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Große Vielfalt an Klangfarben

Die Schuke-Orgel in der Neubrandenburger Johanniskirche wird 30 Jahre alt

Von Sophie Ludewig

Zwei Generationen Kantoren: Der jetzige Johanniskantor Christian Stähr (l.) und Wolfgang Rosenmüller, der von 1965 bis 2003 als Kantor an der Johanniskirche tätig war und für den Bau der Orgel vor 30 Jahren sorgte.
22.03.2020 ǀ Neubrandenburg.  Gut, 30 ist für eine Orgel nun wirklich noch kein Alter. Aber Feste muss man feiern, wie sie fallen, meinten die Neubrandenburger und wollten am 25. März zu Kaffee und Kuchen in ihre Johanniskirche einladen, um das junge Orgeljubiläum zu begehen. Doch wegen des Corona-Virus fällt die Feier aus. Was nichts daran ändert, dass die Orgel 30 wird.

„Seriös fröhlich“ sollte es beim Orgelgeburtstag am 25. März zugehen, sagt Kantor Christian Stähr. Also mit Kaffee, Kuchen, Luftschlangen – und anspruchsvoller Musik. Dafür hatte er Verstärkung vorgesehen: Der ehemalige Kantor von St. Johannis, Wolfgang Rosenmüller wollte unter anderem ein Stück von Dietrich Buxtehude spielen, das er schon bei der Weihe der Orgel am 25. März 1990 dargeboten hatte. Aber der Corona-Virus lässt den Geburtstag ausfallen. Die Orgel wird trotzdem 30!

Wolfgang Rosenmüller hat eine ganz besondere Beziehung zu der Orgel von St. Johannis, die aus dem damaligen VEB Orgelbau Schuke in Potsdam stammt. Als er 1965 als Kantor nach Neubrandenburg kam, fand er nur eine kleine Orgel vor, welche den Ansprüchen eines echten Musikers nicht genügen konnte. „Ich wollte hier natürlich auch mal große Orgelwerke zur Aufführung bringen, aber das war mit dieser Orgel kaum zu machen. Immer wieder habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass in diese schöne Kirche ein neues Instrument rein muss“, blickt der gebürtige Sachse zurück.

Die um 1300 erbaute Johanniskirche stand in der Vier-Tore-Stadt immer etwas im Schatten der großen Marienkirche, die bis zu ihrer Zerstörung 1945 eine sehr gute Orgel besaß. Dass man in St. Johannis auch mal ein größeres Instrument brauchen würde, war lange Zeit nicht abzusehen, und nach dem Krieg hatten die Gemeindemitglieder erst einmal andere Sorgen als die Anschaffung einer neuen Orgel.

Sehr lange Lieferzeiten für Orgeln in der DDR

Auf Drängen von Kantor Rosenmüller ging die Gemeinde das Projekt Anfang der 1980er-Jahre schließlich doch an. „Ohne die große Unterstützung von Pastor Paul-Friedrich Martins und meiner Frau Ulrike hätte ich das Ganze nicht auf die Beine stellen können“, erklärt Wolfgang Rosenmüller. „Wir haben in dieser Sache alles gemeinsam besprochen und organisiert.“ Wer in der DDR eine Orgel in Auftrag gab, musste allerdings mit sehr langen Lieferzeiten rechnen: „Der Orgelbauer hat uns damals gleich gesagt, dass es bis zum Einbau acht bis zehn Jahre dauern kann“, erzählt Kantor Rosenmüller.

Ein Problem bestand vor allen darin, dass manche Einzelteile in der DDR nicht zu bekommen waren, wie zum Beispiel die Zungenpfeifen oder der Motor. „Da hat uns unsere Partnergemeinde in Hamburg-Bergedorf sehr geholfen und uns die fehlenden Teile beschafft. Dafür bin ich heute noch dankbar“, betont Wolfgang Rosenmüller.

Auch finanziell unterstützten die Hamburger das Projekt. Immerhin fehlten der Gemeinde zu Anfang für das Instrument 150 000 von insgesamt 250 000 Mark. „An Sponsoren war in der DDR ja nicht zu denken“, erinnert sich der frühere Kantor. „Also haben wir alle möglichen Aktionen organisiert, darunter etliche Basare. Dafür wurde in der Gemeinde viel gebacken, gebastelt und zusammengetragen. Auch hatte uns mal ein Künstler seine Werke zum Verkauf zur Verfügung gestellt.“

Nachdem die kleine Sauer-Orgel ausgebaut und in die Nicolaikirche in Röbel gebracht worden war, konnte die neue Schuke-Orgel mit 32 Registern und rund 2200 Pfeifen ihren Platz in der Johanniskirche finden. Wolfgang Rosenmüller spielte bis 2003 hauptberuflich auf ihr, doch auch im Ruhestand lässt ihn „seine“ Orgel nicht los. „Als Musiker kann man ja eigentlich nie aufhören, und so helfe ich gerne aus, wenn die Gemeinde mich braucht“, sagt der 82-Jährige.

"Eine große Bereicherung“

Der jetzige Kantor Christian Stähr schätzt den Austausch mit seinem Vorgänger: „Herr Rosenmüller kennt dieses Instrument wohl wie kein anderer, das ist schon eine große Bereicherung.“

Kantor Stähr kam vor vier Jahren nach Stationen im Rheinland und in Baden-Württemberg nach Neubrandenburg. „Ich bin in der Nähe von Kiel aufgewachsen und da hat es mich schon sehr gefreut, dass ich eine Stelle im Norden bekommen habe. Landschaftlich ist es meiner Heimat hier ja sehr ähnlich.“

Auch mit der Schuke-Orgel ist der 44-Jährige zufrieden: „Sie besitzt eine große Vielfalt an Klangfarben, sodass man nahezu alles auf ihr spielen kann. Und außerdem ist es jetzt das erste Mal in meiner beruflichen Laufbahn, dass für die Orgel, auf der ich spielen soll, kein Förderverein zum Umbau oder zur Sanierung gegründet werden muss. Das ist eine echte Entlastung.“

Begeistert ist Christian Stähr zudem von der Akustik der Johanniskirche. „Der Raum ist wirklich fantastisch. Die Orgel klingt hier super, die Stimmen vom Chor werden richtig getragen und man fühlt sich von allen Seiten vom Klang umgeben. In so einer Umgebung kommen einem die Ideen von ganz alleine.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 12/2020

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