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Provokateur mit Bergpredigt

Heiner Geißler über die Politikfähigkeit des Evangeliums und das christliche Menschenbild

Heiner Geißler, hier auf dem Kirchentag in Stuttgart 2015, hält die Bergpredigt Jesu für eine taugliche Messlatte für die Politik.
11.06.2017 ǀ   Er gilt als Experte in Sachen Provokation. Heiner Geißler hat als Generalsekretär der CDU politische Gegner und auch Parteifreunde tief verletzt. Auch jetzt im hohen Alter hat er die Lust daran nicht verloren. Leitfaden ist dem Linkskatholiken dabei das Evangelium und hier besonders die Bergpredigt Jesu. Und er findet, dass die Kirchen ebenfalls viel stärker „auf den Putz hauen müssten“. Mit ihm sprach Hartmut Metzger.

Herr Geißler, Sie nehmen immer wieder auf die Bergpredigt Jesu Bezug. Würde Jesus heute noch genau dasselbe sagen, was er damals gesagt hat?

Heiner Geißler: Ja, das würde er heute natürlich genauso sagen: Er hat es gesagt, und das ist maßgebend. Ob Gott existiert, weiß kein Mensch, an Gott kann man nur glauben. Und es gibt an diesem Glauben auch erhebliche und begründete Zweifel. Aber man kann trotz dieser Zweifel Christ sein. Denn zwei Fakten gibt es. Wir wissen, dass Jesus gelebt hat. Und wir wissen, was er gesagt hat. Das ist das Entscheidende.

Leider spielt die Bergpredigt heute im kirchlichen und öffentlichen Leben nur eine untergeordnete Rolle gegenüber dem Gebot der Gottesliebe. Die andere, eigentliche Botschaft der Nächstenliebe, der Bergpredigt, wird abgeschoben in die Caritas und in die Diakonie. Das ist ein ganz schwerer Fehler. In den Ordinarien und Büros der Oberkirchenräte regieren die Betriebswirte.

Müsste die Bergpredigt heute anders formuliert werden?

Nein, Jesus spricht die Menschen an, wie sie sind: in ihrer Armut, ihrem Hunger, ihrer Trauer, ihrer Verfolgung – eben im Elend der Welt. Und in Matthäus 25 hat er erklärt, was das heißt: Wer zu mir gehören will, der muss den Hunger bekämpfen, den Menschen Trinkwasser geben, den Obdachlosen eine Wohnung, Flüchtlinge aufnehmen, den frierenden Kleider geben, Kranke pflegen und Gefangene besuchen.

Moderner geht es nicht. Das ist der Kern der jesuanischen Botschaft. Eine glänzende Botschaft! Es ist eine schwere Verfehlung der maßgeblichen Theologen und Kirchenführer, dies nicht in der heutigen Welt als die Hoffnung für die Menschen zu präsentieren. Das Gedenken an die Reformation darf sich nicht erschöpfen in Reden und Gebeten, Liedern und Musik und in was-weiß-ich-allem. Die Kirchen müssen Widerstand leisten gegen die Mächte dieser Erde. In der Welt des Kapitalismus, der Investmentbanker, einer gigantischen Finanzindustrie mit ihren unchristlichen Leitbildern „Egoismus, Gier, Geld, Geiz, Erfolg, Dividende, Profit, Rang und Titel“ ist Jesus eine totale Provokation und die Verkörperung von Menschlichkeit und Barmherzigkeit.

Die Bergpredigt ist auch der Aufruf zu einer neuen, friedlichen und gerechten Weltordnung. Doch das machen die Kirchen nicht. In einer Welt mit einem täglichen Umsatz von zwei Billionen Dollar an den Börsen müsste endlich eine Börsenumsatzsteuer eingeführt werden. Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck, es haben nur die falschen Leute.

Sie nennen sich einen christlichen Demokraten – was ist das?

Ein christlicher Demokrat ist jemand, der seiner Politik das christliche Menschenbild zugrunde legt. Das bedeutet nicht, dass es christliche Politik gibt. Das Evangelium gibt uns keine Gebrauchsanleitung für politisches Handeln, aber das Evangelium gibt uns ein Bild vom Menschen. Und dieses Bild vom Menschen unterscheidet sich ganz wesentlich von den Menschenbildern anderer Religionen und anderer Ideologien.

Also ist für Sie die Bergpredigt Richtschnur für politisches Handeln?

Selbstverständlich. Das muss sie sein! Ihr Inhalt ist ja klar. Ich, Sie, wir alle sind die Nächsten für die, die in Not sind. Jesus kannte keine Grenzen, auch keine nationalen Grenzen. Diese Pflicht zu helfen, ist global und kann nur erfüllt werden, wenn die Botschaft befolgt wird: Geht hinaus und verkündet das, was ich euch gesagt habe. Nur so können wir die ungerechte Weltordnung verändern.

Sie werfen den Kirchen vor, sich von Jesu Botschaft entfernt zu haben. Wie kam es dazu?

Das ist die Schuld der Theologie. Die Kirchen haben Gottesbilder ermöglicht, die ein Hindernis sind für die Botschaft der Nächstenliebe. Beide Kirchen haben die Botschaft von Jesus spiritualisiert. Es gab nur noch die vertikale Bedeutung, also die Beziehung des Menschen zu Gott. Aber dass das Evangelium von Jesus und die Bergpredigt eine horizontale Dimension haben, auf die Breite und Vielfalt der Menschen und deren Schicksal zielen, ist fast völlig außer Acht geraten.

Warum sind Sie eigentlich nicht evangelisch?

Ich bin nicht evangelisch, weil ich katholisch bin. Ich bin katholisch getauft, warum soll ich evangelisch werden. Jeder intelligente Katholik ist in seinem Inneren immer auch ein Protestant. Ich kann ein guter katholischer Christ sein. Aber ich orientiere mich an der Bergpredigt und nicht an der Glaubenskongregation im Vatikan oder an irgendwelchen Synodenbeschlüssen.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 23/2017