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Gemeinde Franzburg/Richtenberg startet neues Seelsorge-Projekt

Zeit am Bett der Sterbenden

02.06.2014 ǀ Franzburg.  In der Kirchengemeinde Franzburg/ Richtenberg gründet sich gerade eine Hospiz-Initiative. Der Pastor, eine Hausärztin im Ruhestand und eine Krankenschwester wollen den Tod in die Normalität zurückholen. Ehrenamtliche Helfer werden gesucht.

Als Hausärztin hatte es Dr. Monika Tauchert in Richtenberg und Umgebung immer wieder erlebt: dass schwerkranke und alte Menschen zu Hause sterben wollten, aber am Ende doch im Krankenhaus landeten. Inzwischen ist die 61-Jährige in Rente, hat ihre Arztpraxis an die Tochter abgegeben „und jetzt will ich endlich das machen, wofür ich im Beruf oft nicht genügend Zeit hatte“, sagt sie: Menschen besuchen, die im Sterben liegen. Sie begleiten bis zum letzten Atemzug. Und so vielleicht auch verhindern, dass sie ins Krankenhaus müssen.

Axel Prüfer, Pastor in Franzburg und Richtenberg, unterstützt diese Idee. Auf seinem Arbeitstisch im Pfarrhaus stapeln sich Bücher zum Thema Tod, Rituale, Medizinethik. Zusammen mit Monika Tauchert und einer Krankenschwester der Diakonie- Station im Ort will er in den kommenden Monaten einen Ambulanten Hospizdienst mit ehrenamtlichen Helfern für die Region aufbauen. Am 5. Juni ist das erste Info-Treffen für Interessierte. Pastor Philip Stoepker, hauptamtlicher Leiter des Ambulanten Hospizdienstes Greifswald-Ostvorpommern, soll als Experte anreisen.

„Ein Hospizdienst ist eine wichtige Sache“, meint Prüfer. Der Tod werde verdrängt, in Altenheime und Kliniken verbannt. 80 Prozent aller Deutschen sterben im Krankenhaus, dabei wünschten sich die meisten den Tod zu Hause. „Wir werden dieses Problem sicher nicht allein lösen können“, sagt er. „Aber unsere Initiative könnte ein Anfang sein“: für eine neue Art, mit dem Sterben umzugehen.

Die Hospizbewegung ist in Vorpommern schon fest verwurzelt. Seit 1997 hat Pastor Philip Stoepker in Greifswald und Umgebung einen Ambulanten Hospizdienst aufgebaut, dessen Mitarbeiter inzwischen jedes Jahr rund 120 Schwerkranke und Sterbende in Greifswald und Umgebung begleiten. Auch in Stralsund gibt es einen Dienst. Und in der Gemeinde Heringsdorf auf Usedom gründen Katholiken und Protestanten laut Stoepker gerade eine Gruppe.

Initiative könnte Lücke schließen

Die Region Franzburg/Richtenberg war bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte: Ehrenamtliche Hospizhelfer gab es dort nicht, für die Begleitung Kranker oder Sterbender mussten Ehrenamtliche aus der Umgebung von Greifswald anreisen, erzählt Stoepker. Die neue Initiative könnte eine Lücke schließen.

Noch stehen die Franzburger und Richtenberger aber ganz am Anfang. In den kommenden Monaten, hoffen sie, könnten sich erste Ehrenamtliche zu Hospiz-Begleitern ausbilden lassen – vielleicht beim Ambulanten Hospizdienst in Greifswald. „Etwa fünf Leute haben schon signalisiert, dass sie Interesse haben“, erzählt Axel Prüfer – und hofft, dass es noch mehr werden. Parallel planen er, Monika Tauchert und die Krankenschwester Mareen Michaelis Infoveranstaltungen mit Vorträgen über Sterbephasen, die medizinische Schmerzbehandlung bei Schwerstkranken („Palliativmedizin“), die biblische Sicht auf das Lebensende und ähnliche Themen. Außerdem wollen sie ein Café gründen, in dem sich Angehörige einmal im Monat austauschen und mit den Hospizhelfern ins Gespräch kommen können. „Das Pfarrhaus Richtenberg wäre dafür ideal, das liegt ganz idyllisch“, meint Axel Prüfer.

Das Konzept der Initiatoren hat Lorbeeren geerntet, noch bevor es die ersten Früchte trägt: Bei einem Wettbewerb, mit dem die Bugenhagen-Stiftung in Greifswald innovative Seelsorgeprojekte von Gemeinden suchte, wurde es ausgezeichnet. (Seelsorge-Projekte in Pommern ausgezeichnet) 500 Euro bekommt die Initiativ-Gruppe nun als Preisgeld, mit bis zu 3 000 weiteren Euro kann die Arbeit gefördert werden. „Damit können wir auf jeden Fall die Kosten im ersten Jahr bestreiten“, sagt Axel Prüfer. Einen hauptamtlichen Leiter werde man zwar nicht einstellen können. „Aber wir wollen den Ehrenamtlichen ihre Fahrtkosten erstatten.“ Auf lange Sicht finde man dafür hoffentlich Spender.

„Dieser Prozess braucht Zeit“

Philip Stoepker vom Greifswalder Hospizdienst freut sich, dass eine Kirchengemeinde den Hospizgedanken jetzt ins Zentrum rückt: „Sich um Menschen zu kümmern, ist ja eine ganz zentrale christliche Aufgabe“, sagt er. Allerdings dürfe man die Herausforderung nicht unterschätzen. Die Ausbildung zum Hospizhelfer bei einem anerkannten Hospizdienst umfasse rund 100 Stunden und ziehe sich über mindestens sechs Monate. Nicht nur Gesprächstechniken lernten die Teilnehmer. „Das wichtigste ist die eigene Auseinandersetzung mit Tod, Sterben und Trauer“, sagt der Pastor. „Und dieser Verarbeitungsprozess braucht einfach Zeit.“

Monika Tauchert, die sich nach Jahrzehnten als Kinder- und Allgemeinärztin erfahren genug fühlt, würde am liebsten sofort mit der Betreuung von Klienten anfangen. Zwei bis vier Menschen pro Monat könnten Interesse an einer Begleitung haben, vermutet sie. „Ich bin als Ärztin so oft gebeten worden: Bitte bleiben sie doch noch etwas.“ Jetzt endlich habe sie die Zeit, solche Bitten zu erfüllen. In Fällen, in denen Patienten an quälenden Schmerzen leiden, müssten aber auch die praktizierenden Hausärzte oder ein Palliativmediziner eingeschaltet werden. „Wir sind schon im Gespräch.“

Philip Stoepker sieht die Chance einer Hospizbegleitung vor allem darin, dass Schwerkranke und Sterbende ein Stück Lebensqualität zurückgewinnen könnten. Die Begleitung könne ihnen helfen, ihre Situation zu akzeptieren, über Sinnfragen nachzudenken oder Ängste zu überwinden. „Das muss aber auch nicht sein“, sagt er, „die Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich. Manche Klienten sind auch froh, wenn es mal nicht um ihre Krankheit geht und sie einfach mal wieder mit jemandem lachen können.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 22/2014
Die Initiativgruppe trifft sich am Donnerstag, 5. Juni um 15 Uhr im Pfarrhaus Richtenberg.

Pfarramt Franzburg