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Interview über die veränderte Gemeinde

Propst Daniel Havemann: "Gottvertrauen wieder lernen"

Propst Daniel Havemann
26.09.2015 ǀ Bad Segeberg.  Vor welchen Herausforderungen stehen Kirchengemeinden? Welchen Unterschied gibt es zwischen Ost und West? Und was können beide Seiten voneinander lernen? Daniel Havemann, Propst im Kirchenkreis Plön-Segeberg, spricht im Interview über die Rolle und die Entwicklung von Kirchengemeinden. Und was er sich für die Zukunft erhofft.

Sie waren bis 2013 Pastor in der Mecklenburger Gemeinde Jördenstorf, eine Zeit lang auch Propst der Propstei Teterow. Was war Ihre Vorstellung von Gemeindearbeit, bevor Sie Propst in Bad Segeberg wurden?

Daniel Havemann: Mir war wichtig, dass viele mitdenken, mit glauben und mit anfassen. Dass Teams von Ehrenamtlichen Gottesdienste und Aktivitäten tragen. Dass Gemeinde mit dem, was sie tut, Salz und Licht für die Gesellschaft ist. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Annähernd 130 000 Mitglieder zählt der Kirchenkreis Plön- Segeberg. Was erwarten diese Menschen von der Kirche und der Gemeinde vor Ort? Was ist anders als in der Mitte von Mecklenburg-Vorpommern?

Kasualien und Konfirmandenunterricht spielen hier im Kirchenkreis Plön-Segeberg eine viel größere Rolle. Möglicherweise sind auch die Ansprüche an die Amtshandlungen höher. Vieles ist aber auch gleich: Die Gemeindeglieder wollen, dass ihre Kirche für sie da ist, wenn sie sie brauchen. Sie wollen, dass sich ihre Kirche für Bedürftige einsetzt und für die Schwachen stark macht. Manche müssen erinnert werden, dass sie selbst Teil dieser Kirche sind.

Wie ist der Kirchenkreis mit seinen Gemeinden darauf eingestellt? Was ist gut entwickelt, was muss sich verändern?

Auf viele traditionelle Bedürfnisse der Gemeindeglieder sind die Gemeinden gut eingestellt. Aber die Gesellschaft und ihre Bedürfnisse differenzieren sich immer mehr aus. Was sind unsere Antworten? Wie sieht zum Beispiel Lebensbegleitung jenseits der Kasualien aus? Wie begegnen wir der tiefen Krise des Sonntagsgottesdienstes? Wie schaffen wir es, unserer vernetzten, leiblich und multioptional geprägten „Generation Y“ christlichen Glauben im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen?

Welche Rolle haben dabei übergemeindliche Einrichtungen?

Ich bin beeindruckt von der guten Arbeit wie zum Beispiel in Diakonie und Familienbildung. Eine zentrale Aufgabe aber bleibt, die Arbeit von Diensten und Werken mit der der Kirchengemeinden zu verzahnen. Diakonische Verantwortung kann nicht einfach delegiert werden. Das erleben wir gerade in der Flüchtlingsfrage. Wo Kirchengemeinden und übergemeindliche Einrichtungen zusammenarbeiten, da entfalten beide ihre Kraft.

Was sind die Unterschiede zwischen den Gemeinden in Ost und West, zum Beispiel in Bezug auf das Miteinander von Kirche und Gesellschaft?


Mitgliederzahlen und Ressourcen divergieren extrem, sind extrem unterschiedlich. Einzelne große Gemeinden unseres Kirchenkreises haben mehr Mitglieder als manche Kirchenregion in Mecklenburg-Vorpommern mit 15 oder 20 Gemeinden. Kirche ist hier gesellschaftlich natürlich auch anders respektiert und gefragt. Andererseits ist sie auch anders angefragt und manchmal angefeindet. Zeitungen beispielsweise können hier bisweilen wesentlich kirchenkritischer auftreten, als ich es in Mecklenburg-Vorpommern erlebt habe. In jedem Fall dürfen Zahlen und gesellschaftliche Akzeptanz nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch hier die Säkularisierung längst mit ganzer Wucht angekommen ist.

Was sind die gemeinsamen Herausforderungen? Was können Gemeinden in Ost und West voneinander lernen?

Kirchengemeinden im Osten der Landeskirche können vielleicht Mut fassen, mit ihrer Arbeit stärker in die Mitte der Gesellschaft zu gehen. Gemeinden hier können sich dort die Zuversicht holen, dass sich auch mit kleineren Ressourcen gute Arbeit machen lässt. Oder schauen, welche Schätze in kirchengemeindlicher Zusammenarbeit liegen. Und beide können sich erinnern lassen, dass christliche Kirche immer bekennende Kirche ist.

Im Westen scheinen die personellen Ressourcen größer zu sein als im Osten. Fällt es da leichter zu sparen?


Nein. Das Geld liegt ja auch hier nicht in den Schubladen, sondern ist an Projekte und Stellen gebunden. Sparen heißt auch hier, Stellen und Arbeitsbereiche zu kürzen oder einzusparen. Deshalb bin ich sehr dankbar für die Finanzmittel, die die Kirchengemeinden und Kirchenkreise Nordelbiens bereit waren, im Zusammenhang der landeskirchlichen Fusion in unsere östlichen Kirchenkreise zu transferieren. Die finanzielle Delle vor etwa zehn Jahren war in Nordelbien eine quasi traumatische Erfahrung. Vielleicht ist das Sparen hier sogar schwieriger, weil das Sparen-Müssen weniger geübt ist. Weil die Zuversicht fehlt, dass es auch mit weniger Mitteln gut weitergehen kann. Zum Glück ist der finanzielle Druck derzeit nicht so groß. Aber jeder weiß im Grunde seines Herzens, dass sich das eines Tages ändern wird.

Was ist für Sie in Ihrem Verantwortungsgebiet die Gemeinde der Zukunft?

Eine Gemeinde, in der viele mitdenken, mit glauben und mit anfassen. Eine Gemeinde, die regional zusammenarbeitet, die Schwerpunkte setzt und flexibel auf neue Anforderungen reagiert. Die fahren lässt, was seine Zeit gehabt hat, und sich frei macht für neue Aufgaben. Die mutig ihren Glauben lebt und zeigt. Die Gemeinde der Zukunft wird Gottvertrauen lernen müssen. Dies kann ihr die Gelassenheit schenken, die sie in Zeiten des Wandels brauchen wird. Und die Gesellschaft auch. 
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 39/2015

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