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Gemeinsames Bischofswort der evangelischen und katholischen Kirchen zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger in Mecklenburg-Vorpommern,

11.08.2011 | Schwerin (cme).

„Wir sind das Volk – wir sind ein Volk“ – mit diesem Ruf haben all jene im Herbst 1989 geantwortet, die den richtigen Zeitpunkt gekommen sahen, sich nicht weiterhin die Bevormundung der SED gefallen zu lassen, sondern mutig für Freiheit und Demokratie einzutreten. Das Erinnern und Gedenken an all jene, die vor 21 Jahren diese Wahl getroffen haben, liegt hinter uns. Es nahm in den letzten beiden Jahren breiten Raum ein. Wir haben uns über Erreichtes gefreut und Besorgnisse ausgesprochen. Dabei haben wir erkannt: Die einmal errungene Freiheit und Demokratie ist nicht ein für alle mal sicher. Sie ruft uns jeden Tag neu in die eigene Verantwortung.

Zuweilen macht sich Ernüchterung breit: Menschen, die sich mit großem Engagement in die Gestaltung unseres Gemeinwesens einbringen, erleben, dass Handlungsspielräume begrenzt sind und ihr Einsatz nicht zum gewünschten Ziel führt.
Andere fühlen sich abgehängt und vergessen. Ihr Vertrauen in das Gelingen der Demokratie ist erschüttert und sie neigen dazu, sich gar nicht mehr an Wahlen zu beteiligen.

Für die Demokratie ist dies gefährlich. Denn sie lebt davon, dass sich möglichst viele in die politische Willensbildung einbringen. Unzufriedenheit über politische Entscheidungen sollte mehr Transparenz und Beteiligungsmöglichkeiten einfordern, darf jedoch nicht zu einer Infragestellung der Demokratie überhaupt führen. Es gibt keine bessere Alternative zur demokratischen Staatsform. Es gibt nur die Möglichkeit, demokratische Mitbestimmung besser zu verwirklichen.

Am 4. September dieses Jahres haben wir alle miteinander die Wahl. Wir werden für Mecklenburg-Vorpommern einen neuen Landtag sowie die Kreistage und Landräte der sechs neu zu bildenden Landkreise wählen. Darüber hinaus werden wir über die Namen der neuen Landkreise abstimmen.

Bitte nutzen Sie diese Möglichkeit der Mitbestimmung über die politische Zukunft in unserem Land. Überprüfen Sie die Wahlprogramme der Parteien anhand Ihrer eigenen Lebenssituation und der tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten. Scheuen Sie nicht davor zurück, auf Veranstaltungen zur Wahl Ihre eigenen Fragen zu stellen. Und motivieren Sie Menschen, die sich resigniert zurückgezogen haben, ebenfalls zur Wahl zu gehen.

Als Kirchen treten wir für eine Werteorientierung ein, in deren Zentrum die Würde jedes Menschen, die Achtung der Menschenrechte und die Ausrichtung am Gemeinwohl stehen. Wir bitten Sie deshalb, besonders kritisch und wachsam zu sein, wenn Vertreter extremistischer Ideologien versuchen, die menschenverachtenden Wurzeln ihrer Politik durch eine vorgetäuschte Bürgernähe zu überspielen. Der Schein trügt. In Wirklichkeit wollen sie ihr Mandat nur für ihre demokratiefeindlichen Ziele benutzen, ohne die Menschenwürde aller zu achten.
Wer nicht zur Wahl geht, bestraft damit nicht die Politiker, sondern spielt Extremisten in die Hände und schwächt damit die demokratische Zivilgesellschaft.

Lassen Sie uns miteinander das Beste für unser Land suchen. Demokratie lebt von Vielfalt und Beteiligung. Sie braucht das Engagement derer, die für das Zusammenleben der Menschen Verantwortung übernehmen wollen. Wir sind dankbar für diese Bereitschaft und stärken allen den Rücken, die sich glaubwürdig für eine demokratische Partei zur Wahl stellen. Dass wir ihnen mit unserer Wahlentscheidung Vertrauen in ihre Kompetenz und ihre guten Absichten entgegenbringen, ist das Rückgrat der Demokratie. Wo dieses Vertrauen jedoch verspielt oder von vornherein verweigert wird, kann unser Zusammenleben nicht gelingen.

Demokratie braucht auch den kritischen Einspruch derer, die sich oder andere benachteiligt sehen. Denn die Demokratie bleibt uns nur erhalten, wenn sie nicht einfach hingenommen, sondern aktiv gelebt wird.
Nach dem christlichen Menschenbild ist jeder Mensch zu verantwortlicher Selbstbestimmung herausgefordert. Er trifft seine freie Entscheidung und lebt dabei zugleich in solidarischer Verbundenheit mit anderen. Diese zeigt sich in der Achtung der Würde eines jeden Menschen und im Eintreten für die Menschenrechte. Wo sie verletzt werden, ist unser Einsatz gefragt.

Wir haben die Wahl und stehen miteinander in Verantwortung, weiter zu gestalten, was wir 1989 miteinander errungen haben. Deshalb bitten wir Sie: Leisten Sie Ihren Beitrag für eine lebendige Demokratie zum Wohl aller Menschen in unserem Land und nehmen Sie Ihr Wahlrecht in Anspruch.

Schwerin, Greifswald, Hamburg und Berlin im August 2011

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Dr. Andreas von Maltzahn Dr. Matthias Heinrich
Landesbischof Weihbischof in Berlin
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Diözesanadministrator
Mecklenburgs


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Dr. Hans-Jürgen Abromeit Dr. Werner Thissen
Bischof Erzbischof von Hamburg
Pommersche Evangelische Kirche


Weihbischof Norbert Werbs
Erzbischöfliches Amt
Schwerin