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Landpastor Matthias Jehsert über den Weg hin zu Ostern und das Alleinsein

Glaube, Gott und Quarantäne

von Matthias Jehsert

Das Dorf Hohenselchow als Weltkugel: eine etwas augenzwinkernde Fotomontage. Nicht nur zu Corona-Zeiten sind die Straßen hier leer.
05.04.2020 ǀ Retzin.  Klein und unsichtbar ist es, das Coronavirus, und doch riesig und durchschlagend in seiner Wirkung. Fähig, unser Zusammenleben neu zu bestimmen. In der Stadt anders als auf dem Land? Matthias Jehsert ist Pastor in einem der abgeschiedensten Landstriche unserer Kirchenkreise, in der Randowregion. „Wir sind das Alleinsein gewohnt“, sagt er. Doch etwas ist anders.

Bibelwoche 2018: Das Hohelied der Liebe. In unseren Gemeinden zwischen Löcknitz und Penkun, Retzin, Hohenselchow und Blumberg bestaunen wir Neuigkeiten: ein „Einsamkeitsministerium“ in London, den Verkaufsschlager „Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit“ von Manfred Spitzer. Wir haben Spaß mit der Liebeslyrik und freuen uns an der uralten Einsicht: Mensch wirst du nur in Gemeinschaft.

Frühling 2020: „Social Distancing“ wird mein Kandidat für das Unwort des Jahres. Wer erfindet so hässliche Wörter für eine Virus-Pandemie? „Kontaktsperre“ ist nicht viel besser, aber zumindest deutlich. Die Regel, keine Hände zu schütteln, trifft uns zuerst Anfang März beim Klausurkonvent in Ratzeburg. Zwei Wochen später ist das öffentliche Leben erloschen. Für uns Provinzler weniger offensichtlich: Cafés gibt’s sowieso nicht, und auch sonst sieht man draußen oft tagelang keinen Menschen. Es sei denn, es schneit, oder das Laub füllt den Rinnstein. Wer hier lebt, ist es gewohnt, viel für sich zu sein. Anderswo lernen sie das jetzt.

Für-sich-Sein: Ist es der Traum vom Paradies? Selbsterschaffung, ohne das Gespenst „Kollektiv“? Nein. Quarantäne ist eine Karikatur, selbst für gestandene Individualisten. Ich denke an das Passionswort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein“ (Johannes 12, 24). Alleinsein ist kein Lebenszweck, sondern Gemeinschaft! Die biblischen Verheißungen von Schalom und Gottesherrschaft öffnen uns füreinander. In uns selbst rückverkrümmt sind wir durch üble Mächte.

"Das Paradies ist nicht menschenleer“

Das Christentum hat eine Tradition des Für-sich-Seins. In den Geschichten stehen Propheten oft allein gegen die öffentliche Meinung. Jesus zieht sich zurück auf den Berg, ins Gebet; er stirbt nahezu verlassen. Wüstenväter und Eremiten prägten das Geistliche in Ost und West für Jahrhunderte. In Klöstern und Orden besinnt sich die Seele auf ihr Selbst und auf die persönliche Gottesbeziehung. Die Mystik bleibt ein unerschöpflicher Quell für spirituelle Bilder und Ausdrücke. Wir Protestanten brachten es gar zu einer Art Heils-Individualismus: „Wie komme ich in den Himmel?“

Seelsorge und Verkündigung gelten jedem einzeln. Ernst Lange sah in seinen Spandauer Studien schon vor 40 Jahren eine individualisierte Kirche heraufdämmern: jedem seine Gottesdienstform; jeder ihr Segensformular; jedem sein Musikstil; jeder die Schriftauslegung, die ihrer Lebensgeschichte entspricht.

Das Paradies ist aber nicht menschenleer und weit wie Vorpommern und die Uckermark. Vereinzelung ist nicht menschlich, auch wenn Konflikte so scheinbar weniger werden. Wir sind keine Monaden, die in sich und um sich selbst kreisen und nur zufällige Eindrücke von uns in anderen hinterlassen. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“, so klingt die Geschichte der Genesis (1. Mose 2, 18). In Partnerschaft entspricht der Mensch sich selbst und entspricht er Gott. Intimität und Fortpflanzung bilden das Grundgerüst vertrauensvollen Miteinanders, die Grundlage für Frieden und Unversehrtheit. So wird Eigentum und Recht ermöglicht, Gesellschaft mithin. Vertrauen wurzelt im Glauben, im Heilighalten des Gottvertrauens. Mancher Philosoph der Antike sagte: Vollkommen sei, was aus sich selbst bestehen könne und auf nichts Anderes angewiesen sei. Diesem Ideal setzt das Christentum eine Lehre entgegen, in der Gott in sich selbst Entsprechungen hat und sich auf sich selbst beziehen kann. In denen Gott sich verlassen kann auf seine Schöpfung. Großartig!

Ich blicke aus dem Fenster. Menschenleer die Straßen und Felder. Jeder bleibt für sich. Ich sehe auf das Kreuz Jesu, das die Erde immer noch so massenhaft schändet. Ich denke an das Weizenkorn, das erstirbt, damit es nicht allein bleibt. Ich denke an Menschen, die sich aufopfern für das Leben anderer, für die Gemeinschaft. Ich sehe uns zueinanderfinden voll Hoffnung.

Feiern wir Ostern!
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 14/2020

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