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Von der Sehnsucht nach Heilung

Ökumenischer Gottesdienst am 13. März 2005 in der Nikolaikirche Rostock im Rahmen der Ausstellung: „Was sehen Sie, Frau Lot?“

 

Begrüßung

 

- Von der Sehnsucht nach Heilung

- Wer sehnt sich nicht nach Heil-Sein?

- Nach Heilsein an Leib und Seele?

- Nach einer Partnerschaft, einer Familie, die uns ein gutes Zuhause ist, in der wir uns geborgen wissen, die auch mal einen Streit aushält? Nach guten Freundinnen und Freunden?

- Nach einer Welt voll Lachen und Aufeinander-achten – ohne Krieg und Hunger,

ohne Gewalt.

 

- Wir sind heute zu diesem Gottesdienst zusammengekommen - inmitten in der Ausstellung „Was sehen Sie, Frau Lot?“. Schmerzhaft und unübersehbar wird uns bewusst, wie zerbrechlich, wie leicht zerstörbar „heile“, uns gut tuende Lebensräume sind.

 

- Gestalten wird diesen Gottesdienst eine ökumenische Gruppe von Frauen katholischen, reformierten und evangelisch-lutherischen Glaubens in Zusammenarbeit mit dem Verein „Frauen helfen Frauen“ und dem Evangelischen Frauenwerk. Am Ende des Gottesdienstes bitten wir Sie um eine Kollekte zur Deckung der Unkosten der Ausstellung.

 

Lassen Sie uns diesen Gottesdienst im Namen Gottes feiern, der Liebe, die uns trägt. Im Namen Jesu Christi, der Hoffnung, die in allem Leid lebendig bleibt. Und im Namen des Heiligen Geistes, der Kraft, die uns immer wieder nahe sein will, die uns anrührt und uns stärkt.

 

 

Predigt

 

Zur Salzsäule ist sie erstarrt – Frau Lot - als sie sich umgeschaut hat. Starr, kalt, leblos – sie hat das Grauen nicht aushalten können, das sie da erblickte. Die Stadt, in der sie lange Jahre mit ihrer Familie gelebt hatte, brennt lichterloh. Und: der Mann, der ihr einst soviel bedeutete, hatte seine Töchter zur Massenvergewaltigung angeboten. Das war nicht zu ertragen!

 

Selber schuld!? War Lot nicht gesagt worden: „Blick nicht hinter dich und bleib nicht stehen in der ganzen Ebene.“? Aber, an Lot war dieses Verbot gegangen, nicht an seine Frau und an seine Kinder. Waren sie mitgemeint? Ja, wusste seine Frau überhaupt davon?

 

Und was wäre gewesen, hätte sie sich nicht umgeschaut? Kann eine Familie wie die von Frau Lot und ihrem Mann sich aus solchen Verhältnissen lösen, ohne sich umzudrehen, ohne noch einmal auf das zu schauen, was war?

Unsere Familien und Partnerschaften, unsere Freundeskreise sind Orte, von denen wir uns so sehr wünschen, dass sie uns ein Zuhause sind, dass sie uns Geborgenheit und Halt geben. Deshalb ist es ist schwer, unendlich schwer auszuhalten, wenn gerade hier Macht missbraucht wird, Gewalt geschieht, wenn Grenzen überschritten werden. Was, wenn wir da hinschauen? Wir ahnen, dass es dann vielleicht nicht so weitergehen kann wie bisher, dass Veränderungen anstehen, vielleicht sogar Trennungen? Wollen, ja können wir das? Reicht unsere Kraft dafür? Oder besteht dann nicht auch für uns die Gefahr,

dass wir zur Salzsäule erstarren, wenn wir genau hinschauen; wie einst Frau Lot?

 

Bei der Vorbereitung zum Gottesdienst hatte eine der Frauen die wunderbare Idee, der Geschichte von Frau Lot ein anderes Ende zu geben. Wir möchten Sie nun daran teilhaben lassen. Unsere Geschichte – eine Pantomime nach Musik aus der Matthäus-Passion - beginnt an der Stelle, als die Familie auf ihrer Flucht durch die Ebene zieht, von der man auf die brennenden Stadt Sodom zurückschauen kann. Lot ist der Familie vorausgeeilt. Deshalb erleben wir nur Frau Lot und ihre Töchter:

 

PANTOMIME:

- Frau Lot und zwei Töchter gehen langsam in die Mitte des Raumes, bedrückt, mit gesenkten Köpfen

- Frau Lot bleibt in der Mitte stehen

- Töchter gehen weiter, bleiben stehen am Ende des Altars, Blick nach unten in Wegrichtung

- Nachdem Töchter stehen geblieben sind, dreht sich Frau Lot zur „brennenden Stadt“, erstarrt

- Steht ca. 1 min, dann kommen zwei Frauen und halten das Tuch zwischen Frau Lot und die Leinwand

- Frau Lot kann sich bewegen, dreht sich um

- Die Frauen legen das Tuch über Schultern von Frau Lot. Die Töchter drehen Kopf ganz leicht zur Mutter

- Frau Lot schaut sich um und erblickt ihre Töchter, geht auf sie zu, legt ihre Hände auf deren Schultern

- Holt grüne Tücher aus ihrer Jacke, legt sie Töchtern um die Schultern

- Frau Lot und Töchter bleiben zur Gemeinde gewandt stehen

 

 

Die Geschichte von Frau Lot. Und zwei sehr unterschiedliche Enden. Das heilsame Ende in unserer Pantomime, und das biblische, uns bekannte Ende – Frau Lot erstarrt zur Salzsäule. Ein Ende, dass sehr nachvollziehbar ist, wenn wir uns vorstellen, was Frau Lot mit ansehen musste.

 

Wie gehen wir um mit solch unermesslichem Leid? Leid, das gerade in unserer christlichen Tradition allzu leicht – oder absichtsvoll? - mit Strafe Gottes gleichgesetzt wurde und wird! Und damit die Opfer zu Schuldigen werden. In einem Exponat dieser Ausstellung von Renate Bühn, das im Altarraum zu sehen ist, heißt es dazu: „Der Vater saß sonntags in der Kirche in der ersten Reihe, während Hildegard sich schämte, in der allerletzten Reihe zu stehen. Sie glaubte, sie habe kein Recht dazu, weil sie sich als Hure fühlte.“

Es ist nicht wahr, dass Gott solches Leid will!

 

 

Tochter 1: (nach Carola Moosbach)

Gott will nicht, dass wir leiden.

Leiden ist nicht von Gott verhängt, nicht von Gott gewollt,

Leiden ist Leiden und nichts daneben.

Keine göttliche Prüfung für Menschengehorsam.

 

Wer irgendeinen höheren Sinn in das Leiden hineinkonstruiert,

weicht dem vollen Schmerz, dem wirklichen Schrei nur aus.

Bei sich selbst und anderen.

Und dieses Ausweichen hat Folgen.

Es ist der sicherste Weg für immer ohnmächtig

im dumpfen Leiden gefangen zu sein.

 

Nicht eine Sekunde glaube ich daran,

dass Gott die schrecklichen Erlebnisse meiner Kindheit für mich gewollt hat.

Gott wollte mich als fröhliches, glückliches Kind,

nicht als vergewaltigtes, misshandeltes Opfer.

Es heißt, Gott ist stärker als alles Leid dieser Welt;

und trotzdem kann er es nicht verhindern.

Das verstehe, wer will oder kann.

Ich verstehe es nicht.

Aber es ist das, was ich erlebe.

 

Ich frage mich: Ist Heilung möglich?

 

 

Wie gehen wir um mit Leben-zerstörenden Verletzungen? Mit Verletzungen, die Kinder um eine unbeschwerte Kindheit bringen, die verhindern, dass sie ihre Väter, ihre Eltern als gute Freunde erleben können, die sie auf ihrem Weg begleiten und für sie da sind, wenn sie sie brauchen. Statt dessen müssen sie auf der Hut sein, immer angstvoll einer nächsten Grenzüberschreitung ausgeliefert. Wo ist da Gott?

 

Tochter 2:

Gott, lass mich spüren, dass du da bist.

Erhöre mein Flehen, denn ich habe Angst

und fühle mich zerrissen

an meinem Leib und an meiner Seele.

 

Die Sicherheit meiner Kindheit ging verloren –

Es gibt keine Geborgenheit und kein Zuhause mehr.

Fliehen möchte ich und mich unsichtbar machen,

denn mein Leben ist zerstört – wem kann ich noch trauen?

 

Mein eigener Vater tat mir Gewalt an.

Hinterlistig wurde mein Vertrauen missbraucht

Und meine Verletztheit unbeachtet gelassen.

 

Du aber, Gott, wirst ihn bestrafen.

Gewalttätige kommen nicht ungeschoren davon.

Ich will auf dich vertrauen, Gott.

Richte mich wieder auf!

 

 

Soweit zur Geschichte von Frau Lot, wie wir sie aus der Bibel kennen. Die Geschichte einer Frau, der die Kraft fehlt, dem Grauen etwas entgegenzusetzen. Die selber zu schwer zu tragen hat. Der vielleicht selbst Gewalt angetan wurde? Sie kann sich nicht befreien aus dem Teufelskreis von Gewalt und Ohnmacht - und noch viel weniger ihre Kinder.

 

Ganz anders das Ende in unserer Pantomime. Hilfe von außen hat Frau Lot die Kraft gegeben, den Blick von dem grauenvollen Anblick zu lösen. Das große grüne Tuch hüllt sie ein, schützt sie. Nun kann sie sich aus ihrer Erstarrung lösen. Sich bewegen, wieder frei atmen, handlungsfähig werden. Erst für sich in ihren Lebensbezügen. Und später auch für ihre Kinder. Nun hat sie genug Wärme und Kraft und kann ihren Töchter davon abgeben.

 

Die Geschichte von Frau Lot. Und zwei sehr unterschiedliche Enden. Was erleben Betroffene? Manche finden Aus-Wege aus ihren traumatischen Erfahrungen. Sie treffen auf Menschen, die ihnen zuhören, ihnen zur Seite stehen, in Freundeskreisen, in der Familie, in Beratungsstellen, sie finden Kraft im Gespräch mit Gott. In der Tanzperformance am Freitag hier in der Nikolaikirche stellte Heide Marie Voigt eine solche Frau dar. Trotz ihrer frühen Verletzungen konnte sie wieder offen werden für den Fluss des Lebens, konnte heilen, was beschädigt war. Andere kommen nicht hinweg über ihre schlimmen Erfahrungen. Die Kraft reicht nicht, manchmal auch nicht zum Weiterleben.

Oft ist beides da: Heil gewordenes und schmerzende Erinnerungen. Wie bei Carola Moosbach. Als Kind wurde sie von ihrem Vater missbraucht. Heute ist sie eine Frau in den fünfzigern. Wir hören einen Text von ihr:

 

Frau Lot: (nach Carola Moosbach)

Gott hat die Macht, aus der vollen Wucht meines Schmerzes

etwas Neues entstehen zu lassen.

Auch die schrecklichste Erfahrung konnte mich nicht endgültig vernichten.

Gott umschließt meine Wunden mit einer gewaltigen Liebe.

Gott handelt auch durch Menschen, die er mir zur Seite stellt.

Sie begleiten mich und geben mir Halt, wo meine Kraft nicht reicht.

Manche meiner Wunden heilen durch Gottes Berührung – nicht alle.

Die anderen brechen an manchen Tagen wieder auf,

und es tut weh.

Dann stelle ich mir vor,

wie Gott mit unendlicher Sanftheit in meine Seele hineinpustet,

und mich auf diese Weise zu trösten versucht.

Danach tut es immer noch weh, aber anders.

 

Gott, du schüttest Deinen Segen aus über den Verletzten,

so wie du es versprochen hast.

mit zärtlichem Atem webst Du mir Heilfäden in die Seele.

Aus Deiner umfassenden Liebe schöpfe ich neue Würde und Kraft.

 

Amen

 

Fürbitten:

Gütiger, dem Leben zugewandter Gott,

mit Erschrecken sehen wir, dass Familien nicht nur Orte der Geborgenheit und des Vertrauens, sondern oft Orte der Gewalt sind.

Gott wir bitten dich, gib uns Mut, klar hinzuschauen und hinzuhören, wo sich Ungerechtigkeit, Gewalt und Leid ausbreiten.

Hilf uns, dass wir uns nicht abwenden, sondern Wege finden helfen,

wo Gewalt als Privatangelegenheit vertuscht wird.

Wir rufen zu dir:

 

Gott, du Quelle ungeahnter Möglichkeiten,

wunderbar hast Du uns geschaffen,

kostbar, einzigartig, unverwechselbar – als Frau, als Mann.

Wir bitten Dich für alle, die an Leib und Seele verletzt sind,

sei Du bei Ihnen und gib ihnen Menschen an die Seite,

die ihnen in ihrer Not und Verzweiflung beistehen.

Wir rufen zu dir:

 

Wir bitten wir Dich für die Mädchen und Jungen,

deren Körper zerbrochen sind,

weil Erwachsene ihre Grenzen nicht respektiert haben.

Lass sie heil werden und ihre Würde zurückgewinnen.

Wir rufen zu dir:

 

Gott, Du kennst die Täter, die die Würde ihnen anvertrauter Menschen mit Füßen treten.

Lass sie begreifen, wie unendlich groß das Leid ist, das sie ihren Opfer zufügen.

Gib du ihnen Einsicht in das Unrecht ihres Tuns.

Wir rufen zu dir:

 

Gott, wir leben in einer Stadt, in der Menschenhandel ein lukratives Geschäft geworden ist, in der es zahlreiche sogenannte Model-Wohnungen gibt.

Gott, wir bitten wir Dich für alle Frauen, die aus ihrer Heimat gelockt

und die gezwungen werden, ihren Körper zu vermarkten:

Gib ihnen Kraft, Mut und Menschen,

die ihnen helfen, ihre Fesseln zu zerreißen.

Lass alle gesellschaftlichen Kräfte sensibel und mobil werden,

gegen diese Unrecht vorzugehen.

Wir rufen zu dir:

 

Gütiger, dem Leben zugewandter Gott,

Gib, dass wir in der uns geschenkten Würde miteinander umgehen

und sei bei uns, wenn wir uns für ein gewaltfreies Miteinander einsetzen.

Schenke uns Träume und Visionen für ein würdevolles Leben

in unseren Familien und unserer Gesellschaft.

Amen

 

 

Vater Unser

 

An dieser Stelle beten wir traditionell das Vaterunser. Von Gewaltopfern wissen wir, dass es für sie oftmals nicht stimmt ist zu sagen: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ Schuld zu vergeben ist nur möglich, wenn der Täter auch die Verantwortung für sein schlimmes Tun übernimmt. Das ist oft nicht der Fall.

 

Kein Vaterunser

möchte ich sprechen

und auch nicht vergeben

den Schuldigern

 

Ach käme doch endlich

Dein Reich Gott

geschähe doch endlich Dein Wille

und nicht der meines Vaters

das Kind das gequälte

das ich einmal war

braucht Deinen Schrei

und braucht Deinen Zorn

wie das tägliche Brot

das Brot der Gerechtigkeit

 

bewahre mich Gott

vor der Scham

der täglichen Schweigeversuchung

schütze mich Gott

vor dem Aufgeben

dem Sterben im Leben

 

Du bist das Ende

der Ohnmacht

der Grund

meiner Hoffnung

ein Windhauch

des Glücks

 

(Carola Moosbach)

 

 

 

Hanna Gabriel, Evelyn Hohenstein-Kruse, Frauke Lietz, Lieselotte Vollmar

 


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