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Ökumenischer Stadtkirchentag in Rostock

Joachim Gauck: Deutschland hat in der Flüchtlingsfrage nicht versagt

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck auf der Podiumsdiskussion im Rostocker Rathaus
01.07.2018 ǀ Rostock.  Rund 2.000 Menschen besuchten am Sonnabend (30. Juni) die zahlreichen Veranstaltungen des Ökumenischen Stadtkirchentags in Rostock. Ein Höhepunkt war die Diskussionsrunde mit Alt-Bundespräsident Joachim Gauck zur Frage, welche Rolle das Christentum in der Politik spielt.

Deutschland hat nach Ansicht von Joachim Gauck in der Flüchtlingsfrage nicht versagt. Das Land habe sehr viele Flüchtlinge aufgenommen, "auch von denen, die keine Legitimation haben, hier zu sein", sagte der Alt-Bundespräsident im Foyer des Rostocker Rathauses. Er wünsche allen Flüchtlingen ein besseres Leben, "aber die Regierung hat den Auftrag, dass das Land regierbar bleibt".

Als Christ stehe man in dem Dilemma, sich in seinem Handeln am Evangelium orientieren zu wollen, sagte Gauck. "Aber in der Welt der Politik ist das Handeln oft stark eingeschränkt." Mit Unverständnis betrachte er die Situation im Nachbarland Polen. "Da fragst Du Dich doch: ein so christliches Land und kein einziger Flüchtling?" Als Grund für eine ablehnende Haltung gegenüber Flüchtlingen sieht der ehemalige Rostocker Pastor die Furcht vor Überfremdung. Viele Menschen in Deutschland und auch in den ehemaligen sozialistischen Ländern hätten "Angst, sie selbst könnten zu kurz kommen".

Gauck warnt vor sozialer Spaltung

In der Diskussionsrunde warnte Joachim Gauck zugleich vor einer gesellschaftlichen Spaltung, die durch den zunehmenden Internetkonsum von Kindern hervorgerufen werden kann. „Wenn Du deine Kinder verdaddeln lässt, kannst du nachher nicht sonst was erwarten. Du musst etwas investieren“, rief Gauck den Gästen zu. Er verwies auf Ideen beispielsweise der antiautoritären Erziehung. „Manche haben das so verstanden, dass man den lieben Kleinen alles durchgehen lassen muss. Ein schwerer pädagogischer Fehler, aber sehr beliebt in vielen Elternhäusern.“

Für Gauck gibt es bei der drohenden Spaltung zwei Gruppen: Diejenigen, die selbst Freude daran haben, sich einzumischen und als Bürger zu agieren, stünden im Gegensatz zu denen, die zwar „super konsumieren“ können, aber nur manchmal und dann auch eher aus Versehen sich beteiligende Bürger seien. Die große Frage für alle, die mit jungen Menschen arbeiten, sei, wie diejenigen erreicht werden können, die es eher nicht gewöhnt sind, politische oder religiöse Themen zu besprechen. Die Politik dürfe nicht den Fehler mancher Feuilletonisten machen, die nur noch für ihresgleichen schreiben und von anderen nicht verstanden werden.

"Sehnsucht nach Mehr"

Rund 2.000 Menschen waren zum Stadtkirchentag unter dem Motto "Sehnsucht nach Mehr" anlässlich des 800-jährigen Stadtjubiläums gekommen. Es sei sichtbar geworden, welch unverzichtbaren Beitrag Christen für die Stadtgesellschaft leisten, bilanzierte Ökumene-Pastor Tilman Jeremias. Neben einem Bühnenprogramm mit Musik, Theater und Gebet wurde im gesamten Stadtzentrum Konzerte, Workshops, Bibelarbeiten, Podiumsdiskussionen und Foren angeboten. Auf dem Neuen Markt stellten sich zahlreiche Initiativen der Kirchen vor. Dort fand auch der Abschlussgottesdienst statt.
Quelle: epd/dpa/kmv

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(© kirche-mv.de)


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