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Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswald: Bischöfe zu Fragen der Zeit

 

Ich träume von einer Gemeindekirche

 

Die Kirche ist in den Herzen und Köpfen der Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland nach wie vor marginalisiert und mit Ressentiment belegt – Zugleich leben wir in einer Zeit, in der die Menschen Sehnsucht haben nach Orientierung, Verwurzelung, Heimat und Ewigkeit

 

Ein Fotograf soll im Greifswalder Dom Fotos aufnehmen. Er, der sein Fotoatelier in fußläufiger Entfernung hat, betritt staunend die Kirche und wundert sich: „Die Kirche ist ja noch voll in Betrieb?!“ Offensichtlich hat er die vielfältigen Aktivitäten im Dom gar nicht wahrgenommen. Im Blick auf die Kirche besteht nicht nur ein Wahrnehmungsdefizit, sondern ein regelrechter blinder Fleck, der aus der DDR-Zeit und der damaligen staatlich gelenkten Beeinflussung resultiert. Kirche galt als überholt und unerwünscht, und so verschwand sie aus dem Bewusstsein des Normalbürgers. Die Wirkung hält bis heute an: Was es nicht geben durfte, gibt es auch nicht; zumindest wird es nicht wahrgenommen. Die Kirche ist in den Herzen und Köpfen der Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland nach wie vor marginalisiert und mit Ressentiment belegt.

 

Der Inhalt, für den die Kirche steht, der Glaube an Gott und Jesus Christus, wird als Ausdruck einer vergangenen Zeit, ja als zum Teil sogar gefährliches, ideologisches Interpretament einer auf Macht und Einfluss bedachten, rückwärts gewandten gesellschaftlichen Gruppe verstanden. Nur so ist z. B. zu erklären, warum dort, wo heute der Religionsunterricht neu eingeführt wird (solche Schulen gibt es vereinzelt noch immer), Eltern massiv Widerstand leisten und dort, wo er eingeführt ist, Schüler sich weigern, bei entsprechenden Hausaufgaben zu Hause die Bibel aufzuschlagen. „Das fass ich nicht an!“, gab ein Schüler seinem Lehrer zurück, als er im Unterricht mit der Bibel arbeiten sollte.

 

Gewiss kann man darauf hinweisen, dass solche, durch jahrzehntelange Indoktrination bewirkten ideologischen Restbestände im Schwinden begriffen sind und die geistige Lage dabei ist, sich zu wandeln. Hinzu kommt: Einflussreiche gesellschaftliche Kreise (Gewerkschaften, Unternehmer, Parteien, Bürgerbewegungen) und vor allem Landesregierungen und politisch Verantwortliche auf der lokalen Ebene wissen den positiven Einfluss von Glaube und Kirche auf das Entstehen von Solidarität, einer Atmosphäre der Mitmenschlichkeit, die Bildung von Werten überhaupt und – besonders aktuell – die Bekämpfung von Rassismus sehr wohl zu schätzen.

 

Aber eine realistische Vision für die Pommersche Evangelische Kirche für das Jahr 2020 wird beides berücksichtigen: das Ressentiment auf der einen und die Wertschätzung auf der anderen Seite. Dazu zeigen die aufgrund unseres Mitgliederbestandes möglichen Hochrechnungen eine Verkleinerung unserer Kirche von jetzt ca. 103.000 (Stand: 31.12.2005) auf dann ca. 75.000, also eine Verringerung um 25 Prozent. Die Finanzkraft wird in gleichem Zeitraum noch stärker, vorsichtig geschätzt um ein Drittel, zurückgehen.

 

Was dürfen wir vor dem Hintergrund dieser harten Fakten aufgrund der Verheißung Jesu Christi für seine Kirche erwarten? Auftrag und Verheißung der Kirche Jesu Christi werden klassisch und gut bei der Ordination von Pfarrerinnen und Pfarrern (Agende für die Evangelische Kirche der Union, Bd. II/2, Gottesdienstordnung für Ordination, Einführung, Bevollmächtigung und Vorstellung, Bielefeld 1989, S. 21) mit drei Bibeltexten zusammengefasst, nämlich durch den Auftrag Jesu Christi zur Mission und der Verheißung seiner Gegenwart (Matthäus 28,18-20), der Charakterisierung des besonderen Amtes als Amtes der Versöhnung (2. Korinther 5,19-21) und der Verheißung der Auferbauung der Gemeinde durch das plurale Amt (Epheser 4,1-13). Die auch in unseren reformatorischen Kirchen vernachlässigten Grundlagen für das Wachstum von Gemeinden finden sich dabei vor allem an der letzten Stelle, an der der Apostel das Geheimnis wachsender Gemeinden beschreibt:

 

Kirche ist Gemeindekirche. Sie wirkt nicht nur als ein Fluidum in der Gesellschaft, das nicht näher zu beschreiben ist, sondern wird konkret erfahrbar in der Gemeinschaft des Leibes Christi. Ich bin hier in Ostdeutschland auf die tiefe Verwurzelung des Verständnisses der Kirche als Gemeindekirche gestoßen. Wenn der durch jahrzehntelange staatlich angeordnete Diskriminierung zugefügte Schmerz abklingt und die entsprechenden Wunden verheilen, ist dies eine gute Voraussetzung für Gemeindeentwicklung. Dabei muss noch gelernt werden, dass sich der Leib Christi zwar in wirklichen Gemeinden manifestiert, aber nicht unbedingt in der vorfindlichen Parochie, sondern überall dort, wo Gemeinschaft aus dem Wort Gottes und den Sakramenten wächst.

 

Jeder Christenmensch ist von Christus mit einer Gabe beschenkt, die er oder sie zum Aufbau der Gemeinde nutzen kann und soll. Mit unserer Gabe macht uns Gott ein Geschenk aus der Ewigkeit. Es wäre würde- und taktlos, dieses Geschenk nicht anzunehmen. Und doch stapeln sich sozusagen in der deutschen Kirchengeschichte über Jahrhunderte nicht ausgepackte Geschenke. Pfarrerinnen und Pfarrer und der kleine Kreis der Engagierten in unseren Gemeinden klagen über die mangelnde Bereitschaft des weiteren Kreises der Gemeindemitglieder, sich am Gemeindeleben zu beteiligen. Die überzeugendste Begründung auf die Frage, warum es gerade in unserem mitteleuropäischen und spezifischen deutschen Kontext so schwierig ist, Beteiligungskirche zu bauen, finde ich bei Dietrich Bonhoeffer. Er schreibt in der kleinen Schrift „Gemeinsames Leben“: „Eine Gemeinschaft, die es zulässt, dass ungenutzte Glieder da sind, wird an diesen zugrunde gehen.“ Konkret bezieht Bonhoeffer diesen Satz auf die aktuelle Bildung einer Gemeinschaft.

 

Wende ich diesen Satz auf die Geschichte der Kirche an, dann muss ich mir klar machen, dass in Deutschland – auch im Gefälle der Reformation – Jahrhunderte lang für Gemeindeglieder kaum Möglichkeiten zur Beteiligung bestanden. Selbstverständlich hat dies auch das Bewusstsein und die Mentalität sowohl der Gemeindeglieder als auch der Pfarrerinnen und Pfarrer geprägt. Es ist von hierher gesehen kein Wunder, dass – vor dem Hintergrund einer anderen Kultur – etwa in den USA auch in den Kirchengemeinden eine Kultur des freiwilligen Dienstes und der Beteiligung besteht, während wir in Deutschland uns sehr schwer tun, eine solche zu entwickeln. Ein wesentliches Hindernis für das Wachstum der Gemeinde ist dieses letztlich – auch in der evangelischen Kirche – monarchische Amtsverständnis.

 

Es gibt das Amt in der Kirche nur im Plural. Das Priestertum aller Glaubenden schließt immer auch ein Reden von den vielen Diensten und Ämtern ein. Das eine besondere Amt des Dienstes an Wort und Sakrament hat nur im Miteinander der anderen Ämter seine Funktion. Nach neutestamentlichem Verständnis sind Ämter und Dienste immer auf Ergänzung angelegt. Der Epheserbrief stellt verschiedene, alle auf das Wort Gottes bezogene Ämter nebeneinander: Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer (4,11). Wenn die evangelische Kirche traditionell nur im Singular vom Amt redet und damit das Pfarramt meint, ist dies gegenüber dem neutestamentlichen Befund eine Verarmung. Eine Wiederentdeckung der pluralen Formen des Amtes wird auch das Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen erleichtern.

 

Ziel des Gemeindeaufbaus ist ein reifer Glaube. Dem allgemeinen Priestertum entspricht die besondere Stellung jedes Einzelnen vor Gott. Jeder Mensch hat mit Gott seine eigene Geschichte. Das Ziel ist reifer Glaube und Mündigkeit. Diese Mündigkeit des Glaubenden entsteht nicht durch Selbstvervollkommnung, sondern durch Christuserkenntnis. Sie zeigt sich in einem eigenen Urteilsvermögen.

 

Grundlage starker Gemeinden sind Liebe und Vertrauen. Missgunst, Konkurrenzneid und Eitelkeit bremsen das Wachstum der Gemeinden. Das ureigene Element der christlichen Gemeinde ist Liebe und das dem Glauben entsprechende Gottvertrauen. Die durch Christus entfesselte Kraft der Liebe auch für den Gemeindeaufbau fruchtbar zu machen, heißt die ureigene Kraft des Glaubens auch für die Entwicklung der Gemeinden zu nutzen. Das Geheimnis wachsender Gemeinden liegt im Prinzip der Selbstauferbauung durch Liebe.

 

Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen Sehnsucht haben nach Orientierung, Verwurzelung, Heimat und Ewigkeit. Wir nehmen auch eine neue Offenheit für Spiritualität und Religion wahr, aber die Kirche profitiert bisher wenig davon. Offensichtlich ist die christliche Religion in ihrer protestantischen Gestalt nicht sonderlich attraktiv für Menschen unserer Kultur. In anderen, so unterschiedlichen Kulturen wie Tansania, den USA und China habe ich eine ganz andere Resonanz auch der evangelischen Kirche erfahren. Das hängt aber auch damit zusammen, dass dort der Glaube als relevant, geschichtlich bewährt und Zukunft eröffnend erfahren wird. Mit anderen Worten: Er gilt als fortschrittlich. Meine Vision von Kirche 2020 nimmt diese Erfahrungen auf. Nach einer längeren Zeit der gesellschaftlichen Marginalisierung wird auch unsere Kirche wieder als relevant erfahren werden, wenn es ihr gelingt, sich in unsere Kultur als kommunikativ und gemeinschaftsstiftend, Nächstenliebe praktizierend, nicht behördenförmig, sondern personal zugewandt, authentisch, als Expertin für Ewiges Leben zu profilieren.

 

Sie wird dies nur, wenn sie gleichzeitig die Bedürfnisse der heutigen Menschen und ihren eigenen Auftrag und ihre Verheißung im Blick behält. Die Kirche wird dann zu einer Missionskirche werden, die sich konsequent auf die Menschen hin orientiert, die bisher noch nicht zu ihr gehören. Sie wird in diesem Sinne – um einen Terminus Dietrich Bonhoeffers aufzunehmen – „Kirche für andere“ werden. Ich habe deswegen der Pommerschen Evangelischen Kirche vorgeschlagen, sich etwa nach folgendem Mission Statement zu orientieren: „Die Pommersche Evangelische Kirche will den Menschen in Vorpommern, auch den Gott- und Kirchenfernen, in Wort und Tat die gute Nachricht weitergeben, dass Gott sie liebt und sie zu Nachfolgern Jesu Christi machen will.“

 

Eine Vision rückt eine denkbare Situation, die in der Zukunft eintreten könnte oder herbeigeführt werden sollte, geistig vor. Die Gemeinde als Leib Christi, der sich selber auferbaut (vgl. 1. Korinther 12; Römer 12, Epheser 4) ist für mich eine solche Vision. Um zu einer Gemeindekirche zu werden, wird sich zu allererst unsere Grundeinstellung zur Kirche wandeln müssen. Wir alle sind aufgewachsen mit einer Einstellung zu Kirche, die am ehesten einem Mutter-Kind-Verhältnis entspricht. Dabei ist die Kirche unsere Mutter, die gut für uns sorgt und unsere religiösen Bedürfnisse befriedigt. Sie ist da, wenn wir sie brauchen. Aber sie erlaubt ihren Kindern ihr ganzes Leben lang nicht, erwachsen zu werden. So müssen wir Abschied nehmen von der Mutter Kirche und uns zu einem Verständnis der Kirche als Gemeindekirche und als Tochter verändern. Die Interpretation unseres geläufigen Gemeindeverständnisses als ein Verständnis von „Mutter-Kirche“ im Unterschied zu einem „Tochter-Gemeinde-Verständnis“ verdanke ich unserem Konsistorialrat Hans-Ulrich Kessler. Mit einem Selbstverständnis als Tochter-Gemeinde wissen die Gemeindeglieder, dass, wenn sie sich nicht um ihre Gemeinde kümmern, wie sich gute Eltern um ihre Tochter kümmern, die Gemeinde untergehen wird. Die Gemeindeglieder wissen, dass kein Pfarrer auf Dauer die Präsenz einer Kirche in ihrem Dorf garantiert, wenn sie es nicht selber tun. Ich habe solch selbständiges und reifes Gemeindebewusstsein bei einer Reihe von Gemeinden in den USA kennen gelernt. Ich wünsche mir für meine Kirche, dass auch unter uns möglichst viele Gemeinden diese Mündigkeit und dieses Selbstbewusstsein entwickeln und sie soviele Gelegenheiten wie möglich für soviele Menschen wie möglich bereit hält, um in ihrem Glauben erwachsen zu werden.

 

Ich träume von einer Gemeindekirche, in der Gemeinden Glaube, Liebe und Hoffnung leben. Ich träume von einer Gemeinde, die nicht durch absurde Alternativen blockiert ist – wie z.B. die Bezeugung des Evangeliums durch das Wort oder durch die Tat. Ich träume von einer Kirche, in der Wort und Tat sich gegenseitig interpretieren und sich gegenseitig glaubwürdig machen. Ich träume von einer Kirche mit einem Sinn für Gemeinschaft, von gemeinsamem Leben, das das Leben ihrer Mitglieder prägt. Ich träume von einer Kirche, in der Gemeinden Orte sind, an denen die, die verletzt sind an Leib, Seele und Geist, geheilt werden. Als Kirche, die sich auf ihren Kernauftrag konzentriert, wird sie Kirche des ewigen Gottes sein, der sich seiner vergänglichen Welt zuwendet. Sie wird eine nachhaltig handelnde und die Schöpfung Gottes bewahrende Kirche sein, eine mit Leidenschaft für die Menschenrechte und gegen jede Art von Rassismus eintretende Kirche sein und eine Bereitschaft zum Verzicht zugunsten der in unserer Gesellschaft an den Rand Gedrängten und zugunsten der Menschen der Zwei-Drittel-Welt sein.

 

Als Bischof darf ich solche Träume haben und meine Vision in Worte fassen. Jedoch werde ich niemals meiner Kirche anordnen können, mir in diesen Sichtweisen zu folgen. Ich hoffe und bete allerdings, dass Menschen von dieser Vision berührt werden, sie auf ihr Leben und ihre Gemeinde beziehen und sie zu ihrer machen. Wenn unter uns solche Visionen aufbrechen, dann werden wir uns auf einen Weg machen, bei dem wir auch andere Menschen mitnehmen und die gewinnen, die sich bisher von Glaube und Kirche abseits gehalten haben. Auf jeden Fall werden wir aufbrechen und die Zukunft zu gestalten versuchen.

 

Als es im Frühjahr 2006 nach der großen Kälte anfing zu tauen, stand unser Hausmeister im knöcheltiefen Matsch auf der Dachterrasse des Konsistoriums und versuchte, mit Hammer und Meißel das zugefrorene Abflussrohr vom Eis zu befreien. Trotz mühsamer und stundenlanger Arbeit gelang es ihm nicht. Nicht mit großen Kräften noch mit Gewalt ließ sich der Abfluss freimachen. Wenige Tage später öffnete sich das Abflusswasserrohr ganz von allein. Es bedurfte nur der Wärme. Dies ist mir zum Bild geworden für die sich selbst auferbauende Gemeinde. Durch noch so gut überlegte Ideen, mit noch so viel Einsatz und eventuell sogar mit Gewalt lässt sich Gemeinde nicht aufbauen. Gemeinde baut sich selbst auf durch die Liebe, die Christus uns erweist und mit der wir einander begegnen. Das ist wie Wärme in unserer kalten Welt.

 

Der Autor, Dr. Hans-Jürgen Abromeit (Greifswald), ist Bischof der Pommerschen Evangelischen Kirche. Sein Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung dem Band „Zukunft wagen! Träume und Visionen deutscher Bischöfinnen und Bischöfe“ (herausgegeben von Udo Hahn und Marlies Mügge, Gütersloher Verlagshaus, 141 Seiten, 16,95 Euro) entnommen.

 

Aus VELKD Informationen Nr. 118 vom 26. September 2006

 

 


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