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Esther Schmidt fürchtet: „Wir sind schon wieder außen vor“

Hospizhelfer sind besorgt

Von Sybille Marx

Esther Schmidt liebt es, als Hospizhelferin Menschen zu begleiten, mit Humor, Hilfsbereitschaft und viel Herz.
08.11.2020 ǀ Greifswald.  Schwerstkranke und sterbende Menschen in Heimen begleiten zu können, muss möglich sein, finden Hospizhelfer und viele andere. Gleichzeitig sollen die Heime ihre Bewohner vor Ansteckung schützen. Ein Dilemma.

Wenn Esther Schmidt von ihrem Ehrenamt als Hospizhelferin erzählt, sprudelt sie vor Lebendigkeit. „Ich mache das so gern, für mich ist das zur Berufung geworden“, sagt die 66-Jährige, die vor fünf Jahren zum Ambulanten Hospizdienst des Kreisdiakonischen Werks Greifswald-Ostvorpommern kam. Aber das, was jetzt im zweiten Lockdown passieren könnte, findet sie schwer. „Wir sind wie amputiert“, sagt sie. „Wir können wieder nicht jeden begleiten, der es wünscht.“ Zwar hat sich etwas verändert: Im ersten Lockdown konnten die Hospizhelfer vier Wochen lang überhaupt keine Menschen in Heimen besuchen, erzählen sie; nicht einmal die, die akut im Sterben lagen, denn aus Angst vor Covid-19 hatten die meisten Heime komplette Besuchsverbote verhängt. Das soll diesmal anders werden. In der Theorie jedenfalls.

Von zwei Altenpflegeheimen in Tutow und Gützkow kam gleich zu Beginn des neuen Lockdowns der Hinweis an das Kreisdiakonische Werk: Die Hospizhelfer dürfen derzeit nicht rein, erzählt Esther Schmidt. „Schlimm“ findet sie das. Weil manche Bewohner nun vielleicht einsam sterben würden, nicht mehr die Chance hätten, noch mit jemandem zu sprechen, sich zu entlasten, Dinge zu sortieren. In der Vergangenheit hätten sie zudem Bewohner begleitet, die sich einfach über Gesellschaft freuten. „Viele in den Heimen sind einsam. Das wird jetzt wieder verstärkt“, meint sie.

Das Bewusstsein dafür ist durchaus da. Vor Kurzem meldete sich Deutschlands Diakonie-Präsident Ulrich Lilie mit der Mahnung zu Wort: „Wir müssen eine erneute Isolation pflegebedürftiger Menschen unbedingt verhindern – und sie trotzdem gut schützen.“ Auch von Kirchenvertretern war zu hören, man dürfe alte, kranke und sterbende Menschen nicht wieder so allein lassen.

"In jedem Landkreis ist das anders“

Doch unter den geltenden Vorgaben ist das hochkompliziert, beschreibt Lutz-Christian Schröder, der beim Diakoniewerk Kloster Dobbertin für die Altenhilfe zuständig ist. 17 Altenpflegeheime in MV trägt das Werk. „Ein Besuchsverbot für Heime gibt es diesmal nicht, es gilt wie für alle erst mal die Zwei-Haushalte-Regel“, erklärt Schröder. Demnach darf jeder Heimbewohner pro Besuch einen oder mehrere Menschen aus einem Haushalt empfangen.

Eben dafür habe man ja Hygienekonzepte erarbeitet. In der Praxis kann trotzdem ein Verbot kommen. „Das ist vom regionalen Infektionsgeschehen abhängig“, erklärt Schröder. Und davon, was die Landkreise, Gesundheitsämter und Heimaufsichten der Kreise festlegten. „In jedem Landkreis ist das anders.“

Das Pflegeheim Tutow des Diakoniewerks Kloster Dobbertin hatte vom 29. Oktober bis 5. November ein Besuchsverbot verhängt, weil in der Grundschule Jarmen eine Lehrerin positiv getestet war. Ein Mitarbeiter des Pflegeheims hatte Kontakt zu den Kindern dieser Klasse, erklärt Schröder. Darum habe man das Heim geschlossen, bis die Kontakte nachverfolgt seien. „Ein Besuchsstop hätte vermieden werden können, wenn das zuständige Gesundheitsamt unser eingereichtes Testkonzept zur Testung mit den neuen PoC-Antigen-Tests bestätigt hätte.“ Doch leider habe das Amt darauf nicht reagiert.

"Das will niemand noch mal"

Zudem gilt: „Wir hatten in Tutow im April und Mai einen Corona-Ausbruch“, erzählt Schröder – den einzigen unter den 17 Pflegeeinrichtungen. 10 Mitarbeiter und 18 Heimbewohner erkrankten damals, einzelne schwer. Fünf Bewohner starben, „an oder mit Corona“. Die zehn Mitarbeiter sind kuriert. „Aber wir mussten damals fünf Wochen lang getrennte Bereiche für Infizierte und Nicht-Infizierte führen“, die Pflegekräfte an mehreren Tagen hintereinander verlängerte Schichten fahren, erzählt Schröder. „Das will niemand noch mal.“

Esther Schmidt findet es richtig, dass drastische Maßnahmen gegen die Virusverbreitung ergriffen werden, und doch sieht sie auch die andere Seite: dass die Freiheit und Selbstbestimmung Einzelner im Moment dort beschnitten wird, wo die Angst anderer beginnt. „Manche Heimbewohner sagten: ‚Mich hat keiner gefragt, ob ich hier eingesperrt sein will, ich möchte für mich entscheiden, ob ich Covid-19 in Kauf nehme‘“, zitiert sie. Sie selbst hat eine eher gelassene Haltung. „Ich bin mir sehr bewusst, dass wir alle irgendwann sterben müssen“, sagt sie. Viel schlimmer, als an Covid-19 zu sterben, sei es einsam zu sterben.

Schröder aber versichert: „Wenn jemand in der akuten Sterbephase ist, sorgen wir dafür, dass ein Hospizhelfer kommen darf.“ Da finde man individuelle Lösungen. „Natürlich unter erheblichen Schutzmaßnahmen.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 45/2020

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