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Frauen in der Bibel. Auftakt zur Serie am Ewigkeitssonntag: Die zehn Jungfrauen

Draußen vor der Tür?

Von Carsten Splitt

Lange Gesichter bei den fünf törichten Jungfrauen: Der Bräutigam hatte nur die fünf klugen Frauen, die ausreichend Lampenöl mitgenommen hatten, in den Festsaal eingelassen. Das Gleichnis gehört zu den klassischen Predigttexten für den Ewigkeitssonntag.
24.11.2013 ǀ Schwerin/Hamburg.  Ewigkeitssonntag auf evangelisch: In den Gottesdiensten werden die Namen der im Kirchenjahr Verstorbenen verlesen. Der 90. Psalm führt uns die eigene Begrenztheit vor Augen: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Der Gesang klingt getragen, aber getrost: „Wachet auf ruft uns die Stimme“. Ein Text, der nachhallt. „Wir folgen all zum Freudensaal, und halten mit das Abendmahl.“ Wozu aber der Ruf an die klugen Jungfrauen: „Wohlauf, der Bräut’gam kommt?“

Die entsprechende Bibelstellte, alle sechs Jahre wieder Predigttext am letzten Sonntag des Kirchenjahres, trifft Trostbedürftige wie ein Schlag ins Gesicht. So gar nicht gnädig ist das Gleichnis von den zehn Jungfrauen aus Matthäus 25. Kein aufmunterndes „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“. Kein Hohelied auf die allumfassende Gnade und auch kein liebes Jesulein, das am Ende die Tränen trocknet. Stattdessen eine verschlossene Tür und davor ein unbarmherziger Bräutigam. Lange hatte er die zehn Frauen, die ihm entgegenfieberten, warten lassen. So lange, dass fünf der Frauen das Lampenöl ausging. Aus die Maus. Denn an einen Nachfüllpack hatten sie, anders als ihre fünf Mitbewerberinnen, schlicht nicht gedacht. Und abgeben wollten die so ganz und gar nicht.

Wer nun hoffte, der liebevolle Bräutigam hätte ein Einsehen und nähme sich dennoch aller zehn Frauen an oder würde gar die abstrafen, die nicht teilen wollten, wird enttäuscht. Schwer fällt die Tür des Hochzeitssaales hinter den fünf klugen Frauen ins Schloss. Für die fünf ohne Lampenschein bleibt nur die Dunkelheit und der gute Rat des Bräutigams: „Ich sage euch: Ich kenne euch nicht. Seid also wachsam! Denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“

Totensonntag. Die Tür ist zu. War das jetzt gerecht? Und was heißt das in Bezug auf die Ewigkeit? Stehen wir auch irgendwann vor verschlossener Tür? Diese Fragen zu beantworten, stellt jede Predigerin und jeden Prediger vor eine echte Herausforderung. „Liebe Gemeinde, ich habe immer einen großen Bogen um dieses Gleichnis gemacht“, bekannte vor wenigen Jahren eine Pastorin vor ihrer niedersächsischen Gemeinde freimütig: „Es war mir zu hoch und zu schwer. Ich fand die Liebe Gottes so gar nicht darin wieder. Verschließt Gott Türen und sagt: Ich kenne Euch nicht?“

Zwar kommt sie für sich zu einem anderen Ergebnis, es sei aber möglich, dass einem der Glaube an den „lieben Gott“ vergehen könne, gesteht sie der Gemeinde zu. Die Leiterin des Zentrums für evangelische Predigtkultur, Kathrin Oxen, bleibt hingegen nicht vor der verschlossenen Tür stehen: „Wenn die Tür ins Schloss fällt, stehen wir drinnen“, verspricht sie in der Bibelauslegung. (Ausgabe Nr. 47, Seite 3).

Also doch „Ende gut alles gut?“ Im Blick auf die Ewigkeit mag das so gelten: „Des jauchzen wir und singen dir das Halleluja für und für“, schließt das zitierte Kirchenlied von Pilipp Nicolai hoffnungsfroh. Über dieses himmlische Halleluja das „Seid wachsam“ des Bräutigams zu überhören, wäre jedoch allzu voreilig. Wo werden in unserem Alltag Menschen ausgegrenzt? Wo tragen wir selbst dazu bei? Wo sind wir unbarmherzig gegen andere? Wo haben wir die Solidarität aus den Augen verloren? Wo richten Menschen über andere, die ihnen eigentlich anvertraut sind? Diese Wachsamkeit wollen die „Mecklenburgische & Pommersche Kirchenzeitung“ und die „Evangelische Zeitung“ mit in das neue Kirchenjahr nehmen.

In den vergangenen Wochen und Monaten haben wir uns darauf vorbereitet, dabei einmal ganz bewusst die Perspektive der Frauen einzunehmen. Was dabei herausgekommen ist, lesen Sie in den kommenden Ausgaben Ihres evangelischen Wochenblattes. Die zehn Jungfrauen bringen uns auf den Weg, die immer noch tiefen Lücken der Geschlechtergerechtigkeit aufzudecken. Das „Wachet auf ruft uns die Stimme“, gilt nicht den Jungfrauen, es gilt der ganzen noch immer männlich dominierten Gesellschaft.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 47/2013