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Ein halbes Prozent blieb drüben

Im Frühjahr 1989 durften mehrere hundert ostdeutsche Christen zum West-Berliner Kirchentag fahren

Von Karl-Heinz Baum

23. Deutscher Evangelischer Kirchentag in Berlin 1989, DDR-Stand
25.05.2014 ǀ Berlin.  Geplant waren bis zu 5.000 Christen, die Anfang Juni 1989 zum 23. Deutschen Evangelischen Kirchentag nach West-Berlin reisen sollten, vereinbart wurden dann erst einmal 300. Letztlich fuhren 374 Ostdeutsche in den Westen. Nur zwei kamen nicht zurück.

"Es war ein schwieriges Vorhaben im Mai vor 25 Jahren", sagt der damalige Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg - Ostregion - Manfred Stolpe, der anderthalb Jahre später Brandenburgs Ministerpräsident und 2002 Bundesminister wurde. Das Vorhaben gipfelte in einem Brief des früheren Bischofs dieser Landeskirche, Albrecht Schönherr (1911-2008), an die Nummer 1 der DDR, den Staatsratsvorsitzenden und Generalsekretär der SED, Erich Honecker.

Stolpe lacht, wenn er daran denkt, wie es dazu kam. In der zweiten Maiwoche hatte er ein vertrauliches Gespräch mit zwei westdeutschen Journalisten. Die eine habe gefragt, wie viele Kirchenvertreter aus der DDR eigentlich zum Kirchentag im Juni nach West-Berlin fahren dürften? "Genau so viel wie zum Kirchentag in Frankfurt am Main vor zwei Jahren", habe er gesagt und wohl auch die Zahl 120 genannt. Da habe der andere eingeworfen: "Finden Sie nicht, dass es für West-Berlin mehr Leute sein müssten? Die DDR behaupte doch stets, West-Berlin liege auf ihrem Territorium!"

Da sei Stolpe eingefallen, die DDR gebe Tagesvisa für Ost-Berlin aus, die nur Westdeutsche erhielten. "Könnte man nicht versuchen, Tagesvisa für Ostdeutsche zum Besuch von West-Berlin auszugeben?" Die beiden Journalisten fanden das geradezu eine Königsidee, schwärmten gar, da könne man doch 3.000 oder 5.000 Christen für einen Tag "ins feindliche Ausland" schicken.

Ihm sei der Gedanke gekommen, das müsse jemand von der Kirche sein, der nicht mehr in Amt und Würden sei, den Honecker respektiere und schätze. "Dafür kommt nur der Altbischof in Frage!" sagte er den Journalisten und forderte sie auf, die Idee bei einem wichtigen Politiker im Westen "abzusichern". Vielleicht müsse der noch nachhelfen, wenn es hakt. Stolpe dachte an den Regierenden Bürgermeister Walter Momper. Die Journalisten unterrichteten Momper.

Stolpe überzeugte Schönherr, Honecker zu schreiben. Von 1972 bis 1981 war jener Bischof der Ostregion Berlin-Brandenburg und stand 1969 bis 1981 dem Bund Evangelischer Kirchen in der DDR vor. Allerdings habe Schönherr, als Stolpe von 1.000 oder 2.000 Plätzen sprach, dies "eine abenteuerliche Vorstellung" genannt.

Schönherrs Bitte vom 16. Mai galt für 300 Leute. Honecker stimmte zu. Die prompte Antwort zeigte Stolpe, dass zu wenig gefordert worden sei. Er bat den Journalisten, bei Momper nachzufragen, ob er noch einen Weg wisse. Er wusste einen. Am 25. Mai, dem Feiertag Fronleichnam, wollte sich der SPD-Vorsitzende Hans Jochen Vogel mit Honecker auf Schloss Hubertusstock am Werbellinsee treffen. Momper rief Vogel noch am Abend an.

Vogel konnte die Zahl der West-Berlin-Reisenden erhöhen. "Ich habe es auf 374 gebracht. Fragen Sie mich nicht, warum gerade 374. Ich weiß es nicht!" sagte er am Nachmittag jenes 25. Mai vor Journalisten in der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, der offiziellen Mission der Bundesrepublik in der DDR.

Die 374 Plätze wurden auf die damals acht Landeskirchen verteilt. Dabei sollten die Verwaltungen möglichst Menschen auswählen, die noch nie im Westen waren. Stolpe erinnert sich: "Wir wollten dem Staat die Angst nehmen, dass Leute nicht wiederkommen, sobald sie westwärts reisen dürfen. Das hat die Aktion bewiesen. Nach meiner Erinnerung kamen zwei nicht zurück. Das ist ein halbes Prozent! Aber 374 Christen aus der DDR haben sich am 10. Juni 1989 riesig über ihre erste Westreise gefreut."

Stolpe ist überzeugt, dieses Beispiel war ein Meilenstein auf dem Wege zur Maueröffnung. Es beeindruckte den SED-Führungszirkel, wenn nicht Honecker, so doch Kronprinz und Nachfolger Egon Krenz und Politbüromitglied Günter Schabowski. Krenz bat einen Tag nach Honeckers Ablösung die Kirche zum Gespräch und deutete an, unter seiner Führung könnten noch vor Weihnachten alle DDR-Bürger ungehindert und ohne Antrag reisen - Grund genug für Stolpe, ein Gespräch Schabowski-Momper zu organisieren. Momper sollte aus berufenem Mund rechtzeitig erfahren, was auf West-Berlin zukommt. Das Gespräch fand am 29. Oktober statt. Schabowski wiederholte die Worte von Krenz zehn Tage zuvor. Das genaue Datum blieb offen. Elf Tage später fiel die Mauer.
Quelle: epd

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