Interview mit OKR Hans-Martin Moderow: Wie viel Kraft hat die Pommersche Kirche?
Greifswald (kiz). Der bisherige theologische Dezernent im Konsistorium der Pommerschen Kirche, Oberkonsistorialrat Hans-Martin Moderow, tritt zum 1. September in den Ruhestand. In seiner Tätigkeit war Moderow u. a. für die Pfarrstellenbesetzung, als Personaldezernent für die Pfarrer und die Bereiche Diakonie sowie Kirche und Gesellschaft zuständig. Die Kirchenleitung wird Hans-Martin Moderow am 25. August in einer Feierstunde im „Friedrich-Wilhelm-Krummacher-Haus“ in Weitenhagen in den Ruhestand verabschieden.
Herr Moderow, einige Menschen in Ihrer Umgebung glauben festgestellt zu haben, dass Sie in den letzten Wochen außergewöhnlich entspannt wirkten. Freuen Sie sich auf Ihren Ruhestand?
Ich habe mir den Termin selbst gesetzt, es ist meine Entscheidung. Die Tatsache, dass dies an mir beobachtet wurde, scheint mir Recht zu geben.
Sie waren viele Jahre im Gemeindepfarramt, später wurden Sie dann Superintendent erst im Kirchekreis Anklam, dann im Kirchenkreis Stralsund; zwischendurch waren Sie neben dem Pfarramt auch Landespfarrer für Ökumene und Mission. Und seit Anfang 1999 haben Sie als Oberkonsistorialrat im Konsistorium in Greifswald gearbeitet. Mögen Sie Veränderungen?
Neue Herausforderungen haben mich immer gereizt. Ich hatte immer Spaß daran, Veränderungen mitzugestalten. Allerdings meine ich damit nicht die aktuellen Veränderungen im Blick auf die Pommersche Kirche. Die waren, als ich mein Amt antrat, in dieser Form nicht absehbar und sie sind alles andere als erfreulich.
Zum Beispiel…
…die Pfarrstellensituation. Im Jahr 1998 wurde ein Konzept erarbeitet, das für den Bereich unserer Landeskirche 140 Pfarrstellen vorsah. Unter diesen Bedingungen bin ich damals angetreten. Keiner hätte zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass wir nur wenige Jahre später wieder so dramatische Einschnitte vornehmen müssten. In der Rückschau hätte ich mir als Basis für mein eigenes Handeln schon früher eine mittelfristige Finanzplanung, die die Entwicklung in Jahresschritten aufzeigt, gewünscht. Diese ist im Grunde erst 2004 erstellt worden und damit wurde auf erschreckende Weise konkret, wo es mit unserer Landeskirche hingehen wird.
Wohin wird es denn gehen?
Unsere Kirche ist der Rest der früheren Kirchenprovinz Pommern. Sie konnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als eigenständige Größe nur im engen Verbund der ehemaligen Evangelischen Kirche der Union (EKU) existieren. Diesen engen Verbund der EKU gibt es nicht mehr. Das hat zur Folge, dass die kleinen Landeskirchen den Zusammenschluss mit anderen Landeskirchen suchen müssen. Die bereits angesprochene Finanzproblematik macht dieses Erfordernis nur noch dringlicher.
Das heißt, Sie befürworten den gemeinsamen Weg, den die Pommern mit ihrer mecklenburgischen Nachbarkirche gehen wollen?
Meine ursprüngliche Position war der Nordverbund: ein Bündnis aus Nordelbischer, Mecklenburgischer und Pommerscher Kirche (NEK/MEK/PEK). Doch dann wurde bald klar, dass die Nordelbische Kirche mit eigenen Problemen zu kämpfen hatte. So ergab sich das Projekt MEK/PEK, das heißt eine Kirche im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern.
Dieses Projekt habe ich in den letzten Jahren sehr unterstützt und vielen Kritikern gegenüber auch verteidigt. Nach den bisherigen Gesprächen mit der mecklenburgischen Kirche, die doch sehr zäh verliefen, bin ich an einem Punkt, an dem ich ehrlich sagen muss: ich bin nicht mehr sicher, ob das Projekt Aussichten auf Erfolg hat.
Sie zweifeln? Warum?
Zwischen Mecklenburg und Pommern gibt es historisch gewachsene Unterschiede. Man soll sie nicht überbetonen, aber sie lassen sich nicht leugnen. Sie in eine Kirche mit gemeinsamen Strukturen und gemeinsamer Verwaltung zu übertragen, erfordert eine große Anstrengung. Meine Frage ist, ob wir als pommersche Kirche noch die Kraft dazu haben. Und ob es nicht deshalb realistischer wäre, sich entschlossen der Berlin-Brandenburgischen Kirche zuzuwenden, mit der uns von der Geschichte her mehr verbindet. Dieser Schritt könnte schneller und reibungsloser verlaufen.
Man hat selten öffentlich so kritische Worte von Ihnen gehört.
Mir wäre es auch lieber, mit einem klaren Ja zu meiner bisherigen Position aus dem Dienst zu gehen.
Haben Sie denn noch ein paar gute Wünsche für Ihre Kirche?
Wir sollten intensiv daran arbeiten, innerkirchlich zu einer guten Streitkultur zu kommen. Das heißt, dass wir lernen, auch einen Rat anzunehmen, ohne immer gleich in Konkurrenzdenken zu verfallen. Ich spreche niemandem das Recht auf eine eigene Meinung ab, aber ich denke, wir sollten sorgsamer reden. Das sind Dinge, die ich wahrscheinlich auch selbst nicht immer ausreichend bedacht habe.
Die unausweichliche Frage zum Schluss: Haben Sie schon Pläne für den neuen Lebensabschnitt?
Meine Frau geht auch in den Ruhestand und nun ziehen wir erstmal um. Und dann möchte ich Abstand gewinnen. Und wie lange das dauert, kann ich natürlich jetzt noch nicht sagen. Irgendwann werde ich mich sicher ehrenamtlich engagieren. Was Ehrenamtliche für unsere Kirche leisten, hat mich in all den Jahren immer beeindruckt.
Die Fragen stellte Nicole Kiesewetter
Zur Person:
Hans-Martin Moderow wurde 18.4.1943 in Altwigshagen geboren. Er studierte von 1961-1966 in Greifswald und Halle Theologie und war 1966 bis 1967 Assistent am Ökumenischen Institut der Evangelischen Kirche in Berlin. 1968 schloss sich das Vikariat in Hohenbollentin an. Ordiniert wurde er am 30.11. 1969 in Greifswald, 1971 wurde ihm die Pfarrstelle in Altefähr übertragen. Von 1975 bis 1981 war er Studienreferent für Ökumene in der Theologischen Studienabteilung beim Bund der Evangelischen Kirchen in Berlin. 1981 wechselte er als Pfarrer nach Anklam und wurde zugleich Landespfarrer für Mission und Ökumene. 1990 wurde er zum Superintendent des Kirchenkreises Anklam berufen und 1997 zum Superintendent des Kirchenkreises Stralsund. 1999 wechselte er als Dezernent in das Konsistorium. Moderow ist mit der Pfarrerin Renate Moderow verheiratet und hat drei Kinder.
Aus: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung
Ausgabe vom 25.8.2006

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