Nach oben

Evangelisch-Lutherischer Kirchenkreis Mecklenburg

Geschichte

Am 5. Februar 2008 wurde im Ratzeburger Dom der Nordkirchen-Fusionsvertrag unterzeichnet.
Der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Mecklenburg (ELKM), der das Territorium der früheren Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs (ELLM) umfasst, kann auf eine lange und wechselvolle Geschichte zurückblicken.
 
Die Anfänge
 
Nach dem Sieg Heinrich des Löwen 1160 über die Obotriten und nach der Verlegung des gleichfalls 1160 wiederbegründeten Bistums Mecklenburg nach Schwerin (zwischen 1160 und 1170) begann seit der Mitte des 12. Jahrhunderts die Christianisierung Mecklenburgs. Erster Bischof von Schwerin wurde 1166 der Zisterzienser Mönch Berno (gestorben 1191). 1171 wurde der erste Schweriner Dom geweiht. 1168 ist das Gründungsdatum des Zisterzienserklosters Bad Doberan, dem das berühmte Münster zu verdanken ist (geweiht 1368). Um 1500 lebten in Mecklenburg 1800 Pfarrer und Vikare und 500 Mönche bei 130.000 Einwohnern. Es gab damals eine opferbereite Frömmigkeit im Lande und rege Wallfahrten zur Verehrung des „Heiligen Blutes“ in Schwerin, Güstrow, Sternberg, Doberan und Krakow.
 
Die Anfänge der Reformation in Mecklenburg sind in der Hansestadt Rostock zu suchen. Hier predigte Joachim Slüter bereits um 1523 nach evangelischer Lehre. Erst 1549 beschloss der damalige Landtag die Einführung der Reformation für ganz Mecklenburg. 1552 wurde die lutherische Kirchenordnung eingeführt, die mit leichten Veränderungen bis zum Beschluss über die neue Verfassung im Jahr 1922 galt. Im 19. Jahrhundert festigte sich die Landeskirche vor allem durch das Wirken von Oberkirchenrat Theodor Kliefoth. Er sorgte von einem konservativen Luthertum aus für die Prägung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs in liturgischer und struktureller Hinsicht.
 
Nach der Trennung von Staat und Kirche durch die Weimarer Reichsverfassung gaben sich 1920 Mecklenburg-Strelitz und 1922 Mecklenburg-Schwerin eine eigene Kirchenverfassung. Diese Kirchenverfassung wurde von 1971 an durch verschiedene Ordnungen im Verfassungsrang abgelöst, ein Beispiel ist die Kirchgemeindeordnung.
 
Die Kirche heute
 
In Mecklenburg-Vorpommern gehören rund 80 Prozent der Bevölkerung keiner Konfession an. Viele Menschen kennen Glauben und Kirche bereits seit zwei bis drei Generationen nicht mehr. Der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Mecklenburg (ELKM) hat rund 177.000 Gemeindeglieder, das sind in dem dünn besiedelten Bundesland mit knapp 1,7 Millionen Einwohnern 16 Prozent evangelische Christen. Die Zahl der Taufen liegt konstant bei zirka 1400 im Jahr. Durchschnittlich 20 Prozent der Getauften eines Jahres sind Erwachsene.
Knapp 5 Prozent der Bevölkerung in MV sind Katholiken, 2 Prozent sind Mitglieder von Freikirchen. Andere Religionen wie der Islam spielen im Lande kaum eine Rolle.
 
Im Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg sind rund 230 Pastorinnen und Pastoren, davon rund 220 in den 255 Kirchengemeinden, und rund 900 Mitarbeitende tätig. Auf dem Lande sind sie oft für geografisch große Gebiete zuständig. Zu einer Kirchgemeinde können durchaus 30 Ortschaften mit vier, acht oder mehr Kirchen gehören. Hintergrund ist in der Regel, dass aus früher zwei, drei oder vier Kirchgemeinden heute eine Kirchgemeinde oder ein Kirchgemeindeverband geworden ist.
 
Die Zahl an Pfarrstellen in Mecklenburg ist seit 2004 konstant geblieben, weil die Kirche stets in der Fläche präsent bleiben möchte. Der Rückgang von 292 Stellen im Jahre 1993 auf aktuell rund 190 Gemeindepfarrstellen ging mit einem Zusammengehen von kleinen Kirchengemeinden zur größeren Strukturen einher und hatte ebenso mit einer nötigen Anpassung der Stellenplanung inklusive der Verwaltung an die Mitgliederzahlen zu tun.
 
Kirchliche Arbeit
 
Durch den demografischen Wandel werden die Bereiche, die betreut werden größer. Deshalb gibt es seit Jahren in Mecklenburg das Konzept der „Gemeinschaft der Dienste“, in dem die Pastorin oder der Pastor mit Gemeindepädagogen, Kirchenmusiker, Küster eng zusammenarbeitet. Die Kirche biete Fortbildungen an, damit die Mitarbeiterschaft lernt, mit den Herausforderungen und Stress umzugehen.
 
Kirchliche Arbeit hat sich in Mecklenburg so gesehen in den vergangenen Jahren stark verändert. Neben Kirchengemeinden, in denen es regelmäßig liebevoll und abwechslungsreich gestaltete Gottesdienste gibt, kann in manchen Kirchen nur in größeren Abständen Gottesdienst gefeiert werden. Aber es gibt neue Schwerpunkte kirchlicher Arbeit, die der Lebenssituation der Menschen zu entsprechen versuchen. So ist es an vielen Orten inzwischen eine Tradition, zu Taufseminaren und Konfirmandenkursen für Erwachsene einzuladen.
 
Religionsunterricht und Christenlehre
 
Die Einführung des Religionsunterrichtes an den Schulen des Bundeslandes in den Jahren nach der friedlichen Revolution hat eine kaum zu überschätzende Bedeutung.
Weil es auch heute noch nicht genügend Religionslehrer gibt, kann der Religionsunterricht noch immer nicht flächendeckend angeboten werden. Aber wo er stattfindet, nehmen immer auch ungetaufte Kinder an ihm teil. Sie erfahren hier von dem Glauben, den sie meist von Hause aus nicht kennen.
 
Neben dem Religionsunterricht ist die Christenlehre weiterhin ein Angebot für Kinder im Alter vor der Konfirmandenzeit geblieben. Sie entstand Ende der 40er-Jahre des 20. Jahrhunderts, als in der DDR der Religionsunterricht an den Schulen abgeschafft wurde. Sie ist kirchliche Bildung für die Kinder der Schulklassen 1 bis 6, die in kirchlichen Räumen stattfindet und von den Kirchgemeinden verantwortet wird. Fast 1/3 der Teilnehmer an der Christenlehre sind nicht getauft. Manchmal werden über die Kinder auch Eltern erreicht, die der Kirche fern stehen, sich durch ihre Kinder mit Fragen des Glaubens konfrontiert sehen und dadurch beginnen, über ihre eigene Beziehung zum Glauben neu nachzudenken.
 
Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei der Kinder- und Jugendarbeit. Ungefähr auf drei Gemeindepfarrstellen in Mecklenburg kommt eine gemeindepädagogische Stelle.
Das Projekt der Tage ethischer Orientierung (TEO) ist ein Modell, das Schule, Kirche und Verbände zusammenbringt und bereits in anderen Bundesländern läuft.
 
Einen anderen Schwerpunkt bildet die Kirchenmusik. Rund 6.000 Menschen engagieren sich in Kirchen- und Posaunenchören und in Instrumentalgruppen. Neben den 35 hauptamtlichen Kirchenmusikern in Voll- und Teilzeitstellen gibt es sehr viele neben- und ehrenamtliche Organisten und Chorleiter.
 
Evangelische Kindergärten und Schulen
 
Auch in evangelischen Kindergärten, von denen es vor der friedlichen Revolution in Mecklenburg drei gab und heute über 50, engagieren sich die Kirchgemeinden, unterstützt von diakonischen Trägern, für die nachwachsende Generation.
 
In den vergangenen zwanzig Jahren konnten in Mecklenburg 19 evangelische Schulen gegründet werden, die zur evangelischen Schulstiftung gehören. Es gibt darüber hinaus weitere 15 evangelische Schulen, die sich der Schulstiftung nicht angeschlossen haben. Alle diese Schulen erfreuen sich eines regen Zulaufs. In der einst atheistisch geprägten Schullandschaft mit ausschließlich staatlichen Schulen sind die evangelischen Schulen ein Zeichen für den Willen von Christen und Kirche, einen erheblichen Beitrag für die Bildung der Kinder und Jugendlichen zu leisten.
 
Seit 1990 hat sich auch das Arbeitsgebiet des Diakonischen Werkes Mecklenburg-Vorpommern sehr ausgeweitet. Zum Landesverband MV des Diakonischen Werkes gehören heute 117 Mitglieder, die 760 Einrichtungen vertreten. Mehr als 11.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind in den Einrichtungen der Diakonie tätig.
 
Kirchbauten
 
Ein besonderen Schatz des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises sind die 84 Stadt- und 580 Dorfkirchen, die die Landschaft Mecklenburgs wesentlich mit prägen. Erbaut aus Feld- und Backsteinen weisen sie auf die Geschichte der christlichen Botschaft in diesem Land hin und auf ihre enge Verbindung mit dem Leben der Menschen hier. In einer „Konzeption zur Nutzung von Kirchen“ heißt es: „Kirchen sind sichtbare Zeichen dafür, dass Gott Wohnung unter uns Menschen nimmt.“ Und: „Sie sind nicht nur Orte, in denen gepredigt wird, sondern sie predigen auch selbst. So bleiben sie auch in einer Gesellschaft, die sich nicht mehr selbstverständlich als christlich versteht, ein öffentliches Wahrzeichen für die Gegenwart Gottes in der Welt. Dies gilt auch, wenn sie nicht mehr für Gottesdienste genutzt werden sollten. Als Orte der Besinnung und Ruhe für Christen wie für Nichtchristen sind sie unverzichtbar.“
 
Zukunft
 
Der Kirchenkreis und die Kirchengemeinden stehen zu ihren Kirchen und wollen mit ihnen in die Zukunft gehen. Das ist und bleibt eine große Aufgabe, die viel Anstrengung und der Hilfe der gesamten Gesellschaft bedarf. Das Engagement der knapp 150 Kirchbauvereine, in denen sich zum großen Teil Menschen engagieren, die nicht der Kirche angehören, ist dafür ein ermutigendes Zeichen.
 
Der größte Schatz der Landeskirche sind aber die Menschen in Mecklenburg, die Christinnen und Christen aus den unterschiedlichen Regionen, haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende in den Kirchengemeinden und Werken der Kirche, Menschen, die der Kirche näher und ferner stehen, die sich mit ihren unterschiedlichen Glaubens- und Lebenserfahrungen begegnen und sich den Fragen und Herausforderungen ihrer Umwelt stellen.
 
Um dafür auch in Zukunft geeignete Strukturen zu schaffen und Kraft zu gewinnen, schlossen sich drei Kirchen im Norden zu Pfingsten 2012 zusammen. Die heutige Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) ging aus der Fusion der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs, der Pommerschen Evangelischen Kirche und der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche hervor.



Chronologie

Mecklenburg, die große Burg, zwischen Elbe und Recknitz
Teilweise Verdrängung germ. Stämme während der Völkerwanderung (600 n. Chr.) durch westslawische Stämme (Obotriten, Lutizen, Wilzen).
Erste Missionsversuche missglücken trotz Ansätze (Slawenaufstand 983, Wendenaufstand 1066).
12. Jh. Christianisierung durch Kolonisierung westfälischer und flämischer Siedler.
Gründung der Bistümer Ratzeburg (1154), Lübeck (1160) und Schwerin (1160).
Klöster entstehen: Zisterzienser in Althof-Doberan (1171/86) und Dargun (1172/1209), die Prämonstratenser in Ratzeburg (1158) und Broda (1244), die Kartäuser in Marienehe (1396).
Frauenklöster entstehen in Dobbertin, Eldena, Rühn (Benediktinerinnen), Ivenack, Malchow, Neukloster, Rostock, Wanzka, Zarrentin (Zisterzienserinnen), Röbel (Magdalenerinnen), Rehna (Prämonstratenserinnen) und Ribnitz (Klarissen).
Orden werden sesshaft: Johanniter Konvente in Groß Eichsen (1160), Mirow (1242) und Nemerow (1298), die Antoniter in Tempzin (1222), die Deutschritter in Krankow (1268).
Franziskaner-Konvente werden gegründet: Schwerin (1235/36), Rostock (1240), Wismar (1251/52), Parchim (1246) und Neubrandenburg (1260), die Dominikaner in Rostock (1256), Röbel (1286) und Wismar (1292/93).
1419 Gründung der ersten Universität des Nordens in Rostock.
1432 Theologische Fakultät mit Privileg Eugens IV. eingerichtet.
Reformatorischer Einfluss: 1523 J. Slüter (Rostock) und H. Never (Wismar) predigen evangelisch.
Nach Bikonfessionalität (Herzog Heinrich V. als Förderer der Reformation <> Herzog Albrecht VII katholisch) folgt auf dem Landtag zu Sternberg 1549 Einigkeit beider Herzogtümer auf die Reformation.
1552 Einführung einer luth. Kirchenordnung (Vf. Joh. Aurifaber), 1557/60 Landesvisitation.
Dreißigjähriger Krieg: zeitweise kath. Einfluss Mecklenburgs unter Wallenstein, 1631 Abdrängung durch das Eingreifen Gustav II. Adolfs.
Pietistischer Anspruch durch P. Tarnow (+1655), J. Lütkemann (+1655), Th. Großgebauer (+1661), Joh. Quistorp (+1669) und H. Müller (+1675).
Konversion von Herzog Christian Ludwig von M.-Schwerin (1663) zum Katholizismus: Zuwanderung kath. Geistlicher, u.a. N. Stensen, und die Entstehung kath. Gemeinden; Gründung eines jesuitischen Ordenshaus 1708 in Schwerin.
Unter Friedrich Franz I. von M.-Schwerin, Gleichstellung kath. und luth. Konfession (1811), bürgerliche Rechte für Juden (1813).
Inkrafttreten einer republikanischen Verfassung (1919/1920) führt zu einer synodalen Kirchenordnung
H. Behm (+1930) wird 1922 der erste luth. Bischof in Mecklenburg
Kath. Gemeinden unterstehen seit 1930 der Diözese Osnabrück
Zweiter Weltkrieg: Gleichschaltung der luth. Kirche; Bf. H. Rendtorff (+1960) tritt im Herbst 1933 zurück und wird durch ?Landeskirchenführer? W. Schultz ersetzt, die Bekennende Kirche wird durch N. Beste (+1987) als Leiter des Landesbruderrates bestimmt, die theol. Fakultät Rostock (Fr. Brunstäd, H. Schreiner) steht auf der Seite der Bekennenden Kirche
N. Beste als Bischof (1946-1971) leitet die mecklenburgische Kirche auf lutherischem Fundament in volkskirchlicher Orientierung, 1968/1969 ist er an der Gründung der VELK-DDR und des Bundes der ev. Kirchen in der DDR beteiligt - Nachfolger sind Bischof Heinrich Rathke (1972-1984), Christoph Stier (1984-1996), Hermann Beste (1996-2007), Dr. Andreas von Maltzahn (seit 2007)
1989 Beitritt der luth. Kirche 1991 der EKD und der VELKD; das Verhältnis zwischen Staat und luth. Kirche wird im Güstrower Vertrag 1994 festgelegt
Die Ev.-Luth. Landeskirche Mecklenburgs hat 196.000 Mitglieder mit 195 Pfarrstellen in fünf Kirchenkreisen (Stand: 2010)
Die kath. Kirche gehört seit dem 1.1.1995 zum Erzbistum Hamburg mit Erzbischof Dr. Thissen und hat 60.000 Mitglieder mit 50 Pfarrstellen in 5 Dekanaten

Mit der Fusion zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland wird aus der früheren Landeskirche der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Mecklenburg mit vier Prosteien in Parchim, Wismar, Rostock und Neustrelitz. Die Verwaltung sitzt in Schwerin mit Außenstellen in Güstrow und Neubrandenburg. Der Kirchenkreis gehört zum Sprengel Mecklenburg und Pommern, indem es zwei Bischöfe gibt: Dr. Andreas von Maltzahn (Schwerin) und Dr. Hans-jürgen Abromeit (Greifswald).