.
12.11.2018 ǀ Greifswald.  Die großen Sozialverbände in MV stehen in der Kritik, weil sie Landesmittel nach einem geheimen Schlüssel unter sich aufteilen, die AWO soll Mittel zweckentfremdet haben. Welche Auswirkungen hat das auf die kleinen diakonischen Träger in MV? Nachgefragt bei Jörg Raddatz vom Kreisdiakonischen Werk Greifswald.

Greifswald. Könnte es sein, dass die Kreisdiakonischen Werke in MV bald mehr Verwaltungsaufwand haben? Dass ihre Mitarbeiter bald jeden Arbeitsschritt dokumentieren und die eingesetzten Gelder rechtfertigen müssen, weil vor dem Landtag die großen Sozial verbände für ihren Umgang mit Landesmitteln in der Kritik stehen? Jörg Raddatz, Geschäftsführer des Kreisdiakonischen Werks (KDW) in Greifswald, das unter anderem Obdachlosenhilfe und Hospizarbeit trägt, sagt trocken: „Wir weisen schon alles genau nach.“ Pauschale Fördermittel des Landes bekämen die kleinen Kreisdiakonischen Werke aber gar nicht. „Wir finanzieren uns fast ausschließlich über die Leistungen, die wir erbringen und direkt abrechnen.“

Die von ihnen unabhängigen großen Sozialverbände von MV, wie AWO, Volkssolidarität, Caritas und Diakonisches Werk MV, teilen dagegen seit Jahren eine Fördermittelsumme des Landes nach einem nicht-öffentlichen Schlüssel unter sich auf – und müssen nicht jede Verwendung nachweisen. Wie der NDR, die Schweriner Volkszeitung und andere Medien berichteten, betreibt die Schweriner AWO seit Jahren mit Steuergeldern eine Kita auf Mallorca, Mitglieder des AWO-Kreisverbands Müritz flogen zu Klausurtagungen auf die Insel. Vor allem solche Aktionen sorgten dafür, dass nun ein Untersuchungsausschuss des Landtags ermittelt. Raddatz schüttelt den Kopf. „Eine Sitzung auf Mallorca, sowas käme mir nie in den Sinn! Aber selbst wenn wir wollten, könnten wir das nicht bezahlen.“

Das KDW Greifswald mache mitsamt seiner Kita gGmbH zwar sieben Millionen Euro Umsatz pro Jahr, Überschüsse fielen aber kaum an, manche Kosten ließen sich nicht abrechnen. „Wir haben schon Mühe, unsere Mitarbeiter nach Tarif zu bezahlen.“ Vom Pommerschen Kirchenkreis bekommt das KDW rund 60 000 Euro pro Jahr – „schön, aber gemessen am Umsatz leider wenig“.

Mehr Masse und mehr Bereiche

Nach Schilderung von Raddatz wirtschaftet das Kreisdiakonische Werk Greifswald schon seit seiner Entstehung kurz nach der Wende extrem knapp, machte anfangs sogar hohe Defizite, wie andere KDWs. „Damals waren nur die ambulanten Dienste in den KDWs zusammengefasst – Arbeitsfelder, mit denen man Verluste einfuhr“, sagt Raddatz. Als er 2001 die Geschäftsführung des KDW übernahm, war es gerade entschuldet worden, unter anderem von der Pommerschen Landeskirche. „Am Ende des Jahres 2001 hatten wir aber schon wieder Minus. Da haben wir gesagt: Wir brauchen mehr Masse und mehr Bereiche, mit denen wir auskömmlich finanziert sind“ – allein schon, um die Verwaltungskosten zu decken.

Folge: Das Greifswalder KDW übernahm andere diakonische Einrichtungen in Vorpommern und baute neue Arbeitsfelder auf. Heute gehört zu ihm neben Behindertenhilfe auch Frühförderung, Kita-Arbeit, Obdachlosenhilfe, Hospizdienst und vieles mehr, verteilt auf den ganzen Kirchenkreis. „Anfangs hatten wir 18 Mitarbeiter“, erzählt Raddatz. Heute sind es fast 200. „Die Verwaltung haben wir trotzdem schlank gehalten.“ Gerade mal 2,5 neue Verwaltungsstellen seien zu den anfangs zwei dazu gekommen. Außerdem ein Controller, der die Finanzen im Blick behält.

„Wenn ich dann höre, dass ein Vorstand mit Steuergeldern nach Mallorca fliegt, macht mich das wütend“, sagt Raddatz. Er hofft, dass der Untersuchungsausschuss Klarheit schafft, alle großen Verbände künftig transparent mit den Geldern umgehen. Am Diakonischen Werk MV muss es wohl nicht scheitern: Das hat sich im Juni der Initiative „Transparente Zivilgesellschaft“ angeschlossen.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 45/2018

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